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Thema des Tages Paarhufer gegen Angststörungen
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00:19 02.07.2018
Gegenseitiges Kennenlernen: Therapeut Heiko Bock mit Chantal und Trampeltier "Halef". Quelle: Christoph Mischke
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Ertinghausen

Anfang der Woche hatten die Paarhufer ihre erste Therapiestunde mit einer Klientin.

Chantal wird heute zum ersten Mal mit einem Trampeltier in Berührung kommen. Die Siebzehnjährige leidet unter einer sozialen Angststörung und hat zur „Verstärkung“ ihre Freundin Samira mitgebracht. Chantal hat Angst vor der Nähe zu anderen Menschen. Das belaste sie in der Schule und in ihrer Freizeit. „Bei Personen, die ich kenne, geht es“, sagt sie, „aber bei Fremden werde ich nervös, bin eingeschüchtert und rede nicht mehr.“ Seit zwei Monaten nimmt sie einmal pro Woche Therapiestunden bei Heiko Bock und seinem Mérens-Pferd „Oscar“. „Um das große, schwarze und 700 Kilogramm schwere Pferd zu lenken, muss man schon über seinen Schatten springen und Stärke zeigen“, sagt Bock. Chantal habe schon Riesen-Fortschritte gemacht. Sie sei inzwischen für das Pferd eine Autorität und gehe mit „Oscar“ bereits ohne Führstrick. „Chantal hat lernen müssen, ihre Kommandos mit fester, lauter Stimme zu geben, was ihrer Selbstsicherheit gut getan hat“, sagt der Therapeut.

Pferde sind hibbeliger als Trampeltiere

Jetzt gilt es ihre Stärke auf ein anderes, neues Tier zu übertragen. Trampeltiere, so Bock, liefen immer in einer Art Energiesparmodus und besäßen eine stoische Ruhe, die sich schnell auf den Menschen übertrage. „Pferde sind viel hibbeliger und vorsichtiger“, sagt er. Trampeltiere seien unglaublich neugierig und suchten stets den Körperkontakt zum Menschen. Diese ungewohnte Nähe könne für Menschen mit einem sozialen Defizit durchaus eine Störung bedeuten, sagt Heiko Bock. Deshalb würde er bei einer sozialen Phobie die Therapie auch niemals mit einem Trampeltier beginnen, denn dies könne den Klienten überfordern.

Eigene Reithalle

Chantal hat zwischenzeitlich die drei Trampeltiere kennengelernt: „Halef“ den fünfjährigen Hengst, „Shurikan“, den vierjährigen Wallach und die ebenfalls vier Jahre alte Stute „Fatima“, die derzeit trächtig ist. Bock hat die Tiere von einer Schaustellerfamilie gekauft. „Halef“ und „Shurikan“ hat er zu Reittieren ausbilden lassen. Die Therapiestunden hält Bock in seiner 800 Quadratmeter großen Reithalle ab, die er 2015 gebaut hat. Schon den kurzen Fußmarsch zur Halle absolviert Chantal mit Bravour, als sie Trampeltierstute „Fatima“ führt. Auch die beiden anderen Trampeltiere kommen mit. „Um den Verbund der Tiere nicht auseinanderzureißen“, betont der Therapeut.

Körperspannung und Stimme

In der Halle soll seine Klientin das, was sie mit Pferd „Oscar“ gelernt hat, auf das Trampeltier übertragen. „Dabei spielen Körperspannung, Stimme und Stimmausdruck eine entscheidende Rolle“, sagt Bock. „Was sie mit den Tieren kann, wird sie später auch auf die Begegnung mit Menschen anwenden.“ Er selbst steht meist in gebührendem Abstand, gibt Chantal leise Ratschläge, beobachtet und muss nur selten korrigierend eingreifen. „Allez“ sagt Chantal mit fester Stimme und „Fatima“ setzt sich in Bewegung. Auch das zielgenaue Stoppen vor farbigen Balken, die auf dem Sandboden liegen, klappt schon ganz gut. Das Hinlegen auf das Kommando „down“ funktioniert nicht auf Anhieb, aber auch das gelingt Chantal mit Hilfe von Heiko Bock nach wenigen Versuchen.

Gesucht und gefunden

Es scheint, als hätten sich die junge Frau und die Trampeltierstute gesucht und gefunden. Immer wieder versucht „Fatima“ sich an Chantals Wange zu schmiegen, der das nach anfänglicher Unsicherheit auch zu gefallen scheint. Er habe, sagt Bock, eigentlich den Hengst „Halef“ aufgrund seiner fertigen Ausbildung als das sicherere Tier für seine Klientin gehalten. „Da habe ich mich wohl getäuscht“, sagt er lächelnd, „aber als Therapeut muss man auch flexibel sein.“ Am Ende der Stunde führt Chantal die Stute wieder zurück auf den Hof und sieht dabei verdammt stolz aus.

