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Thema des Tages Superintendenten begrüßen Feiertag
Thema Specials Thema des Tages Superintendenten begrüßen Feiertag
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17:38 29.10.2018
Beim Festgottesdienst am Reformationstag im vergangenen Jahr war die St.-Johannis-Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Quelle: Arne Bänsch
Göttingen

 Er freue sich, dass der Reformationstag nun auch ein gesetzlicher Feiertag in Niedersachsen ist, sagt Superintendent Thomas Henning vom evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Münden. Das 500-jährige Reformationsjubiläum im vergangenen Jahr habe viel Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit erfahren, was dazu geführt habe, auch über diesen Tag als Feiertag nachzudenken. Dennoch sei der Reformationstag für ihn „kein evangelischer Jubeltag, an dem wir uns feiern oder rückwärtsgewandt auf 500 Jahre gucken, die hinter uns liegen“, erklärt Henning. Ihm sei es wichtig, nach vorne zu schauen. Vorher sei der Reformationstag ein Tag gewesen, an dem die Kirchen für sich allein Veranstaltungen organisiert hätten, jetzt gehe die Bedeutung darüber hinaus.

„Wir haben uns entschieden, an diesem Tag keinen Gottesdienst zu feiern, sondern haben zu Tischgesprächen eingeladen“, berichtet Henning über die Pläne für dieses Jahr. Die evangelisch-lutherische Gemeinde der St.-Blasius-Kirche wolle gemeinsam mit Mitgliedern der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde und der katholischen Gemeinde überlegen, wie der Reformationstag künftig gestaltet werden könnte.

Drei Gedanken seien ihm dabei wichtig, sagt Henning: Zum einen sei der Reformationstag eine Chance, über Ökumene ins Gespräch zu kommen und sich zu fragen: „Was können wir in der Zusammenarbeit noch reformieren?“ Es gebe Gemeinsamkeiten, die aufgebaut werden könnten.

Zudem sei der Tag eine Möglichkeit, zu überlegen, was Kirchen zum Gelingen des gesellschaftlichen Lebens beitragen könnten und was die Gesellschaft ihrerseits von der Kirche erwarte.

Der Reformationstag könne aber auch ein Tag sein, an dem die Gesellschaft unabhängig von der Kirche im Raum stehe – wiederum mit der Frage: „Was können wir reformieren?“ Gerade in einer Gesellschaft, die sich in politischen und sozialen Fragen „auseinanderdividiert“ und in der „sich Lager“ bilden, sei es wichtig, dass Menschen sich stärker austauschten. „Das, was Demokratie ausmacht, der Streit miteinander – da muss noch mehr passieren, die Menschen müssen noch mehr ins Gespräch kommen“, betont Henning.

„Gespräch in der Gesellschaft pflegen“

Superintendent Volkmar Keil. Quelle: Christoph Mischke

Volkmar Keil, Superintendent des Kirchenkreises Harzer Land, begrüßt ebenfalls, dass der Reformationstag ein gesetzlicher Feiertag geworden ist. „Die Reformation ist eine entscheidende Grundlage zur Entstehung der Neuzeit“, sagt er. Es gebe viele Möglichkeiten, diesen Tag in besonderer Weise zu begehen. Dazu biete die Kirche eine Vielzahl von Veranstaltungen an, bei denen vielfach auch Kommunen, Vereine und andere Kirchen mit einbezogen würden. „Wir möchten den Tag nutzen, um das Gespräch in der Gesellschaft zu pflegen“, sagt Keil. „Selbstverständlich feiern wir auch festliche Gottesdienste.“

Keil betont, der Tag werde nicht als „antiökumenisch“ verstanden. „Unser Ziel ist es deshalb, diesen Tag gemeinsam mit der katholischen Kirche zu feiern.“

Mehr als ein religiöser Feiertag

Mit gemischten Gefühlen habe er die Debatte um die Einführung des Feiertags wahrgenommen, erzählt Jan von Lingen, Superintendent des Kirchenkreises Leine-Solling. Manche Kritikpunkte leuchteten ihm ein, so dürften „die dunklen Seiten Luthers und die Schattenseiten der Reformation“ nicht vergessen werden. Andererseits sehe er im Reformationstag mehr als einen religiösen Feiertag, denn mit der Reformation habe eine neue geschichtliche Epoche begonnen. „Sie war auch eine Bürgerbewegung, die zu mehr geistiger Freiheit und gesellschaftlicher Bildung führte.“ Bis heute sei der Mönch Martin Luther, der eher auf sein Gewissen als auf die Herrschenden gehört habe, „ein prägendes Vorbild für Eigenständigkeit“, glaubt der Superintendent.

