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Thema des Tages Neue Wege aus der Depression
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18:29 14.01.2019
Göttinger Wissenschaftler suchen nach neuen Wegen für die Therapie von Depressionen. Quelle: Foto: =dpa
Göttingen

Zwei Studien der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) sollen depressiven Menschen weiterhelfen, die weder durch Medikamente noch durch Psychotherapie signifikante Verbesserungen ihrer Beschwerden feststellen. Etwa ein Drittel der betroffenen Patienten, die sich in ärztlicher Behandlung befinden, reagiert nicht ausreichend auf die Standardbehandlungen.

Für diese Patientengruppe sucht eine Forschungsgruppe im Labor für Systemische Neurowissenschaften und Bildgebung in der Psychiatrie (SNIP) an der Psychiatrischen Klinik der UMG unter Leitung von Dr. Roberto Goya-Maldonado seit 2016 weitere Therapiemöglichkeiten.

Sie führen derzeit zwei unterschiedliche Studien zur Behandlung von Depressionen durch. Wie sind diese aufgestellt?

Goya-Maldonado: Die Studie MinoTRD untersucht die Auswirkungen eines etablierten Antibiotikums (Minocyclin) als Zusatztherapie zu Antidepressiva. Dies ist also ein bekanntes Medikament und bereits auf dem Markt, das jetzt für diesen Einsatz getestet wird. Eine weitere Studie namens PreNeSt untersucht die Auswirkungen der nichtinvasiven Hirnstimulation als alleinige Therapie oder als Zusatztherapie zur Behandlung von Depressionen. Diese Option wurde in den letzten Jahren aufgrund der guten Ergebnisse und der Begrenzung von Nebenwirkungen immer beliebter.

Was genau erforschen Sie in der MinoTRD-Studie?

Für die MinoTRD-Studie ist die psychiatrische Klinik der UMG Teil einer nationalen Initiative der Berliner Charité. Das Ziel ist dabei, die Reduktion depressiver Symptome durch Auswirkungen von Minocyclin auf das Entzündungs- und Immunsystem zu testen. Dabei werden während der 6-wöchigen Beobachtungs- und Behandlungsphase Blutproben entnommen, wobei die Teilnehmer intensiv auf klinische Verbesserungen überwacht werden. Wenn sich die Behandlung mit Minocyclin als vorteilhaft erweist, kann sie in Zukunft durch eine Verstärkung der üblichen Antidepressiva zu einer guten Zusatztherapie werden.

Wie wirkt Minocyclin auf den Körper?

Minocyclin ist ein Antibiotikum, das die Vermehrung von Bakterien verhindert anstatt diese aktiv abzutöten. Es gibt ein sehr breites Spektrum an verschiedenen Bakterien. Daher wird es oft verschrieben, um verschiedene Infektionen zu behandeln. Minocyclin erreicht auch das Gehirn gut und wird nach jüngsten Erkenntnissen durch entzündungshemmende und das Immunsystem verändernde Wirkungen als eine gute Option für schwerere Fälle von Depression angesehen, bei denen möglicherweise eine entzündliche Komponente von Nervenzellen im Gehirn vorliegt.

Wo Depressive Hilfe finden

Bei depressiven Episoden oder in akuten Krisen können sich Betroffene an mehrere Hilfestellen wenden.

Stadt und Landkreis Göttingen haben zusammen einen Sozialpsychiatrischen Dienst (SPDi) im Gesundheitsamt am Reinsgraben 1 eingerichtet.

Der SPDi stellt unterstützende Hilfen für Menschen bereit, die durch eine psychische Erkrankung oder eine Krisensituation belastet sind. Dieses Angebot richtet sich sowohl an Betroffene als auch an Angehörige. Zu erreichen sind die Mitarbeiter telefonisch unter 0551/400-4862 oder per E-Mail an SozPsychDienst@goettingen.de. Die Sprechzeiten der Beratungsstelle sind montags bis mittwochs von 8 bis 16 Uhr, donnerstags von 8 bis 17 Uhr sowie freitags von 8 bis 13 Uhr.

