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Thema des Tages „Früher nannten wir das Stammtisch“
Thema Specials Thema des Tages „Früher nannten wir das Stammtisch“
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00:22 13.08.2018
Teilnehmerinnen eines Festes „Buntes Göttingen“ aus den vergangenen Jahren. Quelle: Peter Heller
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Göttingen

Zum dritten Mal nach 2016 und 2017 will sich Göttingen am Sonnabend, 11. August, als offene und tolerante Stadt präsentieren. Mit den Bürgern wollen die Organisatoren auf dem Marktplatz und im Alten Rathaus das Fest „Buntes Göttingen: Gemeinsam für Demokratie und Toleranz – gegen Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus!“ feiern.

Das Fest gehe auf eine Beschluss des Rates der Stadt Göttingen zurück, erklärt Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD). Es sei der Wunsch des Rates gewesen, klar zu machen, „dass das zur Vielfalt in Göttingen passt“.

Sein eigenes Erleben eines alltäglichen Rassismus sieht Köhler kaum: „Es ist immer die Frage, wie man das wahrnimmt. Aber mir persönlich ist das noch nicht untergekommen.“ Vielleicht liege das auch an seiner sehr gemischten Nachbarschaft an seinem Wohnort in Grone, sagt der Oberbürgermeister und zählt auf: „ein Türke, ein Roma, ein Polizist und eine fast 100-jährige Frau“. Doch er bemerke auch Veränderungen, beispielsweise um Umgang mancher Menschen mit „Frauen, die sich anders kleiden als Mitteleuropäerinnen“. Köhler: „Früher nannten wir das Stammtisch.“ Und weiter: „Bestimmte Verhalten werden wieder hoffähig, da muss man aufpassen.“

“Die Özil-Affäre hat vieles losgetreten“, meint Superintendent Friedrich Selter. Ihm selbst sei Rassismus im Alltag noch nicht untergekommen, sagt er zu Beginn des Gesprächs, um sich später dann zu korrigieren. Er glaube, dass Menschen, die auffällig aus einem anderen Kulturkreis kommen, häufiger damit konfrontiert werden. Der Vater seiner Nichte und seines Neffen stamme aus Ghana. Dementsprechend würden sie immer wieder auf ihre Herkunft angesprochen – wenn auch in der Regel „nicht diskriminierend gemeint“. Selters Folgerung daraus: „Wir brauchen in unseren Lebensbereichen eine andere Sensibilität.“ Sein Credo sei: „Wir sind in unserem Land weitgehend abgesichert, so dass wir mit Menschen aus anderen Kulturkreisen friedlich zusammenleben können – das bringt auch eine Verpflichtung zur Gestaltung.“

Eine Form, dies auszudrücken, ist das Fest „Buntes Göttingen“, bei dem viele Göttinger Bürger aus unterschiedlichen Ländern der Welt einen Einblick in das Leben ihrer Herkunftsorte ermöglichen. Sehr bunt, sehr solidarisch, sehr fröhlich und vor allem friedlich.

Yusuf Beyazit Quelle: Peter Heller

Yusuf Beyazit

„Ich persönlich habe in den letzten Jahren keine schlechten Erfahrungen gemacht“, sagt Yusuf Beyazit, Fußballer mit türkischen Wurzeln beim Bezirksligisten SG Lenglern. Als Jugendlicher mit 17 oder 18 Jahren habe es hier und da mal einen Spruch gegeben, berichtet der 39-Jährige. „Da hat man dann von den Zuschauern zu hören bekommen: ,Guck’ dir mal den Schwarzkopf an’, oder „Geh’ doch dahin, wo Du hergekommen bist.“ Das habe sich jedoch gelegt: „In Südniedersachsen habe ich das seit einiger Zeit eigentlich gar nicht mehr gehört.“

Youssef Souleiman Quelle: Christoph Mischke

Youssef Souleiman

Die Frage sei ja immer, wann Rassismus anfängt, gibt Youssef Souleiman, libanesischer Fußballer in Diensten des Bezirksligisten TSV Bremke/Ischenrode, zu bedenken. „Ich zum Beispiel mache in der Kabine immer mal einen selbstironischen Spaß, einen blöden Spruch.“ Im Ernst höre er so etwas auf Fußballplätzen der Region Göttingen aber gar nicht.

