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Ralf Große baut sich einen Doppeldecker Nostalgisch durchstarten

Ralf Große aus Hundeshagen erfüllt sich einen Kindheitstraum: Der 45-Jährige baut sich in der Nähe von Mackenrode im Südharz seinen eigenen Doppeldecker. 2018 will er mit seinem fliegenden Eigenbau in die Luft gehen.

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Das Grundgerüst ist fertig: Ralf Große zeigt seinen Doppeldecker, mit dem er 2018 fliegen will.

Quelle: Arne Bänsch

Hundeshagen/Mackenrode. Das Fliegen hat Ralf Große schon in jungen Jahren fasziniert. Begeistert sah er zu DDR-Zeiten den Agrarfliegern zu und wünschte sich selbst einmal fliegen zu dürfen. Doch in der Sperrzone schien dieser Traum für immer unrealisierbar. Doch als Große 17 Jahre alt war, öffnete sich die Grenze. 1992 fing er dann mit dem Fliegen an. „Bis 2005 war ich ausschließlich Segelflieger in Nordhausen“, erzählt er. 2005 habe er dann die Lizenz für Ultraleichtflugzeuge erworben. Ein Jahr später sei er dann in Heiligenstadt geflogen.

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Ralf Große aus Hundeshagen baut einen Doppeldecker.

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„An meinem ersten Flugtag traf ich den Konstrukteur Michael Platzer aus Guxhagen im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis“, erinnert sich Große. Platzer war mit einem Doppeldecker nach Nordhausen geflogen. „Das Gerät hat er Anfang der 80er-Jahre selbst konstruiert“, sagt Große. Später habe dieser dann Pläne von seinem Kiebitz genannten Doppeldecker angefertigt und Lizenzen zum Nachbau verkauft. Der Kiebitz B fliege mittlerweile unter anderem in Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien und Ungarn. „Der Kiebitz A ist ein Prototyp, den Platzer selbst fliegt.“ Der Konstrukteur gebe die Pläne aber nicht wahllos weiter, sondern schaue sich die Bewerber vorher genau an. Voraussetzung, einen solchen Doppeldecker zu fliegen, sei unter anderem ein Tauglichkeitszeugnis und eine Sportpilotenlizenz, also die Lizenz als Luftsportgeräteführer.

“Ich baue jetzt das 397. Exemplar des Kiebitz B“, berichtet der Servicetechniker für Drucker und Kopierer, der sich dadurch auch Flugzeugbauer nennen darf. Im Februar 2014 habe er mit dem Bau begonnen. Die ersten zweieinhalb Jahre habe er am Rumpf in der heimischen Garage in Hundeshagen gebastelt, den oberen Flügel auf der Terrasse hergestellt. Als es Zeit für den Anbau der Flügel wurde, sei er auf das private Außenstart- und -landegelände bei Mackenrode umgesiedelt. Dort steht eine Halle, die groß genug ist, um den Doppeldecker zu beherbergen.

Jeder der nachgebauten Kiebitze sei ein Unikat, sagt Große. Nur die Grundstruktur werde nach Plan gebaut. Dazu habe er zunächst Alurohre mit einer Speziallegierung benötigt. Die gesamte Konstruktion bestehe aus genieteten Alurohren. Nur ein paar Fahrgestellteile seien aus Stahl. Das Holz hat er sich im Luftsportbedarf besorgt. Er verwendet Kieferleisten und Sperrholz. Die Rippen bestehen aus Balsaholz. „Das weiche Balsaholz stellt kein Problem dar“, erklärt Große. Sie seien keiner mechanischen Beanspruchung ausgesetzt. „Der Flügel ist ja bespannt.“ 36 Rippen habe ihm sein Vater für den Einbau in die Flügel angefertigt. Dazwischen gebe es Hilfsrippen zur Abstützung der Bespannung. Bis zu diesem Zeitpunkt sei alles gut gelaufen. „Den Rohbau hat Platzer im März abgenommen“, sagt er. Das Flugzeug sei beim Deutschen Luftfahrtamt in Weimar und beim Aeroclub in Braunschweig registriert und habe bereits ein fertiges Kennzeichen.

