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Ökologisch weit vorne

Biowärmezentrum Ökologisch weit vorne

Es tut sich etwas, in Sachen nachhaltiger Energieversorgung in Göttingen. Die Stadtwerke Göttingen planen die Errichtung eines innovativen Biowärmezentrums mit einem europaweiten Forschungs- und Pilotprojekt, im Maschmühlenweg / Ecke Hildebrandstraße.

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Blick vom Maschmühlenweg auf das Grundstück, auf dem das Biowärmezentrum entstehen soll.

Quelle: Beckenbach

Göttingen. Es tut sich etwas, in Sachen nachhaltiger Energieversorgung in Göttingen. Die Stadtwerke Göttingen planen die Errichtung eines innovativen Biowärmezentrums mit einem europaweiten Forschungs- und Pilotprojekt, im Maschmühlenweg / Ecke Hildebrandstraße. Die Planungen waren notwendig geworden, weil das Heizkraftwerk in der Godehardstraße in die Jahre gekommen ist.

Das Heizkraftwerk in der Godehardstraße beliefert derzeit etwa 200 Gebäude in der Innenstadt ganzjährig mit Wärme. Der Anlagenpark im HKW besteht aus sechs Gasmotoren, die auf Basis von Kraft-Wärme-Kopplung, also der gleichzeitigen Gewinnung von Wärme und Strom betrieben werden. Vier der Anlagen werden mit Rohbiogas über eine eigene 8 km lange Rohrleitung aus der Biogasanlage Rosdorf versorgt. Zwei der Motoren leisten bereits seit 1998 zuverlässig ihre Dienste und müssen nun bis 2020 ersetzt werden. „Wir haben nach einem wirtschaftlichen, zukunftsfähigen und vor allem nachhaltigen Konzept gesucht“, sagt Stadtwerkesprecherin Claudia Weitermeyer. Das Unternehmen wurde fündig.

Testphase mit Holzvergaseranlage

Es entstand ein Kontakt zwischen den Stadtwerken und der Boson Energy SA in Luxemburg. Das 2009 gegründete Start Up entwickelt Anlagen auf dem Gebiet der biogenen Wärme- und Energiegewinnung. Ein Kooperationsabkommen sei mit Boson geschlossen worden, sagt Weitemeyer. Dies beinhaltete die Errichtung eines innovativen Biowärmezentrums in Göttingen für die Nahwärmeversorgung. Das neue Heizkraftwerk besteht aus einem Holzhackschnitzelkessel. Ergänzend wird für eine Testphase von zwei Jahren eine Holzvergaseranlage installiert, für die die reichhaltigen Vorkommen an Holz und Altholz in Südniedersachsen genutzt werden können.

Bei der Holzvergasung, der so genannten Pyrolyse, werde die eingesetzte Biomasse unter Ausschluss von Sauerstoff zersetzt und in ein brennbares Gasgemisch überführt, das in einem Gasmotor verbrannt wird und damit Wärme und Strom erzeugt. Pyrolyse-Anlagen werden normalerweise bei Temperaturen ab 200 Grad Celsius betrieben. Boson habe aber das Patent auf die Pyrolyse im Hochtemperaturbereich ab 1000 Grad Celsius, bei dem alle schädlichen Prozessrückstände wie Ruß und Teer vermieden werden. Eine erste Testanlage wurde bereits in Schweden verbaut. In Göttingen solle eine größere Anlage entstehen.

Wissenschaftliche Unterstützung

Die Göttinger Stadtwerke haben sich schon wissenschaftliche Unterstützung gesichert: Als europaweites Pilot- und Forschungsprojekt sei geplant, den Anlagenbetrieb in einer zweijährigen Testphase von der HAWK, Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst, Göttingen, begleiten zu lassen, sagt Weitemeyer.

Bei dem Pilotprojekt bestehe, so die Stadtwerke-Sprecherin, für das Unternehmen kein finanzielles Risiko. Sollte sich das Pyrolyse-Verfahren für den Alltagsbetrieb nicht eignen, werde die Anlage zurückgebaut und das Heizkraftwerk allein mit Holzhackschnitzeln weiterbetrieben. Die komplette Finanzierung der Pyrolyse-Anlage übernehme Boson Energy gemeinsam mit dem luxemburgischen Wirtschaftsministerium.

„Das neue Biowärmezentrum ist für die Göttinger Stadtwerke ein wesentlicher Baustein im Bereich Fernwärme. Das Projekt wird eine Strahlkraft weit über Göttingens Grenzen hinaus haben“ sagte Weitermeyer. Der Primaärenergiefaktor (PEF), der bei aktuellen Fernwärmelieferungen der Stadtwerke derzeit bei 0,43 liege, könne durch das neue Biowärmezentrum auf 0,2 abgesenkt werden. Zum Vergleich: Der PEF für Heizöl beträgt 1,1. Der PEF beziffert den Aufwand für die Lieferung der Endenergie, also in diesem Fall Strom und Wärme, von der Rohstoffgewinnung, über die Aufbereitung bis hin zum Transport.

Der Spatenstich sei für das Frühjahr 2018 geplant, das Biowärmezentrum solle Anfang 2019 seinen Testbetrieb aufnehmen.

Statements zum Biowärmezentrum:

Ellen Fischer-Kallmann (SPD), Mitglied im Aufsichtsrat der Stadtwerke Göttingen AG

„Im Neubau des Biowärmezentrums der Stadtwerke Göttingen AG sehen wir eine Chance für eine neue, innovative Technologie, die zukunftsweisend sein kann. Wir halten es für richtig, diesen Schritt zu gehen. Das Biowärmezentrum ist unserer Meinung nach klimaschonend, ökologisch und erzeugt nachhaltige Energie und ermöglicht umweltfreundliches Heizen.

Das geplante Projekt hat aus technischer Sicht gute Erfolgschancen. Es lohnt sich sowohl aus ökologischer als auch aus wirtschaftlicher Sicht. Das bestehende Risiko ist unter den gegebenen Voraussetzungen vertretbar. Die Innovation der Holzvergasung ermöglicht zudem ein neues zukunftsträchtiges Geschäftsfeld für die Stadtwerke unter Berücksichtigung der Nutzung nachhaltiger Energien.“

Rolf Becker (Göttinger Ratsfraktionsvorsitzender von Bündnis 90 / Die Grünen):

„Grundsätzlich ist das geplante Biowärmezentrum eine gute Idee. Man muss nur sehr stark kontrollieren, was man in die Anlage einbringt. Zudem muss man am Schornstein organische Moleküle wie Dioxine und Furane messen können.“

Hans-Georg Scherer (CDU-Fraktionsvorsitzender im Rat der Stadt Göttingen):

„Ich halte große Versuchsanlagen in der Innenstadt für sehr problematisch, da gerade bei der Pyrolyse Gefahren (Dioxine und andere Luftschadstoffe) diskutiert werden, die bei der Verwendung von verunreinigtem Holz beziehungsweise suboptimaler Prozesssteuerung entstehen können. Aus ökologischer Sicht ist es nicht sinnvoll, einem boomenden Markt noch weiteres Restholz aus natürlichen Quellen zu entziehen, da gerade Totholz im Wald verbleiben sollte, weil dies ein wichtiger und knapper werdender Lebensraum für viele Tiere und Pflanzen ist.“

Von Frank Beckenbach

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