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Thema des Tages Sanierung oder Abriss?
Thema Specials Thema des Tages Sanierung oder Abriss?
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21:03 26.04.2017
Hinter der auffälligen Fassadengestaltung der Göttinger Stadthalle verbergen sich zum Teil schwerwiegende Schäden in der Substanz. Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

Eine langwierige Diskussion um Neubau, Anbau, Sanierung und Entkernung würde damit beendet. Bereits in den 80er Jahren wird ein möglicher Abriss des 60er-Jahre-Bauwerks am Albaniplatz erstmals in Erwägung gezogen. Dazu kommt es nicht. Statt dessen steckt die Stadt immer wieder viel Geld in den „Kachelofen“, wie die Göttinger das Bauwerk mit der auffälligen Fassadengestaltung liebevoll nennen.

2002 entsteht ein Sanierungsfahrplan, Gutachten zu Statik, Elektrik und Bausubstanz werden in Auftrag gegeben. Das Thema Brandschutz behandelt das Göttinger Tageblatt im Herbst 2004 unter der Überschrift „Sorge um die Stadthalle“. Eine drohende Investition von einer Viertelmillion Euro belebt die politische Diskussion.

Weiteres Vorgehen

Die Zukunft der Stadthalle beschäftigt Politik und Öffentlichkeit: Am Sonntag, 7. Mai, können Besucher von 11 bis 14 Uhr einen Blick hinter die Kulissen der Stadthalle werfen. Neben einem Informationstisch der Fachverwaltung bietet die Stadt jede halbe Stunde Führungen für bis zu zehn Personen. Hierfür wird um Anmeldung unter stadt@goettingen.de oder telefonisch unter 0551/400-2321 gebeten.

Das Sanierungskonzept Stadthalle wird am Donnerstag, 4. Mai, in der Sitzung der Ausschüsse für Planen, Bauen und Grundstücke sowie für Kultur und Wissenschaft in nächster Lesung beraten. Der Rat wird voraussichtlich am Freitag, 12. Mai, über das weitere Vorgehen entscheiden.

Heute müssen die Ratspolitiker über andere Beträge entscheiden. In der Kostenaufstellung gehen die Planer der Architektengruppe von knapp 23 Millionen Euro (brutto) für eine Sanierung aus. Die Option einer Erweiterung würde mit weiteren elf Millionen Euro zu Buche schlagen. Dem steht die Summe von 40 bis 45 Millionen Euro gegenüber, die die Verwaltung in der Vergangenheit für einen Neubau veranschlagt hat, ohne allerdings eine konkrete Kostenerhebung vorgenommen zu haben.

Stadtbaurat Dienberg bei einer Inspektion 2016

In 414 Einzelpositionen summieren sich die Kosten von Abbruch, Hoch- und Tiefbau, Technik, Außengestaltung und Planungskosten. Einige Positionen, wie beispielsweise die Anschaffung neuer Saalbestuhlung oder die Räumung der Stadthalle, sind nicht enthalten. Auch mögliche Kosten, die sich durch den Nutzungsausfall während der Bauphase oder die Ertüchtigung von alternativen Veranstaltungsorten ergeben, sind nicht beziffert. Kritiker behaupten, der finanzielle Rahmen sei ebensowenig zu halten, wie der im Konzept enthaltenen Zeitplan.

Der hat auch bereits einige Monate Verzug. Ursprünglich sollte die Sanierungsphase von Göttinger Symphonie Orchester und Händelfestspielen gerahmt sein: Baubeginn nach einem GSO-Konzert Ende Mai 2018. Fertigstellung pünktlich zu den Jubiläumshändelfestspielen im Mai 2020. Allerdings wäre dafür eine Entscheidung im Rat vor Weihnachten nötig gewesen, sagt Stadtbaurat Thomas Dienberg. „Für Mai 2020 kann ich keine Garantie mehr geben“.

Brandschutzmaßnahmen an der Fassade 1998

Man werde zwar versuchen, den ohnehin ambitionierten Plan noch einmal zu überprüfen. Er sei aber wenig optimistisch, auch mit Blick auf die europaweiten Ausschreibungen, die zusätzlich zu Verzögerungen führen können. Außerdem sei eine Sanierung von Grund auf, so sie denn in dieser Form beschlossen würde, vom Aufwand fast vergleichbar mit einem Neubau, so Dienberg weiter. Bei allen möglichen Verzögerungen, steht ein Zeitpunkt fest: Über das Jahr 2018 hinaus ist ein Betrieb der Stadthalle in ihrer jetzigen Form nicht möglich.