Auf Trampeltieren durch den Solling

Als zertifizierter Reittherapeut bietet Heiko Bock mit Unterstützung seiner Frau Nathalie, die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie ist, tiergestützte Therapie an, die bei unterschiedlichen Problemen wie zum Beispiel Depressionen, emotionalen und Angststörungen, ADHS oder Abhängigkeitserkrankungen Linderung bringen kann. Eine Reittherapie könne laut Bock beispielsweise die Aufmerksamkeit, die Lernfähigkeit, das Selbstwertgefühl sowie Grob- und Feinmotorik positiv beeinflussen. Tiere seien ehrlich und wertneutral, weiß er, Attribute, die Menschen schnell annähmen.

Neben Oscar, den Trampeltieren und den beiden Alpakas „Chip“ und „Chap“ gibt es auf dem Hof noch fünf weitere Pferde, einen Esel, drei Mini-Schweine, 20 Hühner, drei Hunde, zwei Katzen und 25 Rinder, darunter den einjährigen Bullen Terence. Er wurde von Heiko und Nathalie Bock mit der Hand aufgezogen, weil seine Mutter ihn nicht angenommen hat.

Heiko und Nathalie Bock möchten ihre Trampeltiere mittelfristig nicht nur in der Therapie einsetzen, sondern auch zu einer Touristenattraktion machen. Unter dem Motto „Kamelreiten im Solling“ wollen sie demnächst neue Akzente für den Tourismus in Hardegsen setzen. Einen erfolgreichen Testlauf habe es nach Bocks Worten bereits mit den beiden Alpakas gegeben. „Die haben wir dabei aber nur als Lastenträger beim Wandern benutzt“, erklärt Bock.

David und Tamino bei der Reittherapie beim Therapeutischen Reitveein St. Martin Quelle: r

Reittherapie als Physiotherapie

Reiten als Therapieform ist im Landkreis Göttingen weit verbreitet. Unter anderem wird es in Niedernjesa und Bischhausen vom Therapeutischem Reitverein St. Martin angeboten.

Den Verein gibt es seit 1988. Seit 1996 ist er in Niedernjesa ansässig. Hier gibt es sowohl eine Angebot für Einzeltherapiestunden als auch für Gruppen. „Bei uns gibt es eine Zusammenarbeit von Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Pädagogen“, berichtete Ursula Hübner, Geschäftsführerin des Vereins. Alle hätten zu ihrer eigentlichen Ausbildung noch eine Zusatzqualifikation für therapeutisches Reiten. Die Bandbreite, bei der Reiten als eine Therapieform genutzt werde, sei vielfältig. Beim Reitverein St. Martin seien es beispielsweise Physiotherapie sowie Behandlungen von Traumata. „Bei der Physiotherapie für Menschen mit einer Behinderung leiht das Pferd einem gelähmten Menschen quasi seine Beine“, erklärte Hübner. Durch das Sitzen auf dem Pferd bekämen der Rumpf und das Becken des Klienten einen Bewegungsimpuls, der dem des Gehens ähnlich sei. „Der Klient übt so sozusagen Gehen im sitzen“, sagte Hübner. Bei der Therapie eines gebe es andere Voraussetzungen als bei der Physiotherapie. Hier werde zunächst mit den Klienten besprochen, was er benötige. „Während der Therapie stehen hier vor allem Ruhe und Gelassenheit im Mittelpunkt“, sagte Hübner. Denn es sei wichtig beruhigend auf die Psyche des Klienten einzuwirken, damit dieser auch ein Körpergefühl zulassen könne.

Nicht jede Pferderasse sei dafür geeignet ein Therapiepferd zu werden. Die Ausbildung der Tiere dauere zwischen sechs Monaten und zwei Jahren. „Bei uns ist ’Natural Horsemanship’ eine wichtige Ausbildungsform“, sagte die Geschäftsführerin. Die Basis hierbei sei, den Pferden ein unbedingtes Vertrauen in den Menschen zu vermitteln, sodass dieser auch von unten auf das Pferd einwirken könne, unabhängig davon, wie der Reiter sich verhalte. Als Rassen kommen beim Reitverein St. Martin Haflinger, ein Liebenthaler Wildpferd, eine Welsh-Cob Stute, ein Quarterhorse-Pferd.

Therapieangebote im Landkreis

Reittherapie bietet im Landkreis Göttingen nicht nur der Therapeutische Reitverein St. Martin an. Beispielsweise gibt es noch die Möglichkeit sich an den Therapiehof Fischer, der von Gudrun und Jürgen Fischer geleitet wird, zuwenden. Der Hof befindet sich in Dankelshausen. In Billingshausen gibt es die Reittherapie am Rodebach. Und in Falkenhagen ist der Offenstall Falkenhagen von Heilpädagogin Petra Brauers.

Andere Therapieformen mit Tieren werden im Landkreis nicht direkt angeboten. Allerdings gibt es auch noch die Möglichkeit, den Besuchshundedienst des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Anspruch zu nehmen. Dies ist zwar keine eigene Therapieform, doch habe der Kontakt zu dem Tier eine beruhigende Wirkung auf die Menschen. ve

Von Vera Wölk und Christoph Mischke

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