Die Debatte um Mesut Özil habe er nicht genau verstanden: „Es hat mich gewundert, dass die Leute sich so aufgeregt haben. Es war ja nicht das erste Bild, dass mit Erdogan gemacht hat. Ich glaube, die Leute suchen sich einen Sündenbock.“

Die Alltagsrassisten sind in seinen Augen meistens die Altersrassisten – die älteren Mitbürger: „Wenn was ist, dann sind sie dabei, dann kriegen sie Lust nachzulegen. Aber das sind höchstens fünf Prozent.“

Andere Erfahrungen hat der 34-jährige bei seinen zwei Stationen in Thüringen gemacht, in Sangerhausen und in Farnstädt. „Da kriegt man auf den Dörfern schon mal ’nen Spruch an den Kopf“, sagt er. „Geh’ dahin, wo Du her kommst“, oder „Scheiß-Türke“, sei da zu hören gewesen.

Einmal sei er provoziert worden und als Farnstädter Spieler nach seinem Treffer zum 1:0 in die gegnerische Fankurve gelaufen, wo er gefeiert habe. „Da sind dann auch Flaschen geflogen, und es wurde ,Scheiß Ausländer’ gerufen.“ Souleiman reagierte mit „Ich bin aber gar kein Ausländer“, woraufhin „Scheiß Wessi“ gerufen worden sei. „Es gab drei bis vier Mannschaften, bei denen ich mir gedacht habe: Wo bist Du denn hier gelandet?“ Geärgert habe er sich aber nie, sondern sich eher amüsiert.

Im Westen habe er so etwas niemals erlebt. Auf der anderen Seite seien ihm andere Thüringer auch außergewöhnlich herzlich begegnet. „So ist halt der Osten“, sagt Souleiman.

Gerbi Kaplan. Quelle: Swen Pförtner

Gerbi Kaplan

„Es kommt hier und da mal vor“, sagt Gerbi Kaplan, 27-jähriger Spielertrainer des Fußball-Landesligisten 1. SC Göttingen 05 mit kurdischen Wurzeln. „Ich bin schon mal auf dem Fußballplatz angemacht worden, es kam vor, dass von draußen ’Kanake’ gerufen wurde.“ In letzter Zeit sei das aber gar nicht mehr vorgekommen, „in der letzten Saison gab es gar keinen Vorfall“.

Attila Kaplan Quelle: Soeren Kracht

Attila Kaplan

Attila Kaplan, 43-jähriger Co-Trainer beim Fußball-Bezirksligisten Sparta Göttingen mit kurdischen Wurzeln, hat weder in Göttingen noch vorher in Hildesheim Rassismus erlebt. „Ich kann mich an keinen Vorfall erinnern.“ Dass Özil die „Karte Rassismus“ ausgespielt habe, sei in seinen Augen „lächerlich“, aber es komme Erdogan „sehr gelegen“.

Amina Yousaf Quelle: r

Amina Yousaf

Die Studentin und SPD-Nachwuchspolitikerin Amina Yousaf ist Rassismus leid – weshalb sie dazu übergegangen ist, auf rassistische Übergriffe mit Anzeigen zu reagieren. Erst kürzlich habe sie am Bahnhof in Hannover ein Unbekannter angepöbelt, sie solle dorthin zurückgehen, wo sie herkommt, und habe sie beleidigt. Sie habe die Polizei gerufen, ein Passant habe als Zeuge ausgesagt.

„Im letzten halben Jahr ist es deutlich mehr geworden“, sagt Yousaf außerdem über die Zahl der selbst erlebten rassistischen Übergriffe – sowohl im Alltag als auch im Netz, wo die junge Frau eigenen Angaben zufolge zahlreiche Hassnachrichten bekommt.

