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Thema des Tages Zwillinge übernehmen Ortsheimatpflege in Mingerode
Thema Specials Thema des Tages Zwillinge übernehmen Ortsheimatpflege in Mingerode
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00:21 28.10.2018
Die neuen Ortsheimatpfleger in Mingerode: Marcel (links) und Dennis Kohl (Mitte). Der ehemalige Ortsheimatpfleger Andreas Müller überreicht seinen Nachfolgern wertvolle Bücher. Quelle: Rüdiger Franke
Mingerode

 Sie sind jung und sie interessieren sich für die Geschichte ihres Heimatdorfes. Die Zwillinge Marcel und Dennis Kohl sind 26 Jahre alt und engagieren sich jetzt als Ortsheimatpfleger in Mingerode. Mit dem Duo hat sich ein deutlicher Generationswechsel im Ort vollzogen. Ihr Vorgänger Andreas Müller ist mittlerweile 83 Jahre alt und eigentlich längst nicht mehr im Amt. „Seit sieben oder acht Jahren übe ich die Funktion nur noch kommissarisch aus“, erzählt er.

„Wir sind über die Ahnenforschung dazu gekommen“, sagt Dennis Kohl. In dieser Gruppe, die sich regelmäßig im Dorfgemeinschaftshaus Mingerode trifft, hatten die beiden jungen Männer von Müllers kommissarischer Tätigkeit erfahren. „Wir hatten eigentlich gedacht, dass er noch von der Stadt dazu ernannt ist“, sagt Marcel Kohl. „Wir wussten nicht, dass das nicht mehr der Fall war.“

„Wir haben uns bei ihm erkundigt, ob sonst jemand bereit wäre, das Amt des Ortsheimatpflegers zu übernehmen“, ergänzt Dennis Kohl. Doch da gebe es derzeit niemanden, hatte Müller ihnen erzählt. Deshalb fragten sie ihn, „ob es Sinn macht, dass wir es mal ausprobieren. Wir haben uns schließlich schon immer für die Geschichte des Ortes interessiert.“

Älteren Dorfbewohnern oft zugehört

Früh hätten sie die Ortschronik gelesen, berichtet Marcel Kohl.„Wir haben unsere Oma auch viel gefragt, was sie noch von früher weiß.“ Auch ihre Mutter hätten sie als Informationsquelle genutzt. „Wir haben auch im Dorf zugehört, wenn die älteren Einwohner von früher erzählt haben.“

Zu Schulzeiten habe er es schon interessant gefunden, an Stadtführungen teilzunehmen, erzählt Marcel Kohl. „Es ist beeindruckend, was man sieht, wenn man an einer Stadtführung teilnimmt“, ergänzt sein Bruder, „obwohl man an manchen Stellen schon oft vorbeigekommen ist.“ Er erinnere sich zum Beispiel an eine Führung, bei der er erfahren habe, dass im Fachwerk am Ursulinenkloster noch eine Kanonenkugel aus dem 30-jährigen Krieg steckt.

Amtsübernahme aus Zeitgründen zu zweit

Die Zwillige müssen sehen, wieviel Zeit sie für ihr neues Amt neben ihrer Arbeit aufbringen können. Deshalb sei von Anfang an klar gewesen, „die Übernahme der Aufgabe kommt für uns nur zu zweit in Frage, damit wir das zeitlich schaffen“, wie Marcel Kohl sagt. Jeder von ihnen habe seine eigenen Talente, erzählt ihr Vorgänger Andreas Müller. „Wir ergänzen uns sehr gut“, sagt auch Dennis Kohl.

Andreas Müller hatte die Aufgabe 1982 übernommen. „Was mir am Herzen liegt, ist die Ordnung des Archivs“, sagt er. Er verweist auf Nesselröden als positives Beispiel. Mit seinen Nachfolgern will er zu dem dortigen Ortsheimatpfleger Josef Engelke fahren, um sich zu informieren. Auch die Kohl-Brüder sehen das Archiv als eine ihrer wichtigsten Aufgaben an.

In den vergangenen Jahren habe sich in Mingerode viel verändert, verweist er auf die Wohnverhältnisse im Ort und auf leerstehende Häuser. „Der Ist-Zustand ist für nachfolgende Generationen hochinteressant“, gibt er den jungen Leuten weitere Hinweise. Interessant sei es auch, den Zustand der Vereine zu beschreiben. „Das ist wichtig, damit zukünftige Generationen einen Überblick bekommen.“

Die beiden neuen Ortsheimatpfleger, deren Einsetzung in das Amt mit Erhalt der Bestallungsurkunde der Stadt Duderstadt wirksam wurde, haben sich verschiedene Ziele gesetzt. „Wir wollen uns mit der Hämelei-Ausgrabung beschäftigen“, erzählt Dennis Kohl. Die Hämelei sei ein Waldstück zwischen Mingerode, Breitenberg und Obernfeld. Einige dort ausgegrabene Fundstücke werden in einer Vitrine im Raum der Ortsheimatpfleger in der Grundschule aufbewahrt.

