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„Wichtig ist, dass die Reformation weiter geht“

Bilanz des Luther-Jahres „Wichtig ist, dass die Reformation weiter geht“

Vor einem Jahr haben die Kirchenchefs der Region, Friedrich Selter (evangelisch) und Wigbert Schwarze (katholisch) auf der Reformationsjahr 2017 geblickt. Jetzt ziehen sie Bilanz.

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Mit Luther-Bier: Festakt im September zum Reformationsjubiläum in Duderstadt

Quelle: Foto: Richter

Göttingen. 278 Veranstaltungen zum 500. Jahrestag sind im Kirchenkreis Göttingen im Reformationsjahr ausgerichtet worden. Alleine damit, so sagt Koordinator Andreas Overdick, habe man rund 25 000 Menschen erreicht. Einige Veranstaltungen folgen noch, am Ende werden es mehr als 320 sein.

Nach Ansicht des Organisators im Evangelischen Kirchenkreis Göttingen habe das Reformationsjahr „herausragende ökumenische Impulse” geliefert. Mit den zahlreichen Veranstaltungen habe man viele Menschen erreicht, auch die, die sonst nicht zu den treuen „Schäfchen” der Kirche zählen. Was er beobachtet hat, ist, dass vor allem die Veranstaltungen in der Innenstadt gut besucht waren. Bis zu 400 Gäste kamen zu einigen besonderen Gottesdiensten. Konzerte, die Ausstellung im Städtischen Museum und Führungen zur Reformationsgeschichte in der Stadt nennt Overdick als besonders beliebte Formate. Ganz persönlich habe ihn die Nacht der Chöre emotional berührt, ebenso wie einige der Tischreden, beispielsweise im Feuerwehrhaus Herberhausen. Viele ganz unterschiedliche Leute zu treffen und die Verbindung der Kirche mit anderen gesellschaftlichen Akteuren zu erleben, das sei für ihn ein wichtiger Teil des Jubiläumsjahres. Gemeinsam mit anderen Menschen die Reformation zu entdecken, „das wäre sonst nicht passiert”, sagt er. Ob sich der Schwung des Reformationsjahres auch in den regulären Gottesdiensten widerspiegelt, dort also mehr Menschen als sonst teilnehmen, sei noch nicht zu sagen. Noch laufe das Jubiläumsjahr ja.

Das Reformationsjahr war ein Jahr, das nicht nur Protestanten, sondern auch Katholiken begingen. Superintendent Friedrich Selter, Chef des evangelischen Kirchenkreises und Wigbert Schwarze, Dechant des katholischen Dekanates Göttingen haben zu Beginn des Jubiläumsjahres auf die Bedeutung der Reformation hingewiesen. Diese Bilanz ziehen sie nun:

Hat das Reformationsjahr die Bürger bewegt ?

Schwarze : Ja, auf jeden Fall.

Das Reformationsjahr war ja omnipräsent auf verschiedenen Ebenen. Gerade auch in Göttingen war es fast eine Flut oder eine Inflation von Veranstaltungen verschiedenster Art.

Selter : Ja. Und zwar wörtlich in diesem gesellschaftlichen Bezug: Bürger - nicht allein Mitglieder unserer Kirche. Da hat unser Oberbürgermeister bei unserer Auftaktveranstaltung im Alten Rathaus mit seinem Grußwort ein starkes Signal gesetzt. Ich denke auch an die vielen alten und neuen Kooperationspartner wie das Junge Theater, den Literaturherbst und das Städtische Museum mit seiner tollen Ausstellung zur Reformation.

Welche Veranstaltung ist Ihnen aus dem vergangenen Jahr besonders in Erinnerung geblieben?

Schwarze : Im Rückblick kommt mir der Johannisempfang des Evangelischen Kirchenkreises ins Gedächtnis. Dort haben die beiden Kirchen - Evangelische und Katholische - gemeinsam eingeladen und noch einmal beeindruckend den Gottesdienst „Healing of Memories“ gefeiert.

Selter : Bei der Fülle von Veranstaltungen fällt es mir schwer, einzelne besonders herauszuheben. Ich bin dankbar, dass in den Gemeinden landauf landab so viele Aktionen gelaufen sind. Denn gerade die Vielfalt der Inhalte und Formen ist eines der Kennzeichen unserer Kirche. Weiterführend waren auch die ökumenischen Schwerpunkte: Der ökumenische Auftakt, den Dechant Wigbert Schwarze und ich gemeinsam gestaltet haben, und vielleicht mehr noch der ökumenische Versöhnungsgottesdienst. Dabei haben viele Beteiligte aus den Gemeinden eine lebendige Ökumene abgebildet, die uns über Konfessionsgrenzen hinweg verbindet.

