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Thema des Tages Recherche in Südniedersachsen
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13:00 10.08.2018
Eine Ausstellung sowie eine Dokumentation erinnert an die Opfer der „Kindereuthanasie" aus Südniedersachsen. Eines der wenigen überlieferten Fotos zeigt eines der Opfer – Heinz Schäfer aus Bovenden, auf dem Arm seines Bruders Rolf. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1941. Quelle: Foto: r
Duderstadt

Auch wenn der Korrespondent der Mediengruppe Madsack vorwiegend in den USA lebt, die Verbundenheit zu seiner Heimat im Eichsfeld ist geblieben. Und das Interesse an Geschichte. 2017 veröffentlichte Stefan Koch eine Dokumentation über die Gefangenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs aus seinem Heimatort Langenhagen. „Bei den Nachforschungen stieß ich auf erste Berichte zur sogenannten Kindereuthanasie in unserer Region. Überrascht stellte ich fest, dass bisher nicht bekannt war, ob es Opfer dieses NS-Tötungsprogramms aus Duderstadt gab“, so Stefan Koch über seine Beweggründe, sich des Themas „Euthanasie in der Region“ anzunehmen.

Die Recherchen führten ihn ins Niedersächsische Landesarchiv. Im weiteren Verlauf habe er „eine großartige Unterstützung durch Dr. Carola Rudnick, Leiterin der „Euthanasie“ Gedenkstätte Lüneburg, erfahren. Sie habe mit ihren Fachgutachten seinen Verdacht bestätigt, dass es sich bei den von ihm ausfindig gemachten Patientenakten um „verdeckte Mordaktionen“ gehandelt habe und die vier betroffenen Kinder getötet wurden.

Keine leichte Recherche

Die Suche nach den lebenden Angehörigen der Opfer sei keine leichte Recherche gewesen, erinnert sich der Journalist. So auch bei Julius Koch, dessen Geschwister nach dem Krieg aus Duderstadt weggezogen und mittlerweile alle verstorben sind. Einfacher sei es gewesen, bei den Familien der Göttinger Opfer. „Die konnte ich glücklicherweise fast auf Anhieb ausfindig machen. Die Gespräche mit den Angehörigen waren sehr berührend, da sie die Hintergründe bisher gar nicht kannten“, so Koch über seine Arbeit für die Dokumentation. Eine Halbschwester des Opfers aus Ebergötzen habe zu ihm gesagt: „Endlich schließt sich der Kreis“.

Bei seinen Recherchen habe er viel Unterstützung bekommen – beispielsweise vom Tiftlingeröder Ortsheimatpfleger Mario Diederich, der der Familiengeschichte von Julius Koch bis zum Dreißigjährigen Krieg nachspürte und zu dem Ergebnis gelangte: „Halb Duderstadt ist mit Julius Koch verwandt“. Viele mehr halfen, so Stefan Koch – übrigens selbst nicht verwandt mit Julius Koch. „Insgesamt ein starker Rückenwind vor Ort“, stellt der schon länger im Ausland lebende Koch fest, „das war sehr beeindruckend zu erleben“.

„Mangelhafte Aufarbeitung“

Kochs Dokumentation habe einen „ausdrücklich lokalen Ansatz“, schreibt er. „Aber zufälligerweise kreuzten sich in Göttingen die Wege der Opfer, der Täter und der Ideologen.“ Sämtliche Täter (Ärztlicher Direktor, Arzt und Pflegerin) hätten ihre Karrieren nach dem Krieg unbehelligt fortsetzen können, berichtet Koch von seinen Recherchen. „Anhand der mangelhaften Euthanasie-Aufarbeitung lässt sich ablesen, wie unheilvoll die Liaison zwischen Juristen und Ärzten in der Nachkriegszeit war: Strafrechtliche Verfahren gegen die Ärzte wurden zwar eröffnet, aber unter fadenscheinigen Begründungen beigelegt. Ein wirklich düsteres Kapitel“, fasst der Journalist zusammen.

Für die Tageblatt-Leser hat Stefan Koch die Geschichte des Duderstädter Euthanasie-Opfers Julius Koch zusammengefasst. Die Schicksale der anderen Opfer aus Südniedersachsen werden bei der Gedenkveranstaltung am Sonnabend, 11. August, gewürdigt. Kochs Dokumentation wird über Mecke Druck und Verlag sowie durch die Buchhandlung Mecke vertrieben.