Im Herbst möchte Große die Bespannung fertigstellen. „Ich hoffe, dass ich es schaffe, bevor es zu kalt wird, um mit Kleber zu arbeiten.“ Dabei werden die Flügel mit Ceconite, einem speziellen Bespannungsstoff, verkleidet. Der wiege nur etwa 54 bis 100 Gramm pro Quadratmeter. Der stete Blick auf das Gewicht ist wichtig. Der Doppeldecker sei in die Klasse bis 450 Kilogramm eingestuft. Beim Flug darf sein Flieger also maximal 450 Kilogramm Gesamtgewicht inklusive Personen und Ladung auf die Waage bringen. Und die Lackierung sei dabei noch einmal ein großer Faktor. Klassisch in Silber soll er angestrichen werden. Insgesamt soll der Doppeldecker nach seiner Fertigstellung 260 bis 270 Kilogramm wiegen. „Bleiben also für die Zuladung maximal 190 Kilogramm“, sagt Große.

Während des Winters will Große sich um den Motor sowie die Verkabelung und Verdrahtung kümmern. Für den Antrieb des Kiebitz gebe es mittlerweile 13 verschiedene Motoren. „Die Bandbreite reicht vom Zweitakter bis zum Sieben-Zylinder-Sternmotor“, berichtet der 45-Jährige. Die günstigste Variante sei der Zweitakter. „Das ist aber kein schönes Fluggefühl“, sagt er. Deshalb habe er sich für einen Nissan-Micra-Motor mit 54 PS entschieden. „Der wurde aufgearbeitet und komplett umgebaut.“ Der Reihenmotor sei schön schlank und sehe dadurch elegant aus. Eingesetzt werde er in die Couling, wie die Motorhalterung genannt wird.

Sein Doppeldecker werde eine Reisegeschwindigkeit von 120 Stundenkilometern erreichen, sagt Große und vergleicht das Fliegen mit dem Doppeldecker mit dem Cruisen auf der Straße. Er dürfte bis zu einer Höhe von 3000 Metern fliegen. „Dann beginnt der kontrollierte Luftraum“, erklärt er. Doch so hoch hinaus will er gar nicht. „Ich will lieber tief fliegen“, verweist er wieder auf das Cruisen. Da könne er die Landschaft viel besser genießen. Als niedrigste Höhe seien 150 Meter vorgegeben.

Schon jetzt hat Große viele tausend Stunden in seinen Traum investiert. „Es ist ein sehr zeitaufwendiges Hobby“, sagt er. Das bekomme vor allem seine Familie immer wieder zu spüren. Wer von ihnen am Ende mitfliegen wird, stehe noch nicht fest. Nicht alle würden seine Begeisterung für das Fliegen teilen. Auf jeden Fall gebe es aber zwei Plätze. An beiden könne das Flugzeug gesteuert werden. Konstrukteur Platzer werde das Fluggerät vor dem Start noch einmal intensiv unter die Lupe nehmen und, wenn er es für flugtauglich hält, auch selbst als erster testen. Doch auch für den Fall der Fälle ist vorgesorgt. Sollte in der Luft zum Beispiel der Motor ausfallen, ist ein Gesamtrettungssystem eingebaut. Ein Fallschirm mit einer ballistischen Rakete bringt den Doppeldecker dann sanft zu Boden. „In Deutschland ist der Einbau Pflicht“, erklärt Große, „im Gegensatz zu zum Beispiel Frankreich.“

Der Flugzeugbauer aus Hundeshagen freut sich bereits, dass er 2018 nach vier Jahren intensiver Arbeit endlich abheben darf, wenn sein Flieger hoffentlich die Endabnahme bestanden hat. Doch warum macht sich Große diese Mühe überhaupt? „Für mich stand von vornherein fest, ein nostalgisches Flugzeug zu bauen wie in den 20er-Jahren“, erzählt er. Ihm würden die modernen Mainstreamflieger nicht gefallen, sagt Große. „Die sind wie die Musik, die man den ganzen Tag im Radio hört – glatt geschliffen und ohne Profil.“

Von Rüdiger Franke

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