#MeTwo hält sie deshalb für eine „extrem wichtige Debatte“, die sie jedoch vom Rücktritt von Mesut Özil losgelöst betrachtet wissen will: „Das war nicht der Auslöser“, ist sie überzeugt. Stattdessen komme #MeTwo aus einer Community, die großen Redebedarf habe – „weil sich unsere Gesellschaft hin zu einer Schieflage entwickelt“, so Yousaf.

Mehmet Tugcu Quelle: Höland

Mehmet Tugcu

„Ich fand das zum Kotzen“, sagt der Göttinger Grünen-Politiker Mehmet Tugcu über den Umgang mit Mesut Özil nach dem Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Denn ihm zufolge spiegelte sich in der Debatte stets die Haltung wieder, dass es an Einwanderern und Menschen mit Migrationshintergrund sei, sich zu integrieren – um, wie in Özils Fall, trotz starker Leistungen in der Nationalmanschaft und karitativem Engagement am Ende „immer noch als Türke beschimpft“ zu werden.

Aus eigener Erfahrung und aus zahlreichen Berichten Anderer wisse er, dass beispielsweise in Verwaltungen oft eine große Voreingenommenheit gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund bestehe. So seien auch dort Vorurteile wie „Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ oder „Diese Menschen leben von unserem Steuergeld“ anzutreffen.

Mit dieser Voreingenommenheit konfrontiert zu werden, mache es schwer, in Deutschland auch emotional anzukommen, glaubt Tugcu. Betonend, dass das eine „harte Kritik“ sei, sagt er nach fast 20 Jahren kommunalpolitischem Engagement in Göttingen: „Ich bin emotional nicht integriert“. „Integration ist keine Einbahnstraße“, betont er deshalb.

Abdul Abbasi. Quelle: Peter Heller

Abdul Abbasi

„In jeder Gesellschaft gibt es Probleme“, sagt der in Göttingen lebende Autor und Videoblogger Abdul Abbasi aus Syrien. Und so, wie er Probleme mit der Gleichstellung von Frauen in Syrien benenne, sei es wichtig, dass sich die Deutschen mit dem hiesigen Alltagsrassismus beschäftigen.

Daran, dass es diesen gibt, hegt er keine Zweifel: Mit rassistischen Hasskommentaren im Internet habe er reichlich Erfahrung –doch auch im Studentenleben in Göttingen begegnen ihm eigenen Angaben zufolge unangenehme Sprüche: „Abdul, wo ist denn dein fliegender Teppich“ gehöre dazu, ebenso wie vermeintliche Witze, er sei ein Terrorist.

Er betont allerdings, dass es in Deutschland nur eine Minderheit sei, die sich so verhalte. Oft genug würden Bekannte oder Freunde intervenieren, wenn ausgrenzende Kommentare kämen. „Deshalb habe ich die Hoffnung, dass es besser wird“, sagt Abbasi über Alltagsrassismus in Deutschland.

Winnie Akeri

Winnie Akeri, deren Eltern aus dem Südsudan stammen, wünscht sich, dass die Debatte über #MeTwo und Alltagsrassismus ernstgenommen wird: „Das ist kein dummes Gerede, dass passiert mir auch oft“, sagt die Göttinger Jugendsekretärin des deutschen Gewerkschaftsbundes.

Sie meint damit eigenen Angaben zufolge unter anderem Probleme bei der Wohnungssuche, ausgrenzende Kommentare über ihre vermeintliche afrikanische Herkunft oder schlicht den Moment, wo im überfüllten Bus ausgerechnet der Platz neben ihr frei bleibe.

Vor allem wünscht sich Akeri deshalb, dass es nicht als Übertreibung dargestellt wird, wenn jemand Rassismus kritisiert: „Man könnte sich auch eingestehen, dass einem das in einer Gesellschaft, in der Rassismus historisch verankert ist, passieren kann“, sagt Akeri. Statt Abwehrreflexen sei es deshalb wichtig, Verantwortung für Entgleisungen zu übernehmen, die als rassistisch verstanden worden seien.

Von Peter Krüger-Lenz, Eduard Warda und Christoph Höland

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