Zahlreiche neue Aufgabenbereiche

Zu den schönen Traditionen im Ort zähle Fronleichnam, sagt Marcel Kohl. „Die Beiden haben das Kriegerdenkmal auch schon gepflegt“, erzählt Andreas Müller. „Wir werden auch weiterhin ein Auge darauf haben, dass es dort ordentlich aussieht“, verspricht Marcel Kohl.

Auf die Zwillinge warten eine ganze Reihe an neuen Aufgaben. „Wir sehen zu, dass wir da reinwachsen“, sagt Dennis Kohl. Das sei auch der Hintergrund gewesen, gleich mit der Arbeit als Ortsheimatpfleger beginnen zu wollen. „Ohne Kontakte geht es nicht.“ Und da sei Andreas Müller auf jeden Fall eine gute Hilfe. Der erfahrene Senior hat den beiden auch zukünftig seine Hilfe zugesagt. Zunächst einmal übergab er seinen Nachfolgern einige wertvolle Bücher: die Ausgaben von „Unser Eichsfeld“ aus den Jahren 1934 und 1936 sowie das Buch „Heimatland – illustrierte Heimatgeschichte“.

Aufgaben der Ortsheimatpfleger

Die Leitlinien für die Arbeit in der Heimatpflege des Landkreises und der Stadt Göttingen habe er gemeinsam mit der damaligen Kreisheimatpflegerin Dagmar Kleineke entworfen, berichtet der Esebecker Ortsheimatpfleger Gerd Busse. Die Leitlinien seien in den Gremien verabschiedet worden. Die Hauptaufgaben der Heimatpflegerinnen und Heimatpfleger nach den Leitlinien des Landkreises und der Stadt Göttingen seien definiert in den Funktionen als

Ortschronist (Beobachtung des örtlichen Lebens und ihr schriftliches Festhalten),

Kenner des Ortes und seiner Geschichte,

Mitarbeiter, Ansprechpartner und Vermittler,

Berater der örtlichen Gremien,

Akteure in der Öffentlichkeitsarbeit (Vorträge, Ausstellungen, Führungen, Presse),

Forscher und Sammler.

Sieben Ortsheimatpfleger sagen, warum sie sich engagieren:

Ortsheimatpflege ist verbunden mit vielfältigen und umfangreichen Tätigkeitsbereichen. Sieben Ortsheimatpfleger erklären, warum sie sich in diesem Bereich engagieren.

Esebecks Ortsheimatpfleger Gerd Busse Quelle: Christoph Mischke

Gerd Busse ist 1979 zum Ortsheimatpfleger in Esebeck bestellt worden. „Damals war ich mit 38 Jahren der jüngste Ortsheimatpfleger in Göttingen.“ Es sei das erste Mal gewesen, dass die Stadt dieses Ehrenamt für die eingemeindeten Dörfer eingerichtet und personell besetzt habe. „Ich bin Ortsheimatpfleger, weil mir der Ort, in dem ich lebe, und die Region viel bedeutet und meine Heimat ist, die ich durch meine Tätigkeit gern als eine lebenswerte Umwelt und als einen mitmenschlichen Raum erhalten und gestalten möchte, mit Blick auf die Geschichte und die Zukunft des Ortes.“ Auch bereite es dem 77-Jährigen Freude, Kenntnisse über Orte und Regionen zu vermitteln, emotionale und erlebnishafte Bezüge zur Region zu eröffnen und zum Nachdenken und zum verantwortungsvollen Umgang mit der sozialen und räumlichen Umwelt anzuregen. „Mein Motto ist: Heimat erforschen, erleben, verstehen, schützen und verantwortlich gestalten.“

Alois Grobecker Quelle: r

„Ich interessiere mich für Heimatgeschichte und die Entwicklung des Ortes", sagt auch Alois Grobecker, der seit wenigen Monaten der Ortsheimatpfleger des Fleckens Gieboldehausen ist. Mit seiner Tätigkeit wolle er „Dinge festhalten für die Nachwelt“ und „etwas bewegen für Kinder und Enkelkinder“. Eine wichtige Aufgabe sieht er darin, Kulturgüter wie Bildstöcke und Wegekreuze und andere Besonderheiten zu pflegen und Entwicklungen zu dokumentieren.

