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Thema des Tages Zu wenig Helfer? So ist die Lage bei den Tafeln der Region
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00:20 14.02.2019
Christa Ruprecht ist eine der Ehrenamtlichen, die am Tresen Lebensmittel für Tafel-Kunden ausgibt. Quelle: Hartwig
Göttingen

Immer wieder haben die Tafeln in Deutschland mit personellen Engpässen zu kämpfen. Vor allem kleinere Tafeln in ländlichen Regionen haben es oft schwer, sagte der Vorsitzende des Dachverbandes der deutschen Tafeln, Jochen Brühl, jüngst gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Genau diese Situation führte Anfang Januar in Osterode dazu, dass die Tafel erstmals seit ihrer Gründung 2005 für eine Woche komplett den Betrieb einstellte. Doch wie geht es dort weiter? Und hat die Göttinger Tafel mit ähnlichen Problemen zu kämpfen?

Die Göttinger Tafel in der Mauerstraße 16 - 17. Quelle: Markus Hartwig

Keine Probleme in Göttingen

„Wir sind wirklich gut versorgt“, sagt Martina May, Geschäftsführerin der Göttinger Tafel. Von den personellen Engpässen bei den Kollegen in Osterode habe sie gehört, in Göttingen gebe es dieses Problem glücklicherweise nicht. In der vergangenen Woche hätten sich erst wieder vier neue Interessenten gemeldet. Durch die Uni und den Umstand, dass die Göttinger „insgesamt sehr engagiert sind, auch in anderen Bereichen“, habe die Tafel hier „definitiv keine Probleme“. Neue Mitstreiter seien aber immer willkommen.

1200 Menschen werden versorgt

Etwa 1250 Menschen versorgt das Team der Tafel in der Hauptstelle und den vier Außenstellen Holtenser Berg, Grone, Geismar, Bovenden. Auch andere soziale Einrichtungen wie der Mittagstisch von St. Michael, die Foodsharing-Initiative oder das Drogenberatungszentrum Drobz profitieren vom Angebot der Tafel. Manchmal fragten zudem andere Vereine an, wenn sie eine besondere Aktion wie Kochen mit Flüchtlingen oder Ähnliches anbieten möchten.

Lena Moritz nimmt angelieferte Lebensmittel entgegen. Quelle: Markus Hartwig

Um ihre Kunden unterstützen zu können, ist die Tafel auf Lebensmittelspenden angewiesen. Zähle man die Bäckereien mit, geben derzeit 40 Geschäfte Produkte an die Tafel weiter. Hauptsächlich Supermarktketten, hin und wieder aber auch Einzelhändler oder große Betriebe, die beispielsweise falsch etikettierte oder unvollständige Waren abgeben.

Natalie Reinecke und Ben Schindewolf sortieren Lebensmittel, die kurz vorher angeliefert worden sind. Quelle: Markus_Hartwig

Ein kleiner Obolus

Kunden, die das Angebot der Tafel nutzen möchten, kaufen eine Kundenkarte, die zehn Euro für Erwachsene und fünf Euro für Kinder kostet und drei Monate gültig ist. Zweimal in der Woche dürfen sich die Inhaber dafür Essen abholen. „Es ist ein kleiner Obolus für eine Menge Lebensmittel“, sagt May. Die Kunden dürften sich wie im „Tante-Emma-Laden“ die Produkte selbst aussuchen. Vorgefertigte Lebensmittelboxen gebe es nicht. Das wäre „eine Bevormundung“, findet May. „Es ist ein Rest von Würde, sich das selber aussuchen zu können und nicht zugeteilt zu bekommen.“

Blick in den Wartebereich der Göttinger Tafel. Quelle: Markus Hartwig

Wer wann bedient wird, hängt von der Reihenfolge ab, die das Computersystem nach dem Zufallsprinzip ausgibt, wenn es die Nummern der Kundenkarten scannt. Für Menschen, die geistig oder körperlich behindert sind und nicht selbst kommen können, bietet die Tafel einen Lieferservice an. Bislang nehmen acht Personen das Angebot wahr.