Studierende finden in der Goßlerstraße 23 Hilfe: Die Psychosoziale Beratung (PSB) hilft mit Erstgesprächen weiter. In den offenen Sprechzeiten können Hilfesuchende ohne Voranmeldung dienstags von 12 bis 13 Uhr, mittwochs von 14 bis 15 Uhr und donnerstags zwischen 12 und 13 Uhr ein zehnminütiges Erstgespräch bekommen. Wenn beide Gesprächspartner dabei feststellen, dass weitere Gespräche helfen, kann direkt vor Ort ein reguläres Einzelgespräch vereinbart werden. Falls ein anderer Weg sinnvoller erscheint, empfiehlt die PSB weitere Anlaufstellen.

Die PreNeSt-Studie verfolgt einen anderen Ansatz. Wie gehen Sie hierbei vor?

Die PreNeSt-Studie verwendet die rTMS-Technologie und wurde in der psychiatrischen Klinik der UMG konzipiert. Die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS) ist eine bewährte und sichere Methode zur alleinigen Behandlung oder als Zusatztherapie von Depressionen. Dabei wird der durch die Depression betroffene Bereich im Gehirn durch Magnetfelder manipuliert, um den „Normalzustand“ herzustellen, was zu einer Verringerung der Symptome führt. Die Methoden sind dabei für jeden Teilnehmer maßgeschneidert. Wenn sich unser Vorgehen, bei dem die Stimulation auf der Anatomie und Funktion des Gehirns jeder einzelnen Person basiert, als überlegen erweist, wird die Verringerung depressiver Symptome und die Erhöhung der Remissionsraten wahrscheinlich sein.

Wie wirkt die Magnetstimulation auf den Körper? Was ist der Unterschied zu Medikamenten?

Die rTM-Stimulation erfolgt durch Platzieren einer Magnetspule in der Nähe der Kopfhaut. Innerhalb dieser Spule erzeugen elektrische Impulse magnetische Veränderungen, die den Schädel nichtinvasiv überqueren und auf das Gehirn wirken (als „transkraniell“ bezeichnet). Dadurch können minimale Ströme auf der Oberfläche des Gehirns den Bereich unterhalb der Spule anregen.

Welche Nebenwirkungen beobachten Sie?

Abgesehen von einigen Hautempfindungen, die manchmal zu Kopfschmerzen führen können, gibt es gemäß der in den klinischen Richtlinien beschriebenen Sicherheitskontrolle fast keine Nebenwirkungen. Dies ist der größte Vorteil gegenüber fast allen antidepressiven Medikamenten.

Wieso liegt das Zentrum dieser Forschung in Göttingen?

Meiner Meinung nach ist Göttingen der perfekte Ort, um fortschrittliche Technologie und gute Behandlungsqualität zu kombinieren, insbesondere auf den Gebieten der Neurowissenschaften und neuropsychiatrischen Erkrankungen. Beide Studien werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt.

Was sind bisher die spannendsten Beobachtungen?

Die eindrucksvollsten Beobachtungen sind bisher, dass wir durch Abbilden des Gehirns Veränderungen in der Verknüpfung zwischen Regionen feststellen können, die uns möglichweise darüber informieren können, ob jemand an einer schweren Depression oder einer bipolaren Depression leidet. Dies wird mit fortschrittlicheren Analysemethoden, die als maschinelles Lernen bezeichnet werden, neu bewertet und noch weiter verbessert. Dies deutet auf einen Zusammenhang zwischen depressiven Symptomen und Gehirnschaltkreise, die in der Zukunft bei Behandlungsentscheidungen verwendet werden können.

Welche Forschungen führten zu der derzeitigen Studie, wurden diese auch hier erarbeitet?