Im Kirchenkreis Leine-Solling habe man „sehr genau überlegt, wie wir diesen Tag feiern“. Das Angebot reiche von einem Reformationsspaziergang mit „historischen Zeitzeugen" wie dem Reformator Corvinus über eine Podiumsdiskussion mit Beteiligung der jüdischen Gemeinde aus Göttingen bis hin zu einem Ökumenischen Gottesdienst, in dem der katholische Dechant in der evangelischen Hauptkirche am Reformationstag predigt. „Am Reformationsfeiertag bauen wir keine ‚Wartburg‘ für Lutheraner, sondern beziehen bewusst auch andere Stimmen ein und stellen uns der gesellschaftlichen Vielfalt“, so von Lingen.

Er wünsche sich für den Reformationstag vor allem eine „Rückbesinnung auf die Werte, die mit der Reformation ihren Anfang genommen hätten und in jede Zeit neu übersetzt werden müssten. Fragen seien dabei: „Wie übertragen wir Werte des Evangeliums wie Glaube, Hoffnung und Liebe in unsere Zeit? Was heißt es, dem Gewissen zu folgen? Wie muss eine Gesellschaft sich verändern, damit wir neue Antworten auf Herausforderungen finden?“ Nicht nur die Kirche brauche eine Reformation, „die Gesellschaft braucht sie auch“, ist von Lingen überzeugt.

Konstruktives und friedliches Miteinander

Superintendent Friedrich Selter. Quelle: r

„Ich freue mich, dass der Reformationstag ein gesetzlicher Feiertag geworden ist“, sagt Friedrich Selter, Superintendent des Kirchenkreises Göttingen. Beim Reformationstag gehe es zunächst um die Erneuerung der Kirche, die Luther aus einer damals aktuellen Situation heraus angestoßen habe. Damit hingen aber Impulse zusammen, die auf weite Teile des gesellschaftlichen Miteinanders Auswirkungen gehabt hätten. „Heute feiern wir keineswegs an erster Stelle den Reformator, sondern wir feiern die Reformation“, betont Selter. Da ein so weites Themenspektrum davon berührt sei, „haben wir die Chance, auf jeweils aktuelle gesellschaftliche Fragen zu reagieren und den Feiertag thematisch entsprechend zu gestalten.“

Der gesetzliche Feiertag ermögliche es, auch Vertreter unterschiedlicher Organisationen und Institutionen inhaltlich einzubeziehen. Die Möglichkeiten, sich zu beteiligen, seien für viele durch den Feiertag größer geworden, glaubt Selter. Für ihn selbst stünden in diesem Jahr zwei Themen im Vordergrund: Zunächst einmal stehe der Reformationstag für eine ausdifferenzierte Gesellschaft. Populisten liebten die Vereinfachung. Sie versuchten mit Schwarz-Weiß zu überzeugen. „Die Realität unserer Gesellschaft ist aber eine in vieler Hinsicht bunte Vielfalt.“ Die gelte es, wahrzunehmen und die Potenziale dieser Vielfalt zu nutzen.

Vor der Entscheidung des Landtages habe es heftigen Widerspruch seitens der jüdischen Verbände und der katholischen Kirche gegeben. „Und es hat auch Verletzungen gegeben. Darüber bin ich bekümmert“, sagt Selter. Zumal diese Spannung zwischen den Religionsgemeinschaften durch den Landtagsbeschluss nicht aufgehoben sei. „Darum werden wir sie in diesem Jahr thematisieren. Wir werden den Dissens ernst nehmen und gleichzeitig schauen, wie wir dennoch unsere gute Gemeinschaft weiterhin gestalten können“, kündigt Selter an. Denn für ein konstruktives und friedliches Miteinander trügen die Religionsgemeinschaften in der Gesellschaft eine besondere Verantwortung.

Norddeutsche begehen erstmals Reformationstag als normalen Feiertag

Vier Monate nach der Entscheidung der Landesparlamente begehen die Menschen in Niedersachsen und Bremen am Mittwoch, 31. Oktober, erstmals den Reformationstag als normalen gesetzlichen Feiertag. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) wird am Nachmittag des Feiertages zu Gast bei einem Empfang der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen in Hannover sein, wie die Konföderation mitteilte. Zu der Veranstaltung im Alten Rathaus werden insgesamt 150 Gäste aus Politik und Gesellschaft, Wirtschaft und Gewerkschaften, Kultur und Wissenschaft sowie Kirchen und Religionen erwartet. Gastreferent ist der Würzburger Rechtsphilosoph Horst Dreier.

