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Vom Weltschmerz der Deutschen

Tag der Muttersprache Vom Weltschmerz der Deutschen

Am 21. Februar ist der internationale Tag der Muttersprache. Zeit, einen Blick auf die deutschen Wörter zu werfen, um die uns die Welt beneidet.

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"Fernweh": Das Gefühl ist nicht nur typisch Deutsch, was Wort schon.

Quelle: dpa

Göttingen. Wir leiden an Weltschmerz und Fernweh, bauen uns Luftschlösser, haben gern mal Torschlusspanik oder Erklärungsnot und ab und zu, wenn das Liebesgeständnis in der Daily Soap einfach zu peinlich ist oder der Sänger auf der Bühne nicht merkt, wie schief er singt, schämen wir uns auch fremd. Ganz schön emotional wir Deutschen.

Aber auch ganz schön schön, dass wir diese Wörter haben. Denn sie gehören zu den Begriffen, die nur wir haben, für die es in den meisten anderen Sprachen keine Entsprechungen gibt. Wenn die Briten mal Torschlusspanik haben – und das haben sie bestimmt –, dann müssen sie eben erstmal erklären, dass sie gerade Angst davor haben, dass ihnen die Zeit davon läuft. Während wir nur „Torschlusspanik“ sagen und jeder weiß, was gemeint ist. Oder?

„Die Wörter sind Abkürzungen für gelebte Inhalte“

Das ist gar nicht unbedingt so, meint der Ethnolinguist Volker Heeschen, Professor im Ruhestand an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. „Die Wörter sind Abkürzungen für gelebte Inhalte“, sagt er. Sie müssen im Gespräch wieder ins Leben übersetzt, also präzisiert werden. Wer sagt, dass er Torschlusspanik hat, verrät ja nicht gleich, vor welchen schließenden Toren er gerade Angst hat, was ihn also drängt. Ob das nun die immer näher rückende Abgabefrist der wichtigen Hausarbeit ist oder die Panik, nicht rechtzeitig den richtigen Mann für den geplanten Nachwuchs zu finden. Das muss trotzdem erklärt werden.

Denn: „Solche Wörter entsprechen oft nicht nur einem Ding, sondern dahinter stecken ganze Konzepte“, sagt Barbara Haschke, Ethnologin und Anglistin mit Schwerpunkt interkulturelle Kommunikation. Torschlusspanik ist nicht gleich Torschlusspanik und Weltschmerz sowieso schon nicht gleich Weltschmerz. Wer den Begriff einem Anderssprachigen erklären möchte, muss selbst erstmal nachdenken, was genau er damit meint.

„Wörter wie ‚Weltschmerz‘ sind mit einem kulturellen Horizont verbunden, der nicht richtig zu übermitteln ist“, sagt der emeritierte Prof. Ekkehard König von der Freien Universität (FU) Berlin, der sich unter anderem auf Sprachvergleiche spezialisiert hat. So seien viele dieser Wörter, die wir nur im Deutschen haben, abstrakte Begriffe – wie eben „Weltschmerz“ oder auch „Zeitgeist“. Deshalb sei es auch so schwer, diese Begriffe in andere Sprachen zu übersetzen.

„Kulturelle Schlüsselbegriffe“

Aber wenn die Wörter bei uns entstanden sind, heißt das nicht auch, dass wir mehr Weltschmerz oder Torschlusspanik empfinden oder näher am Zeitgeist sind als andere Nationen? Warum sonst gibt es die Wörter nur bei uns? Mit diesem Ansatz müsse man vorsichtig sein, sagt König. Zwar werden solche Wörter, für die es in anderen Sprachen keine Entsprechungen gibt, auch als „kulturelle Schlüsselbegriffe“ bezeichnet – Begriffe also, die kulturelle Werte oder Verhaltensweisen einer Nation beschreiben oder wiederspiegeln -, das heiße aber nicht, dass Menschen anderer Länder keinen oder weniger Weltschmerz als wir empfinden.

Denn „weltschmerz“, klein geschrieben, empfinden mittlerweile auch Briten und Amerikaner, die das Wort einfach kopiert haben – genauso wie beispielsweise die „schadenfreude“. Warum sie und auch andere Nationen dafür aber kein eigenes Wort haben, kann keiner der Wissenschaftler ganz genau erklären. Die deutsche Dichter- und Denkerszene als besonders ausgeprägte Schöpfer solcher Wörter sind ein Erklärungsansatz, die Faulheit oder der Trend von Nationen, einfach schon bestehende Wörter anderer Sprachen zu übernehmen – auch die deutsche Sprache tut das – ein anderer.