Ausstellung und Dokumentation

Den Opfern der Kindereuthanasie in Südniedersachsen soll mit einer Ausstellung und Dokumentation am Sonnabend, 11. August, in der Kundenhalle der Sparkasse Duderstadt ein Gesicht gegeben werden. Die Gedenkveranstaltung beginnt um 10.30 Uhr. Dabei sollen die vier Betroffenen aus Duderstadt und Göttingen im Mittelpunkt stehen. Dies sind Elisabeth Stemme aus Ebergötzen, Ingeborg Wahle aus Göttingen, Heinz Schäfer aus Bovenden und Julius Koch aus Duderstadt. Die Dokumentation von Stefan Koch trägt den Titel „Zur Erinnerung an Elisabeth, Heinz, Ingeborg und Julius“.

Im Rahmen der Gedenkveranstaltung wird außerdem eine Ausstellung der Euthanasie-Gedenkstätte in Lüneburg eröffnet. Deren Leiterin, die Historikerin Carola Rudnick, wird in das Thema einführen und unter anderem berichten, was die Schau so besonders macht. Die Sonderausstellung ist erstmals in Südniedersachsen zu sehen.

„Keine Entwicklung mehr zu erwarten“

Der Universalgelehrte Yuval Noah Harari liefert in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ einen interessanten Hinweis, wie Menschen über viele tausend Jahre hinweg mit Menschen umgingen, die eine körperliche Behinderung aufwiesen: Anhand von Knochenfunden aus der Steinzeit lässt sich demnach feststellen, dass unsere frühen Vorfahren ihre Stammesgenossen, die unter einem Handicap litten, überaus fürsorglich behandelten. Die Knochenfunde stammen von Menschen, die ein höheres Alter erreichten, obwohl sie nicht in der Lage waren zu gehen und sich selbst zu versorgen.

Dieses natürliche Miteinander war nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Immer wieder gab es Situationen und Kulturen, in denen die Schwächsten ausgegrenzt oder gar getötet wurden. Was sich während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland abspielte, war allerdings eine Monstrosität bisher unbekannten Ausmaßes.

Dass die Nazizeit vor dem Hintergrund der Menschheitsgeschichte als Zivilisationsbruch bezeichnet wird, liegt zuallererst in dem millionenfachen und industriell organisierten Mord an Juden begründet. Die Singularität der Naziverbrechen zeigt sich aber auch an der sogenannten NS-Kindereuthanasie. Nach heutigen Schätzungen wurden mehr als 5000 Minderjährige als lebensunwert bezeichnet und ermordet. Einiges spricht dafür, dass es sogar mehr als 10000 junge Menschen waren.

Bisher war nicht bekannt, dass sich gerade in der Region Duderstadt/Göttingen auf engstem Raum die Wege von Opfern und Tätern kreuzten. Anhand der Biographien lässt sich zudem ablesen, wie leicht sich die Täter in der Nachkriegszeit ihrer Verantwortung entziehen konnten.

Erschreckend ist die Fülle an Materialien. Die Verbrechen liegen mehr als sieben Jahrzehnte zurück, aber die Dokumente sind zum großen Teil noch vorhanden. Briefe, Akten, Papierschnipsel – alles fein säuberlich zusammengelegt und in Archivmappen gesammelt, finden sich die Beweise zu einer der großen Tötungsaktionen in gut sortierten Archiven. Dass sich die Nazis an Kindern mit Behinderungen und normenabweichendem Verhalten vergingen, ist hinlänglich bekannt. Überraschend ist allerdings, dass die Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels der deutschen Geschichte noch in vollem Gange ist. Unbekannt war bisher beispielsweise das Schicksal von Julius Koch aus Duderstadt.

Kind aus einfachen Verhältnissen

Das Kind stammte aus einer alteingesessenen Eichsfelder Familie. Sein Vater Hieronymus war mit mehreren Geschwistern in Tiftlingerode aufgewachsen und zog als junger Mann nach Duderstadt. In den Wirtschaftskrisen der 1920er- und 1930er-Jahre findet der Vater zunächst nur schwer ein Auskommen, zumal er gemeinsam mit seiner Ehefrau Auguste (geborene Fiedler) acht Kinder hatte.