Unsere Abteilung hat intensiv daran gearbeitet, die Gründe für Depressionen und die Differenzierung von schweren Depressionen und bipolaren Depressionen zu verstehen. Aus meiner Sicht ist es durchaus sinnvoll, die Untersuchung klinischer Verbesserungen mit personalisierten Ansätzen zu erweitern und klinische Verbesserungen vorherzusagen. Basierend auf aktuellen Daten konnten wir nach Magnetstimulation Veränderungen in sehr wichtigen Regionen des Gehirns im Zusammenhang mit Depressionen feststellen, obwohl wir diese Untersuchungen mit gesunden Probanden durchgeführt haben. Dies deutet darauf hin, dass wir durch das Erkennen dieser Veränderungen in gesunden Gehirnen näher verstehen, warum und wie Magnetstimulation bei Depressionen funktioniert.

Wie lange laufen die Studien noch?

Die MinoTRD-Studie endet im Juni 2019, es wird aber eine Verlängerung in Betracht gezogen. Die Stimulationsstudie PreNeSt läuft noch zwei Jahre.

Können sich Betroffene noch bewerben?

Ich empfehle Patienten mit Depressionssymptomen, sich an meine Mitarbeiter im Labor für Systemische Neurowissenschaften und Bildgebung in der Psychiatrie (SNIP) zu wenden, wenn sie klinische Verbesserungen suchen. Für beide Studien gibt es eine Liste von Kriterien, die erfüllt sein müssen. Die Unterlagen der Patienten werden systematisch auf diese von unseren Mitarbeitern überprüft. Der wichtigsten Punkte sind, dass Teilnehmer an Depressionen leiden und die klinische Diagnose einer schweren Depression oder einer bipolaren Störung zu haben. Teilnehmen können sowohl stationäre als auch ambulante Patienten.

Info: Goya-Maldonado arbeitet als Psychiater und Neurowissenschaftler und ist Mitglied der eMed Systemmedizin Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Er ist „fest davon überzeugt, dass wir heute die Technologie in den Händen halten, um die Behandlung vieler psychiatrischer Erkrankungen erheblich zu verbessern“.

Symptome einer Depression erkennen

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe gliedert die möglichen Symptome einer Depression in Haupt- und Nebensymptome. Falls mindestens zwei Hauptsymptome und zwei Nebensymptome bei einem Menschen auftreten, sollte dieser einen Arzt aufsuchen, der den Patienten an passende Anlaufstellen überweist.

Zu den Hauptsymptomen zählt der Verlust von Freude und Interesse –Beruf, Hobbys oder Unternehmungen machen keinen Spaß mehr. Ein verminderter Antrieb, ob beim Aufstehen oder beim Angehen von Aufgaben wie Einkaufen, ist ein weiteres Hauptsymptom. Eine gedrückte Stimmung ist der dritte Hauptindikator: Manche Betroffene berichten von innerer Leere und der Unfähigkeit, eigene Gefühle wahrnehmen zu können. Sie geben an, sich wie versteinert zu fühlen.

Als Nebensymptome listet die Stiftung: Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, beeinträchtigtes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit, negative und pessimistische Zukunftsperspektiven, Appetitminderung oder übermäßiges Essen, Schlafstörungen, Suizidgedanken und letztendlich Suizidversuche.

Unter www.deutsche-depressionshilfe.de finden Interessierte einen Selbsttest und Informationsmaterial.

Stimulation des Gehirns als Therapie in der Psychiatrie

Auf der 4. Nacht des Wissens am Sonnabend, 26. Januar, hält Dr. Roberto Goya-Maldonado den Vortrag „Stimulation des Gehirns als Therapie in der Psychiatrie“. Im Laufe der Jahrzehnte hat das Erstellen von Bildern des Gehirns es möglich gemacht, psychiatrische Störungen und ihre Behandlung besser zu verstehen. Nun könnte die sogenannte Bildgebung mit einer nichtinvasiven Hirnstimulation gekoppelt werden, um die Behandlung von Patienten zu verbessern. Informieren Sie sich über die Möglichkeiten, die Teil der Medizin der Zukunft werden könnten. Um 21.45 Uhr beginnt die Veranstaltung im Universitätsklinikum Göttingen, Robert-Koch-Straße 40, Hörsaal 542.

Von Lea Lang

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