Jens Hartwig, Ortsheimatpfleger in Klein Wiershausen Quelle: r

Jens Hartwig wirkt seit 2006 als Ortsheimatpfleger in Klein Wiershausen. „Als meine Vorgängerin das Ehrenamt nicht länger ausüben wollte und die Stelle wegzufallen drohte, war ich schnell bereit, dieses Amt zu übernehmen.“ Die hervorragende Unterstützung der Menschen in Klein Wiershausen mache es ihm aber auch ziemlich einfach. Hauptsächlich versuche er, die jährlichen Ereignisse in Klein Wiershausen zu dokumentieren und festzuhalten. 2003 zur 700-Jahr Feier habe es im Ort „ein tolles Fest mit mittelalterlichen Kostümen“ gegeben, welches von einem seiner Vorgänger unter anderem mit einem Beitrag zur Festschrift „prima begleitet wurde“. „Mein Interesse war geweckt und somit hatte ich keine Ängste, das Amt dann später auch zu übernehmen.“

Martin Heinzelmann, Ortsheimatpfleger in Geismar Quelle: r

„Als ich gefragt wurde, ob ich Interesse an der Ortsheimatpflege in Geismar hätte, war ich schon überrascht und fühlte mich auch geehrt“, sagt der 57-Jährige Martin Heinzelmann. „So ein interessantes Ehrenamt darf ich bekleiden! Die Tätigkeit hat mir von Anfang an viel Spass gemacht. Ich lerne den Ortsteil und seine Bewohner ganz anders kennen.“

Manfred Hempfing, Ortsheimatpfleger in Rosdorf Quelle: r

„Seit meiner Schulzeit interessierte ich mich für alles Altertümliche in und um unseren Ort“, sagt Manfred Hempfing, seit 1999 Ortsheimatpfleger in Rosdorf. „In späteren Jahren sammelte ich, was mir ortsbezogen an Bildern, Berichten, Dokumenten und Gegenständen erhaltungswürdig erschien.“ Viele interessante Gespräche mit älteren Mitbürgern hatten sein besonderes Interesse an der Heimatpflege geweckt. „Mit der Bestellung habe ich mir zum Ziel gesetzt, eine zeitgemäße, vielseitige und sinnvolle Arbeit zu leisten und die Anerkennung und Unterstützung der Bevölkerung und der Vertreter von Verwaltung und Politik zu bekommen.“ Angesichts der Vielzahl der Aufgabenbereiche versuche er, eine Auswahl zu treffen und Arbeitsschwerpunkte zu entwickeln, die den Bedürfnissen und den Verhältnissen des Ortes Rechnung tragen. „Erfolgreich kann man aber vielfach nur sein, wenn man mit einer gewissen Hartnäckigkeit und Ausdauer zur Sache geht.“

Wolfgang Müller, Ortsheimatpfleger in Gerblingerode Quelle: Eichner-Ramm

„Mich interessiert die Geschichte der Orte und wie alles entstanden ist“, sagt Wolfgang Müller. Er ist seit 2007 Ortsheimatpfleger in Gerblingerode. Als er das Ehrenamt antrat, habe es vieles aufzuarbeiten gegeben. Vor allem habe er viele Fotos eingescannt, um die historischen Bilder sowohl im Original als auch digital zu erhalten. Der heute 75-Jährige zählt außerdem zu den Gründungsmitgliedern des Heimat- und Verkehrsvereins Gerblingerode.

Barbara Trieselmann. Ortsheimatpflegerin in Sieboldshausen Quelle: r

„Mein Wunsch ist es, die Jugend und auch die Neubürger für die Vergangenheit unseres Dorfes zu interessieren, denn die Geschichte unseres Dorfes hat sehr viel zu bieten“, erklärt die 67-jährige Barbara Trieselmann. Sie lebt seit 48 Jahren in Sieboldshausen und hat vor fünf Jahren die Ortsheimatpflege übernommen. „Mir ist wichtig, die Geschichte unseres Ortes nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.“ Da es über das Dorf Sieboldshausen, dass bereits 1037 Jahre alt ist, über die ganz alten Zeiten bereits mehrere schriftliche Chroniken gebe, sei ihr wichtig, die jüngere Vergangenheit zu dokumentieren und wichtige Begebenheiten der Gegenwart zu sammeln und zu archivieren.

Nachfolger in Angerstein gesucht

Mitte September hat Eberhard Christ Nörten-Hardenbergs Bürgermeisterin Susanne Glombitza (parteilos) gebeten, ihn aus persönlichen und familiären Gründen zum Monatsende von seinem Amt zu entbinden. „Der Ortsrat sucht zurzeit jemand neues“, sagt die Bürgermeisterin. Christ habe bereits schon einmal seine Amtszeit verlängert. Er habe sich intensiv mit der Historie Angerstein beschäftigt und diese aufgearbeitet. Doch ganz aufhören werde er nicht. „Er hat angeboten, im kommenden Jahr auch eine Informationsveranstaltung zu historischen Themen zu geben“, sagt sie. Ortsheimatpfleger übernehmen ihrer Meinung nach das Amt, „weil sie richtig Lust dazu haben“. Die aktuelle Entwicklung in Mingerode hat sie in ihren Orten bereits erlebt. Mit Vanessa Storre gebe es in Wolbrechtshausen eine sehr engagierte junge Frau, die diese Aufgaben wahrnimmt. Und in Bishausen würden sich mit Werner Thiele und Björn Döhne zwei Personen das Amt teilen. „Jeder hat unterschiedliche Interessen“, sagt die Bürgermeisterin. Das käme der Ortsheimatpflege zugute.

Von Rüdiger Franke

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