8000 Euro Fixkosten monatlich

Etwa 8000 Euro muss der Verein für monatliche Fixkosten wie Miete, Personal oder Fahrzeuge aufbringen, berichtet May. Es gebe zwar einige Dauerspenden, dennoch könnte die Einrichtung immer nur für etwa ein Jahr planen. Einen Teil der Kosten würden aus den Einnahmen der Kundenkarten bestritten. 2018 seien dadurch 22000 Euro zusammengekommen. Dazu kommen Erlöse aus Pfandboxen, die sich die Tafel mit dem Straßenmagazin Tagessatz teilt. In mehreren Lebensmittelgeschäften in Göttingen können Kunden ihren Pfandbon spenden, statt ihn an der Kasse mit dem Einkauf verrechnen oder sich auszahlen zu lassen. Im vergangenen Jahr sind so etwa 7000 Euro für die Tafel zusammengekommen.

Bisher habe die Stadt einen jährlichen Zuschuss von 3600 Euro für die Mietkosten bereitgestellt. Geht es nach den Mitgliedern des Sozialausschusses, dann könnte sich diese Zahl künftig mehr als vervierfachen und die Tafel jährlich 15000 Euro erhalten. Damit wäre die Nettomiete bereits gesichert, sagt May. Sie hoffe, dass der Rat den Antrag der Tafel positiv bescheidet. Dann fiele ihr schon mal „ein kleiner Stein vom Herzen“.

Neuer Kühlwagen wird benötigt

An größeren Investitionen stünde demnächst ein neuer Kühlwagen an, denn der vorhandene „schwächelt sehr und schon lange“. Die Kosten belaufen sich auf mehr als 20000 Euro, schätzt sie. „Dafür sparen wir eisern.“

Die Akzeptanz der Tafel in Göttingen sei da, „auch wenn es etliche gibt, die uns nicht mögen, weil wir die Ursachen nicht lösen können.“ Trotzdem sei die Einrichtung mittlerweile eine feste Institution in der Stadt. Die soziale Schere gehe weiter auseinander und Armut erreiche mittlerweile schon die untere Mittelschicht, sagt May. Auch wenn die Kundenzahl in den vergangenen Jahren gleich geblieben ist, glaubt sie, dass es künftig mehr Menschen geben wird, die auf Unterstützung durch die Tafel angewiesen seien werden.

Wenig junge Kunden

Junge Leute kämen kaum in die Mauerstraße. Entweder wüssten sie nicht, dass sie auch berechtigt sind, oder schämten sich. Dabei könnten Studenten, die Bafög beziehen, oder Auszubildende, die wenig verdienten, auch zur Tafel kommen.

Neben May, die eine 25-Stunden-Stelle hat, kümmert sich Elke Gerland in Vollzeit um die Kunden- und Mitgliederbetreuung sowie die Einteilung der Lebensmittel. Zwei Reinigungskräfte teilen sich zudem einen Minijob. Unterstützt werden die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen von 130 ehrenamtlichen Helfern, die „Junge Tafel“ mit eingerechnet. Dort engagieren sich junge Leute (zurzeit etwa 25) mit eigenen Projekten, beispielsweise eigenen Sammelstationen zu Weihnachten oder Informationsveranstaltungen in Schulen, helfen aber auch im regulären Betrieb mit.

Durch ein Beschäftigungsprogramm für Langzeitarbeitslose im vergangenen Jahr konnte die Tafel zudem zwei Fahrer mit jeweils 30 Stunden in der Woche einstellen. Auch in diesem Jahr gebe es ein ähnliches Projekt, sodass bisher zumindest ein Fahrer im selben Stundenumfang erhalten bleibt, die zweite Stelle warte noch auf Bewilligung.

„Wenn man zur Tafel geht, muss man sich offenbaren“

Die Tafel Osterode hatte vor Kurzem mit einem erheblichen Personalengpass zu kämpfen, sodass sich der Vorsitzende Hartmut Hermann sogar an die Presse wandte, um auf die schwierige Lage aufmerksam zu machen. „Die Situation war so zugespitzt, dass Mitarbeiter, die geblieben waren, völlig überfordert waren“, berichtet er. Für eine Woche hatte die Tafel daraufhin ihren Betrieb eingestellt. Am 14. Januar ging es weiter – mit neuen Helfern.