Hat sich durch das Jahr in den Kirchen etwas geändert? Sind mehr Menschen in ihre Kirchen gekommen?

Schwarze : Eine hoch interessante Frage, die eigentlich nur dialektisch beantwortet werden kann. Der „Standard“ der Ökumene ist in Göttingen sehr hoch. Deshalb sind nicht mehr Leute in die Kirche gekommen, aber das Interesse an ökumenischen Fragen ist sehr gesteigen.

Selter : D

Hätte man es besser machen können?

Schwarze:
Das können andere sicherlich besser beurteilen…

Selter : Da sage ich fröhlich „Ja“. Das werden wir auch ehrlich reflektieren. Aber ohne Gram. Sie wissen doch: Sola gratia! Gerecht, ohne Verdienst, allein aus Gnade.

Was bleibt vom Reformationsjahr?

Schwarze :

Selter : Es wäre schön, wenn sich viele Menschen noch lange an ihre persönlichen Highlights erinnern. Aber wirklich wichtig ist, dass Reformation weitergeht. Nur dann bleiben wir als Kirche nahe bei den Menschen und angesichts aktueller Themen hilfreich und gesellschaftlich relevant.

Die „Mutter der Reformation“

Sie wurde früh verheiratet und wehrte sich gegen eine Nebenbuhlerin. Sie setzte willensstark ihre Interessen durch und starb doch arm und einsam. Das bewegte Leben der Reformationsfürstin Elisabeth von Calenberg-Göttingen (1510-1558) mutet an wie ein Roman. „Ich brauchte gar nichts zu erfinden“, sagt die Schriftstellerin Eleonore Dehnerdt aus Hann. Münden. In ihrem Buch „Elisabeth. Die Reformatorin“ hat Dehnerdt die Biografie der Frau nacherzählt, die dafür sorgte, dass Südniedersachsen evangelisch wurde. Zum 500. Reformationsjubiläum Ende Oktober ist ihr Roman über die „Mutter der Reformation“, wie sie oft genannt wird, jetzt neu aufgelegt worden.

Elisabeth von Calenberg-Göttingen

Elisabeth von Calenberg-Göttingen

Quelle: Christina Hinzmann

„Das ist eine total interessante Frau, die leider total vergessen wurde“, betont Dehnerdt. Mit ihrem Buch will sie daran erinnern, dass auch Frauen die Reformation vor 500 Jahren tatkräftig mitgestalteten. Unterstützung erhält sie dabei von der Theologin Margot Käßmann, Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). „Herzogin Elisabeth von Calenberg war eine große Persönlichkeit der Reformation“, schreibt Käßmann auf dem Buchcover. „Ihre Umsicht, ihr Durchsetzungsvermögen und ihre Führungsqualität beeindrucken bis heute.“

Die Herzogin, Tochter des streng katholischen Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg, wurde schon im Alter von 15 Jahren mit dem 40 Jahre älteren und kinderlos verwitweten Herzog Erich I. vermählt, der in Neustadt am Rübenberge bei Hannover residierte. Mit ihm bekam sie vier Kinder. Doch die Ehe geriet in die Krise. Als sich Erich wieder einer früheren Geliebten zuwandte, griff seine Frau zu einem damals gängigen Mittel: Sie klagte die Rivalin Anna Rumschottel 1533 als Hexe an. Anna überlebte, war aber aus dem Feld geschlagen. Elisabeth aber wurde immer mächtiger, denn Erich musste zur Versöhnung mit seiner selbstbewussten Ehefrau Macht und Geld abtreten. Von der evangelischen Lehre, die sich überall in Deutschland verbreitete, hörte die Herzogin durch ihre Mutter, die Schwester des dänischen Königs Christian II., der ein glühender Verehrer Martin Luthers war. Luther schenkte ihr eine deutsche Bibelübersetzung mit persönlicher Widmung.

Bereits zwei Jahre später starb Elisabeths Mann, der streng katholische und kaisertreue Herzog Erich. Mit 30 Jahren war sie nun Witwe – doch machtpolitisch hatte sie als Regentin freie Bahn. Und die nutzte sie, um die Reformation in ihrem Fürstentum durchzusetzen. „Sie hat sehr klug agiert“, urteilt der Kirchenhistoriker Professor Hans Otte aus Hannover. 1546 heiratete Elisabeth ein zweites Mal – diesmal den drei Jahre jüngeren Grafen Poppo von Henneberg aus Thüringen. Doch die Ehe wurde nicht glücklich. Verarmt und verbittert starb sie 1558 im thüringischen Ilmenau.