Aufgrund eines Unfalls war Hieronymus Koch nicht mehr in der Lage, in seinem erlernten Beruf als Stuckateur zu arbeiten und musste sich als Fahrer eines Pferdefuhrwerkes verdingen. Auguste trug ebenfalls zum Familieneinkommen bei und ging täglich zur Schicht in die Duderstädter Feilenfabrik.

Das Unglück nahm seinen Lauf, als der kleine Julius ein Jahr nach seiner Geburt an Masern erkrankte und wohl zudem eine schwere Hirnhautentzündung bekam. Genau lässt es sich nicht mehr rekonstruieren, aber eine der beiden frühkindlichen Erkrankungen war nach Einschätzung der Familie die Ursache für Julius’ Behinderung.

Der Junge wuchs heran, konnte jedoch weder laufen noch eigenständig essen oder trinken. Die Familie kümmerte sich rührend um ihn. Wenn die Schwestern und Brüder zum Spielen nach draußen gingen, zogen sie Julius kurzerhand in einem Bollerwagen hinter sich her.

Besonderes Interesse habe Julius an Tieren gezeigt. Vor allem die Pferde hätten es ihm angetan, mit denen sein Vater tagtäglich unterwegs war, und die auch abends von ihm versorgt wurden. Hin und wieder, so heißt es in der mündlich überlieferten Familiengeschichte, verbrachte der Vater mit seinen Kindern einen Abend im Stall. Es seien die glücklichsten Stunden des Kindes gewesen, wenn er sich bei den prächtigen Vierbeinern aufhalten durfte. Die Tiere hätten gespürt, dass Julius anders war als die anderen Kinder. Sie hätten sich ihm gegenüber auffällig ruhig verhalten und ihn vorsichtig beschnuppert. Eine Stute habe sich manchmal einen Spaß daraus gemacht, den Kleinen mit ihrem großen Maul ein bisschen an den Haaren zu ziehen oder im Nacken zu kitzeln. In diesen Momenten habe sich Julius weggeduckt und aus vollem Herzen gelacht.

Wie Kinder so sind, ging es beim Heranwachsen manchmal auch etwas rabiat zur Sache. Wenn der gleichnamige Großvater, der tagsüber auf den Kleinen aufpasste, einen Moment nicht aufmerksam war, schnappte die jüngere Schwester Julius seine Nuckelflasche weg. Der Brei, den der Opa kochte, schmeckte eben allen Kindern, erzählt Julius’ Nichte Anja Böning.

Zu den wenigen Augenzeugen, die über das Kind noch Auskunft geben können, zählt auch Marianne Schenk, die im Obergeschoss des Hauses in der Hinterstraße aufgewachsen war: „An den kleinen Julius kann ich mich noch erinnern. Auf dem Hausflur sind wir uns hin und wieder begegnet. Er lebte mit seiner Familie im Erdgeschoss des Hauses in der Hinterstraße. Sein Großvater verbrachte viel Zeit mit ihm und spielte manchmal mit ihm im Hinterhof.“

Eltern vertrauten den Behörden

Nichtsdestotrotz lastete die Pflegebedürftigkeit des Kindes schwer auf der Familie, zumal auch zwei weitere Kinder zu betreuen und die Eltern tagsüber außer Haus waren.

Aus dem Schriftwechsel der Behörden und aus den Briefen der Familie geht hervor, dass die Eltern weitgehend geringe Einkünfte hatten und im sogenannten Armenhaus lebten. Ein Misstrauen gegenüber dem eigenen Staat hegten sie allem Anschein nach nicht. Offenbar vertrauten sie auf die Aussagen von Ärzten, Pflegern und Behördenleitern. Der Aufforderung des Kreises Duderstadt, den Jungen in der Heil- und Pflegeanstalt in Lüneburg beobachten und verwahren zu lassen, stimmten sie letztlich zu.

