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Thema des Tages Eine Mittelalter-Burg in 3D: Abenteuer auf Burg Scharzfels
Thema Specials Thema des Tages Eine Mittelalter-Burg in 3D: Abenteuer auf Burg Scharzfels
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00:19 21.06.2018
Burg Scharzfels wurde digital rekonstruiert. Quelle: r
Scharzfels

Wer mal eine Playmobil-Ritterburg hatte, weiß wie sich das anfühlt. Hier ein großes Burgtor, da ein uneinnehmbarer Bergfried, Gefangene im Kerker und ein Burgfräulein, das vom Helden aus dem Turm gerettet wird. Abenteuerlich.

Ein bisschen so fühlt sich auch der Rundflug über die virtuell rekonstruierte Burg Scharzfels an. Wo heute nur noch ein Felsen mit zwei Mauerresten – die Burgruine – zu sehen ist, ziehen das neu erstellte 3D-Modell und der dazugehörige Dokumentarfilm in eine vergangene Welt hinein. Als Burg Scharzfels noch eine Festung voller Leben und Abenteuer war. Als der Räuberhauptmann Hans Warnecke von Eisdorf an der Gerichtslinde vor den Mauern der Burg hingerichtet und anschließend gevierteilt an den Osteroder Stadttoren aufgehängt wurde. Als Eleonore von dem Knesebeck mit Hilfe des Dachdeckers Hans Veit Rentsch aus Herzberg die Flucht aus ihrer Haft im als Gefängnis genutzten Zeughaus gelang – indem der Dachdecker sie vom Dach gut 20 Meter den Burgfelsen hinab abseilte. Auf ein wartendes Pferd natürlich.

Historische Abenteuer auf Burg Scharzfels

Ja, das ist wirklich passiert in der Geschichte von Burg Scharzfels. Der virtuellen Rekonstruktion, die nicht nur die frühere Architektur der imposanten Burg, sondern auch Abenteuergeschichten dahinter anschaulich macht, liegen „mehrere Regalmeter Akten im Landesarchiv in Hannover“ zugrunde, wie Firouz Vladi erzählt. Er hat die Arbeitsgemeinschaft Burgruine Scharzfels mitgegründet, ist stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins Deutsches Gipsmuseum und Karstwanderweg – welcher an Burg Scharzfels entlangläuft – und einer der Initiatoren für die Idee der digitalen Rekonstruktion.

Doch wie ist die Idee überhaupt entstanden? „Am liebsten hätten wir die Burg wieder neu aufgebaut“, sagt der Diplom-Geologe scherzend. Denn Ziel der Arbeitsgemeinschaft sei es, für die touristische Aufwertung der Burgruine zu sorgen. „Das war kein attraktiver Platz“, meint Vladi. Deshalb hätten sie unter anderem bereits zuvor Infotafeln angebracht und die Gaststätte an der Ruine sei neu verpachtet worden. Weil das Geld der Stadt Bad Lauterberg, zu der die Burg touristisch gehöre, natürlich nicht für eine echte Rekonstruktion reichte, musste die Burg dann eben virtuell nachgebaut werden.

Realitätsgetreue Rekonstruktion dank guter Aktenlage

Und zwar so realitätsgetreu wie möglich: „Unter den Akten in Hannover waren auch viele Bauakten“, erzählt Vladi. Darunter Akten zu maroden Gebäuden, Anträge für Erneuerungen mit Kostenvoranschlägen, Bauzeichnungen und vieles mehr. „Dadurch war der Baubestand sehr gut zu verfolgen“, sagt der Burg-Liebhaber und nennt diese gute Dokumentation „einzigartig in der Region“. Was daran liege, dass die im zehnten Jahrhundert errichtete Burg bis zu ihrer Zerstörung 1761 durch französische Truppen ein zentraler Verwaltungssitz mit verschiedensten wichtigen Funktionen gewesen sei – ursprünglich unter den Grafen von Scharzfels, später in den Händen der Welfen.

Diese ganzen Akten und historischen Unterlagen stellten Vladi und die Arbeitsgemeinschaft der Firma Archaeologica, die sich auf digitale archäologische Rekonstruktionen spezialisiert hat, zur Verfügung. „Wir haben Stunden am Telefon verbracht und über Einzelheiten wie die Dachziegel bestimmter Gebäude die Form der Fenster gesprochen“, erzählt Vladi. Doch die Arbeit hat sich gelohnt: Wer jetzt mit seinem Smartphone oder Tablet vor der Bugruine steht und den QR-Code scannt, der dort auf Tafeln steht, kann in einer mittelalterlichen, damals noch als uneinnehmbar geltenden Burg Scharzfels auf Entdeckungstour gehen.