Stephan Weil nimmt am Empfang der Könföderation teil. Quelle: dpa

Weil, der selbst konfessionslos ist, hatte den zusätzlichen Feiertag vor rund einem Jahr im Wahlkampf angeregt, um ein Ungleichgewicht gegenüber den süddeutschen Bundesländern zu beseitigen, die deutlich mehr Feiertage haben. Nach kontroverser Diskussion in Parlament und Gesellschaft stimmten im Juni der Landtag in Hannover mit 100 von 137 Stimmen und die Bremische Bürgerschaft mit 54 von 83 Stimmen dafür. In Hamburg und Schleswig-Holstein hatten die Parlamente den neuen Feiertag schon im Februar beschlossen. Anlässlich des 500. Reformationsjubiläums 2017 war der Reformationstag im vergangenen Jahr einmalig bundesweit arbeitsfrei.

Katholische Kirche votierte gegen den Reformationstag

Am diesjährigen Reformationstag stellen die evangelischen Kirchen den Dialog mit dem Judentum und das ökumenische Gespräch zwischen Protestanten und Katholiken in den Mittelpunkt. Sie reagieren damit auf die kontroverse Debatte um die Einführung des Feiertags im Frühjahr. Neben religionskritischen Gruppen hatten vor allem die jüdischen Gemeinden den Reformationstag mit dem Hinweis auf judenfeindliche Äußerungen des Reformators Martin Luthers (1483-1546) abgelehnt. Auch die katholische Kirche votierte gegen den Reformationstag.

Bereits am Vorabend des Feiertags diskutiert der evangelische Landesbischof Ralf Meister aus Hannover in der Marktkirche mit dem Rabbiner Gabor Lengyel über Luthers Judenfeindlichkeit. Das Motto der Veranstaltung lautet „Was gesagt werden muss. Reformation und Judentum“. Im Kloster Frenswegen bei Nordhorn spricht ebenfalls am Abend des 30. Oktobers auf Einladung der Evangelisch-reformierten Kirche die Hamelner Rabbinerin Ulrike Offenberg über die heutigen Erwartungen von Jüdinnen und Juden an die christlichen Kirchen. Offenberg ist am 31. Oktober auch in der Matthäikirche in Hannover zu Gast. „Es ist wichtig, dass der Gesprächsfaden nicht abreißt“, sagte sie.

„Gemeinsam für Werte wie Freiheit und Toleranz eintreten“

Der neue katholische Bischof von Hildesheim, Heiner Wilmer, wird am Reformationstag als Prediger in einem Festgottesdienst im Braunschweiger Dom erwartet. Der braunschweigische evangelische Landesbischof Christoph Meyns sieht darin „ein wunderbares ökumenisches Zeichen“. Die oldenburgische Kirche feiert gemeinsam mit katholischen und evangelisch-methodistischen Christen in der Klosterkirche Vechta, die als einzige Kirche im Oldenburger Land ökumenisch genutzt wird. Christen müssten „gemeinsam für Werte wie Freiheit und Toleranz eintreten, die ihre Wurzeln in der Reformation haben“, sagte der neue evangelisch-lutherische Bischof Thomas Adomeit.

Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) ist am Vorabend des Feiertages zu Gast in Stadthagen bei der Landeskirche Schaumburg-Lippe und spricht dort in einem interreligiösen und interkulturellen Gottesdienst. Die Bremische Evangelische Kirche feiert den Reformationstag unter anderem mit einem Gottesdienst auf Norddeutschlands größtem Volksfest, dem 983. Bremer Freimarkt. Insgesamt planen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen mehrere hundert Veranstaltungen.

Die Wittenberger Schlosskirche wurde Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet und brannte mit der hölzernen Tür, an die Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen geschlagen haben soll, im Siebenjährigen Krieg aus. Das heutige Portal wurde aus Bronze gegossen und 1858 eingeweiht. Quelle: epd

Der Reformationstag erinnert an die Veröffentlichung der 95 Thesen gegen Missstände in der mittelalterlichen Kirche durch Martin Luther am 31. Oktober 1517. In den ostdeutschen Bundesländern außer Berlin ist der Tag bereits seit der Wiedervereinigung arbeitsfrei.

Von Nora Garben und epd

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