Große Saalsanierung 1999

Neben dem Händeljubiläum erwähnt das Sanierungskonzept auf den letzten Seiten übrigens eine weitere Veranstaltung rund um die Stadthalle mit großer Strahlkraft. Das NDR-Soundcheck-Festival im September vermittle „seit fünf Jahren im gesamten norddeutschen Raum ein positives Bild der Stadt“, heißt es. Damit wäre den Verantwortlichen der nächste zeitliche Rahmen für die Sanierung gesteckt.

Es gibt keinen vergleichbaren Saal

130 Veranstaltungen finden durchschnittlich pro Jahr in der Göttinger Stadthalle statt. Das sind neben etwa 20 Konzerten des Göttinger Symphonie Orchesters (GSO) und den Internationalen Händel-Festspielen unter anderem etwa 30 Tagungen und 50 Events aus dem Bereich Konzerte und Comedy. Aktuell werden bereits Karten für Veranstaltungen in der zweiten Jahreshälfte 2018 angeboten. „Die Planungen für das Programm haben in der Regel einen Vorlauf von ein bis zwei Jahren“, erklärt Nicole Klammer, Leiterin des Veranstaltungsmanagements er Stadthalle.

Entsprechend warten die Verantwortlichen derzeit auf eine Entscheidung zur Stadthalle. „Besser heute als morgen“, so Klammer. Erst dann könne sie wieder professionell auf Anfragen von Veranstaltern reagieren. Am Markt sei eine gewisse Unsicherheit zu spüren, man brauche Planungssicherheit.

Das gilt auch für die Händel-Festspiele. „Für mich ist es wichtig, dass jetzt eine Entscheidung fällt“, sagt Tobias Wolff, geschäftsführender Intendant der Festspiele. Es gehe dabei vorrangig um die Planung des Jubiläums zum 100-jährigen Bestehen im Jahr 2020. Dass dafür die Stadthalle entgegen früherer Zusagen nicht zur Verfügung stehe, sei für die Festspiele und die Stadt „mit einer Imagebeeinträchtigung verbunden“. Geplant war bisher, alle Händelopern aufzuführen und bekannte Interpreten zu verpflichten. Jetzt denkt man über eine Verlegung ins Jahr 2021 nach. Um große Namen nach Göttingen zu holen, brauche man nicht nur ausreichend Planungsvorlauf, sondern auch einen Raum, der internationalen Standards genügt.

Eine vergleichbare Spielstätte zum Saal der Stadthalle gebe es in Göttingen nicht, sagt GSO-Chefdirigent Christoph-Mathias Mueller. Die müsste nicht nur 1200 Besuchern Platz bieten, sondern außerdem Anforderungen an Akustik, Erreichbarkeit und Logistik erfüllen. Ein Ausweichen auf kleinere Säle würde bedeuten, dass Teile des GSO-Kernrepertoires nicht gespielt werden könnten. In Spielorten wie der Lokhalle oder der S-Arena hingegen käme „ein subtileres Programm nicht zur Geltung“.

In einer ersten Runde mit den Verantwortlichen von Händel-Festspielen und GSO aber auch von Jungem Theater und KAZ, die wegen der Sanierung des Ottfried-Müller-Hauses zeitgleich auf der Suche nach Räumlichkeiten sein werden, wurde bereits Göttingens Raumangebot sondiert. Im Gespräch seien dabei die Voigtschule, das Deutsche Theater, die Aula am Wilhelmsplatz und weitere Räume der Universität, Schulaulas und Kirchen, erkärt Göttingens Kulturdezernentin Petra Broistedt. Es werde aber nicht für alle 130 Stadthallen-Veranstaltungen eine perfekte Lösung geben. Klammer ergänzt: „Ziel muss es sein, den größten Teil in Göttingen zu halten.“ Denn habe ein Veranstalter Göttingen erst einmal verlassen, werde es schwer, ihn zurückzuholen – auch mit sanierter Stadthalle.ms

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