Zwei Bücher über Martin Luther hat die Duderstädter Religionspädagogin Lisbeth Haase geschrieben. „Luthers engagierte Freundinnen“ und „Morgenstern und Nachtigall zu Wittenberg“ heißen die beiden Bände, die im Books-on-Demand-Verlag erschienen sind. bib/epd

Gottesdienste und Party

Zum Abschluss des Reformationsjahres gibt es in der Region zahlreiche Gottesdienste und Veranstaltungen. Hier eine Auswahl:

  • Stellung beziehen zu den 95 Thesen Martin Luthers wollen der katholische Dechant Wigbert Schwarze und der evangelische Superintendent Friedrich Selter am Dienstag, 31. Oktober, beim zentralen Gottesdienst in St. Johannis, Göttingen. Der Gottesdienst zum Reformationstag beginnt um
    11 Uhr.
  • Einen zentralen Gottesdienst mit Feier des Heiligen Abendmahls, Musik des Posaunenchors Duderstadt, der Flötengruppe Gieboldehausen und des Projektchors, feiern Gläubige am Dienstag, 31. Oktober, um 10 Uhr in der St.-Servatius-Kirche Duderstadt. Im Anschluss gibt es ein Kirchencafé.
  • „Die Partei” veranstaltet am Montag, 30. Oktober, eine Doppelmahnwache. Dafür haben sich die Mitglieder Albaniplatz und Bahnhofsvorplatz ab 12 Uhr gesichert. Auf dem Albaniplatz soll eine Mahnwache unter dem Titel „Luther war Antisemit!“ stattfinden. Die zeitgleiche Gegenveranstaltung am Bahnhofsvorplatz läuft unter dem Titel „Luther war kein Antisemit!“. Zweck ist die Diskussion der Frage „Was darf eigentlich Glaube?“. Partei-Geschäftsführer Hendrik Bammel: „Was darf eigentlich Glaube und darf Glaube antisemitisch sein? Ich glaube nicht!“
  • Im Exil Göttingen wird am Montag ab 22 Uhr in den Sonderfeiertag hinein gefeiert. Dann wird es nach Angaben der Veranstalter spirituell: „Losing my Religion – Reformation für alle” heißt es bei der konfessionsübergreifenden Party. „Livin’ on a Prayer“, „Papa don’t Preach“, „Holy Diver“ oder „My Sweet Lord“ sind nur einige der Songs, die an diesem Abend zu hören sein sollen. Das Exil: „We still believe – in Rock’n’Roll!”
  • In Lutterhausen bei Hardegsen steht am Dienstag, 31. Oktober, um 10 Uhr ein Gottesdienst mit anschließendem Imbiss auf dem Programm. Dazu wird „Luther-Bier” gereicht.
  • Unter dem Motto „Die Nacht der Rose“ feiern am Dienstag, 31. Oktober, um 18 Uhr die evangelisch-lutherischen Kirchen- und Kapellengemeinden der Region Northeim in der St.-Sixti-Kirche in Northeim. Am Gedenktag des Thesenanschlags der 95 Thesen gestalten die Pastoren, Kirchenmusiker und Diakone den Gottesdienst zu den Kernaussagen der Reformation. Im Mittelpunkt steht die berühmte Lutherrose, die mit Licht dargestellt werden soll.

Käßmann: Thema war „breit präsent“

Die ehemalige Landesbischöfin Margot Käßmann hat zahlreiche Funktionen in der Evangelischen Kirche. Seit 2012 ist sie auch „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ im Auftrag des Rates der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD). Drei Fragen an die Christin:

Margot Käßmann

Margot Käßmann

Quelle: epd

Hat das Reformationsjahr die Menschen im Land wirklich erreicht?

Den Eindruck habe ich schon. Durch die Tausende von Projekten in Kirchengemeinden, die vielen Ausstellungen, Theaterstücke, Musikaufführungen und auch Fernseh- und Rundfunkbeiträge sowie die Veranstaltungen in Wittenberg war das Thema im Land breit präsent.

Worauf gab es die größte Resonanz – auf den Feiertag?

Ich denke, auf die historischen Stätten der Reformation. Wittenberg, die Wartburg, das Augustinerkloster in Erfurt waren sehr gut besucht. Das tut den Kernlanden der Reformation gut, gerade auch, weil Christen dort in einer Minderheit sind.

Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Die Weltausstellung Reformation in Wittenberg. Sechzehn Wochen lang haben wir da mit Menschen aus aller Welt, aus Brasilien, Korea, Tansania, aber auch vielen – gerade jungen – Leuten aus Deutschland diskutiert, wo wir heute in Kirche und Gesellschaft Reform und Reformation benötigen.

Interview: Britta Bielefeld

Von Britta Bielefeld

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