„Eine Woche aufräumen, Luft holen – das war sehr gut“, sagt Karin Christiane Oestern, Schatzmeisterin und Vorstandsmitglied bei der Tafel Osterode. Durch die Berichterstattung in den Medien hätten sich zahlreiche Interessenten gemeldet. „Die Resonanz hat uns überwältigt.“ Mindestens sechs neue Fahrer und sieben neue Mitarbeiter für die Küche haben sich auf Hermanns Appell hin gemeldet. Jetzt könnten sich die Fahrer abwechseln und würden nicht so überlastet, erklärt Oestern.

Neun Außenstellen

120 Ehrenamtliche engagieren sich zurzeit bei der Osteroder Tafel. Neben der Hauptstelle in der Sösestadt gibt es neun weitere Ausgabestellen in der Gemeinde Bad Grund, in Bad Lauterberg, Herzberg, Hattorf, Gieboldehausen und Duderstadt. In Osterode gibt es einen Tafelladen. Hier können sich die Kunden die gewünschten Waren selbst aussuchen. In den anderen Ausgabestellen sei dies aus logistischen Gründen nicht möglich, erklärt Hermann.

Deshalb werden die Nahrungsmittel in Osterode auf Lebensmittelkisten verteilt, für die die Kunden jeweils drei Euro zahlen. Anschließend bringen Fahrer die Kisten in Kühlfahrzeugen zu den Ausgabestellen. Viereinhalb bis fünf Tonnen Lebensmittel pro Woche nimmt die Tafel von 26 Märkten entgegen. Wobei etwa 20 Prozent davon überlagert seien und entsorgt werden müssen, schätzt Hermann. Trotzdem könne die Tafel ihre Kunden mit dieser Menge gut versorgen – im Moment etwa 1200 Menschen. 400 bis 450 gepackte Kisten gehen dabei pro Woche an die Ausgabestellen.

Nachweis der Bedürftigkeit

In Osterode können die Kunden dreimal in der Woche zur Tafel kommen, in den anderen Städten und Gemeinden ein- und zweimal wöchentlich. Voraussetzung ist eine nachweisbare Bedürftigkeit. „Wir dürfen ja nicht in Konkurrenz zu den Märkten treten“, erklärt Oestern. Alle sechs Monate müssen die Kunden einen Beleg vorlegen.

Anders als in der Hauptstelle in Osterode, wo die meiste Arbeit bewältigt wird, seien die Zweigstellen „alle gut versorgt, weil sie genug Leute haben“, sagt Oestern. Der personelle Engpass Anfang des Jahres in der Hauptstelle sei zum einen krankheits- und altersbedingten Ausfällen geschuldet, zum anderen seien Verträge von Bundesfreiwilligendiensten ausgelaufen. Maximal zehn solche Stellen bietet die Tafel an. Fünf davon richteten sich an Migranten. Derzeit seien insgesamt noch vier besetzt. Zum 1. März suchen die Verantwortlichen neue Interessenten.

20 Prozent der Kunden sind unter 30

An größeren Investitionen benötige die Tafel im kommenden Jahr ein neues Fahrzeug. Zudem wahrscheinlich auch noch eine weitere Kühlzelle. Zwar habe sich die Menge der Lebensmittel, die abgegeben werden, nicht erhöht, aber der vergangene Sommer mit dem extrem heißen Temperaturen habe gezeigt, dass die vorhandene Kühlzelle unter diesen Umständen nicht mehr ausreiche.

Anders als in Göttingen versorgt die Osteroder Tafel auch viele junge Menschen. 20 Prozent der Kunden seien nicht älter als 30 Jahre alt, berichtet Hermann. Von den Älteren hingegen kämen weniger, obwohl der Bedarf da sei. Doch viele trauten sich nicht, weil die Scham sie zurückhalte. „Wenn man zur Tafel geht, muss man sich ja offenbaren“, sagt Hermann. Das falle einigen sehr schwer. „Es sind schon Tränen geflossen, weil es manchen so zusetzt.“

Von Nora Garben

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