Wie Julius’ Nichte berichtet, habe ihre Mutter oftmals von dem letzten gemeinsamen Tag mit dem Bruder erzählt und viele Details in aller Ausführlichkeit geschildert. So habe eine gedrückte Stimmung über der Familie gelegen, als der Tag der Einweisung (27. Oktober 1942) kam. Da die Eltern schon frühmorgens zur Arbeit gingen, wurde Julius von seinem Großvater und seiner älteren Schwester Theresa zum Bahnhof und von dort aus nach Lüneburg begleitet. Als sie das Haus in der Hinterstraße verließen, saß er zunächst wie so oft in seinem Bollerwagen. Doch schon nach wenigen Schritten meldete sich der Elfjährige zu Wort und habe darauf beharrt, von seiner Schwester per Huckepack getragen zu werden – ganz so, wie er es auch in früheren Jahren immer so gemocht hatte. Auf der Schulter seiner Geschwister die Welt zu sehen, war für ihn das Größte.

Theresa willigte bereitwillig ein und trug ihn den langen Weg bis zum Bahnhof. Sie schwitzte und war schon nach kurzer Strecke ziemlich erschöpft, da Julius mittlerweile ein ordentliches Gewicht besaß. Aber sie setzte ihn nicht ab und wollte ihm seinen – letzten – Wunsch erfüllen.

Gemeinsam mit ihrem Großvater gingen sie die Bahnhofstraße entlang, bis sie schließlich den Bahnhof und das Gleis erreichten. Theresa trug Julius in den Waggon hinein, setzte sich neben ihn und hielt während der gesamten Fahrt seine Hand.

Stunden später, in Lüneburg, verabschiedete sich der Junge mit traurigen Augen und einer leichten Handbewegung. Theresa ahnte, dass sie ihren Bruder niemals wiedersehen würde. Sie kehrte mit ihrem Großvater am Abend allein nach Hause zurück, verschwand auf ihr Kinderzimmer und weinte.

Julius wurde in der Kinderfachabteilung im Haus 25, Station I, aufgenommen und ärztlich begutachtet. Der Aufnahmeantrag ging vom Kreis Duderstadt aus, die lokale Behörde bat um direkte Aufnahme des „geistesschwachen Julius Koch“, ohne eine Einweisungserlaubnis aus Berlin über den Reichsausschuss für erb- und anlagebedingte schwere Leiden abzuwarten. Die Aufnahme erfolgte mit Zustimmung der Eltern, da er „[...] immer unter Aufsicht sein [muss], da er an alle Gegenstände herangeht und viel Geschirr zertrümmert. Die Überführung in eine Anstalt ist notwendig, da die Pflege des Idioten neben 2 anderen Geschwistern im Hause nicht durchzuführen ist.“ Die internen Beurteilungen, die noch heute in der Patientenakte zu finden sind, sprechen dagegen eine noch deutlichere Sprache. Mit weiteren Entwicklungen, so heißt es dort, sei letztlich nicht zu rechnen. Schnell war den Ärzten und Pflegerinnen offenbar klar, dass Julius unter das Euthanasieprogramm fällt. Von diesen internen Beurteilungen weiß die Familie nichts. Noch Mitte Dezember schreibt die Familie:

„Sehr geehrter Herr Direktor

Wir schicken dem kleinen Julius ein kleines Weihnachts Päckchen und teilen sie uns bitte mit ob es angekommen ist und wie er sich macht und ob ich i(h)n zu Ostern oder Pfingsten einma(h)l besuchen darf.

Mit bestem Gruß seine Großschwester

Mit deutschem Gruß

Heil Hitler!“

Zu diesem Zeitpunkt ist das Schicksal des Kindes längst entschieden. Am 29. Dezember fiel das folgenreiche „Urteil“: „Tiefstehend, unsauber, idiotisch, keine Entwicklung mehr zu erwarten.“ Da Julius wohl auch „Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme“ gemacht habe, starb er offiziell an „Verpflegungsstörung“ und „Erschöpfung“. Dieser Befund ist unglaubwürdig.

Nach Einschätzung der Historikerin Carola Rudnick, die auf Basis der Patientenakte und ihrer seit 2012 bestehenden Forschungen zur NS-Kindereuthanasie im Januar 2018 ein Gutachten über diesen Fall verfasste, wurde Julius mit hoher Wahrscheinlichkeit nach dem 29. Dezember 1942 mit einer Überdosis an Medikamenten getötet.

Von Britta Eichner-Ramm und Stefan Koch

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