In dem rund siebenminütigen Dokumentarfilm werden verschiedene Punkte in der rekonstruierten Burg angeflogen, dabei die wichtigsten Daten und historischen Ereignisse aufgegriffen und Geschichten wie die von Räuberhauptmann Hans Warnecke von Eisdorf oder der Flucht Eleonore von dem Knesebecks erzählt. Durch das 3D-Modell können sich die virtuellen Besucher – übrigens nicht nur vor der Burgruine stehend, sondern auch vorm Bildschirm zu Hause – selbst durch die Burglandschaft vom Torhaus zur Unterburg über das obere Burgtor bis zum Schlosshof und dem Bergfried scrollen und klicken. 18 Punkte sind in dem Modell markiert, die Erklärungen zu den verschiedenen Orten bereithalten. Man kann sich von Punkt zu Punkt klicken oder sich einfach frei mit der Maustaste am PC oder dem Finger auf dem Touchscreen umherbewegen. Bei zu schnellen Bewegungen wird einem da allerdings schnell mal schwindelig. Wie den Playmobil-Männchen, wenn sie auf der Burgmauer mal wieder zu schnell hin- und herbewegt werden.

3D-Modell und Dokumentarfilm sind unter scharzfels.info/mobile zu finden.

Das Projekt

Das Projekt zur digitalen Rekonstruktion der Burg Scharzfels wurde mit Leader-Mitteln sowie Mitteln des Landkreises Göttingen, der Stadt Bad Lauterberg, der Arbeitsgemeinschaft Burg Scharzfels und des Fördervereins Deutsches Gipsmuseum und Karstwanderweg finanziert. „Die Gesamtkosten liegen bei rund 18 700 Euro“, sagt Firouz Vladi, stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins Deutsches Gipsmuseum und Karstwanderweg. Umgesetzt wurde die digitale Rekonstruktion der Burg im Zustand von etwa 1700 durch die Seevetaler Firma Archaeologica. Etwa ein Dreivierteljahr dauerte es von der konkreten Idee bis zur fertigen Umsetzung, wie Vladi erzählt. Seit dem 15. Juni ist die Rekonstruktion online und Schilder an der Burgruine weisen darauf hin.

Mehrere Besitzerwechsel

In welchem Jahr die Burg Scharzfels erbaut wurde ist unbekannt. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie im Jahr 1131. Sie galt als unzerstörbar.

Allerdings zerstörten die Franzosen die Burg am 29. September 1761 während des siebenjährigen Kriegs. ZuIM alvor hatten sie diese sowohl 1757 sowie direkt vor der Zerstörung besetzt. Im Laufe der Jahrhunderte wechselten zudem mehrmals die Besitzer der Festung. Im Jahr 1132 wird Sigebodo von Scharzfels als Inhaber der Burg genannt. Er gilt als Stammvater der Grafen von Scharzfels. 1180 gelingt es Barbarossa im Kampf gegen Heinrich den Löwen die Burg kampflos einzunehmen. im 17 Jahrhundert geht die Burg nach weiteren Wechseln in den Besitzverhältnissen in den Besitz der hannoverschen Linie des Welfenhauses über.

Kommentar von Hannah Scheiwe „Mehr Game of Thrones als Opas Bücher“

Normalerweise verschweige ich, dass ich im Nebenfach Geschichte studiert habe. Weil nicht viel davon hängengeblieben ist – zu eintönig waren mir die Seminare, zu altmodisch die Methoden.

Aber nur weil Geschichte sich mit der Vergangenheit befasst, müssen die Umgangsweisen damit doch nicht aus alten Zeiten stammen. Warum nicht mal eine geschichtsträchtige Burg digital rekonstruieren? So, dass das 3D-Modell mehr an Szenen aus Game of Thrones erinnert als an Opas Geschichtsbuch. So, dass auch das Interesse von Menschen, die nicht sofort jedes historische Datum in sich aufsaugen, geweckt wird und – oh, Wunder – sie nicht nach fünf Minuten wieder alles vergessen haben.

Genau das ist den Machern der digitalen Rekonstruktion von Burg Scharzfels gelungen. Nach nur sieben Minuten Film gucken weiß ich, warum der eine noch bestehende Felsen gerötet ist – die Hitze des früher darunterliegenden Backhauses ist schuld –, dass die Scharzfelser selbst Bier gebraut haben und dass die Glocke, die im Mittelalter noch in der Burgkapelle hing, heute in der Barbiser St. Petri Kirche läutet.

Nachdem ich mich dann auch noch durch das 3D-Modell geklickt habe, habe ich Lust, mir diese Ruine mal anzusehen. Tatsächlich. Das hatte ich weder bei meinem Besuch in Pompeji in Italien noch auf der Akropolis in Athen. Und da wäre sicher mehr Game-of-Thrones-Atmosphäre rauszuholen als auf Burg Scharzfels.

Von Hannah Scheiwe

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