Weltschmerz ist nicht gleich Weltschmerz

Schadenfreude gibt’s aber auch in anderen Ländern, in denen es das Wort gar nicht gibt, sagt Ethnolinguist Heeschen. „Wenn in einer anderen Ethnie einer stolpert und ein anderer darüber lacht, ist das ja auch Schadenfreude.“ Und trotzdem gilt auch hier: schadenfreude ist nicht gleich Schadenfreude. Und Weltschmerz nicht gleich Weltschmerz. „Wörter, die aus anderen Sprachen übernommen werden, entsprechen nicht unbedingt ihrem ursprünglichen Sinn“, sagt Haschke, die auch als Dolmetscherin tätig ist. Schließlich werden diese mit einem bestimmten Nutzungsgedanken übernommen, der nicht komplett dem der Ursprungssprache entsprechen muss.

Wirklich problematisch sind solche Wörter beim Übersetzen übrigens nicht: „Ich höre sowieso weniger auf einzelne Wörter und mehr auf den Sinn der Sätze“, sagt Haschke. Solche kulturellen Schlüsselbegriffe muss sie dann eben umschreiben. Der deutsche „Zugzwang“ kann dann im Englischen beispielsweise als „feeling pressure to make a strategic move“, also „sich unter Druck gesetzt fühlen, eine strategische Handlung ausführen zu müssen“ umschrieben werden. Das Fremdschämen könnten Briten oder Amerikaner „the feeling you get when someone doesn’t realize how embarrassing they are“ nennen, zu deutsch „das Gefühl, wenn jemand nicht merkt, wie peinlich er ist“. Denn Nicht-Übersetzbarkeit heißt nicht, dass sich die Wörter nicht umschreiben lassen.

Fingerspitzengefühl

Und trotzdem ist es doch schön, dass wir wenigstens dann nicht in Erklärungsnot kommen, wenn wir unsere Erklärungsnot beichten wollen, weil wir wenigstens dafür ein Wort haben, und dass wir Fingerspitzengefühl – ja, auch das Wort gibt es nur im Deutschen – beweisen bei der Wortfindung. Und dass wir ganz heimlich auch ein bisschen schadenfroh sind, dass wir diese Wörter erfunden haben und nicht irgendwer anders.

 

Deutsche Wörter, um die uns die Welt beneidet

Weltschmerz: Wenn einen der Zustand der Welt oder das Weltgeschehen so sehr bedrückt, dass es schmerzt.

Zugzwang: Wenn man sich unter Druck gesetzt fühlt, zu handeln.

Luftschloss: Eine schöne Fantasie, ein unerreichbarer Traum.

Torschlusspanik: Die Angst, dass einem die Zeit davon läuft.

Fremdschämen: Wenn andere Menschen so peinlich sind, dass man sich selbst dafür schämt.

Schadenfreude: Wenn man sich über den Schaden anderer Menschen freut.

Fernweh: Das Gegenteil von Heimweh, der Wunsch irgendwo in der Ferne zu sein.

Ohrwurm: Wenn dieses eine Lied plötzlich wie ein Wurm in dein Ohr gekrochen kommt – und dann einfach in Dauerschleife im eigenen Kopf läuft.

Lebensmüde: Wenn wir jemanden als „lebensmüde“ bezeichnen, glauben wir nicht, dass er wirklich nicht mehr leben will, also selbstmordgefährdet ist. Lebensmüde zu sein, bedeutet eher, etwas verrücktes, gefährliches zu machen.

Erklärungsnot: Wenn man einfach nicht weiß, wie man etwas erklären soll.

Schnapsidee: Ideen, die nüchtern betrachtet einfach keinen Sinn machen – und trotzdem auch ohne Schnaps, nüchtern, entstehen können.

Fingerspitzengefühl: Der sensible Umgang mit anderen Menschen, Gefühlen oder auch der handwerklichen Arbeit.

Kopfkino: Wenn man sich etwas in Bewegtbild vorstellt. Ein Kino, das nur im eigenen Kopf läuft – auch wenn man es nicht will.

Feierabend: Feierabend kann auch morgens nach der Nachtschicht sein und meint vor allem die freie Zeit nach dem Arbeit.

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Von Redakteur Hannah Scheiwe

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