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Thema des Tages Tierversuch-Hochburg Göttingen
Thema Specials Thema des Tages Tierversuch-Hochburg Göttingen
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00:17 02.02.2017
Kattas im Deutsches Primatenzentrum. Insgesamt leben aktuell 1400 Tiere in der Einrichtung. Quelle: Margrit Hampe
Göttingen

Auf der Plattform „Ärzte gegen Tierversuche“ wird Göttingen als eine der Tierversuch-Hochburgen Deutschlands geführt. Wie geht man mit einem solchen Image um?

Stefan Treue: Das kommt darauf an, wie man es interpretiert. Tierversuche werden in der biomedizinischen Forschung eingesetzt. Und als Forschungshochburg bezeichnet zu werden, ist doch ein Lob für Göttingen. So ist es aber vermutlich von den „Ärzten gegen Tierversuche“ nicht gemeint.Wir führen hier Tierversuche durch, wenn sie unersetzlich sind und notwendig für wichtige Forschung. Göttingen ist ein sehr forschungsstarker Standort. Das heißt in der Konsequenz, dass in Göttingen auch die dafür nötigen Tierversuche durchgeführt werden. Wir empfinden diese Bezeichnung daher nicht als Anfeindung.

Sie sind Sprecher der Initiative „Tierversuche verstehen“, die im September 2016 als Internet-Portal gestartet wurde. Wie kam es zu der Entscheidung, das Thema aktiv in die Öffentlichkeit zu tragen? Gab es einen konkreten Anlass für die Kampagne?

Wir haben versucht, mit dem Portal mehr Informationen und eine sachgerechtere Diskussion in die Öffentlichkeit zu tragen. „Tierversuche verstehen“ ist aber keine Antwort auf ein konkretes Ereignis, sondern vielmehr der Versuch, die öffentliche Debatte auf ein anderes Niveau zu heben. Das ist ein Bedürfnis, das es schon lange gibt.

Es gibt keinen Zusammenhang mit den TV-Berichten über die angeblich schlechten Zustände im Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen, die 2014 die Diskussion über Tierversuche in Deutschland erneut angefacht haben?

Nein. Jedes Ereignis, nach dem vermehrt über Tierversuche diskutiert wird und bei denen es zu Anfeindungen kommt, unterstreicht aber die Notwendigkeit, dieses Thema offener zu kommunizieren. Es gibt wichtige Argumente im Zusammenhang mit Tierversuchen. Es gibt natürlich auch Argumente gegen Tierversuche, die wir nicht verheimlichen wollen. Es würde überhaupt nicht helfen, Themen oder Ereignisse totzuschweigen.

Wie gehen Sie persönlich mit Anfeindungen um?

Persönliche Anfeindungen sind im deutschen Umfeld eher selten. Es gibt aber leider Ausnahmen, mit denen man umgehen muss. Glücklicherweise bewegt sich die Auseinandersetzung weniger auf einem gewaltbereiten oder kriminellen Niveau.

Stefan Treue, Geschäftsführer des Deutschen Primatenzentrums. Quelle: R

Wohl aber auf einem sehr emotionalen. Hat man im öffentlichen Diskurs mit wissenschaftlichen Argumenten eine realistische Chance gegen die emotionalisierten Argumente der Tierversuch-Gegner?

Das Thema Emotionen ist ein wichtiges und schwieriges Thema gleichzeitig, wenn wir über Tierversuche reden. Zum einen sind wir konfrontiert mit einer emotionalisierten Debatte. Häufig werden lieber Emotionen hervorgerufen statt Argumente vorzubringen. Das ist eine Methode, die ich ablehne. Auf dieses Niveau sollte man als Wissenschaftler nicht sinken. Auf der anderen Seite sind Emotionen für uns Wissenschaftler sehr wichtig. Denn unsere Verantwortung hängt natürlich damit zusammen, dass wir eine emotionale Nähe zu den Tieren haben. Sonst wären wir Roboter. Das sollte man trotz aller behördlicher Überprüfungen und rechtlicher Vorgaben nicht vergessen. Die entscheidende Person zur Absicherung des Kompromisses zwischen dem Nutzen und der möglichen Belastung ist der Wissenschaftler. Wir arbeiten täglich mit den Tieren, wir haben eine enorme Verantwortung, mit ihnen bestmöglich umzugehen und gleichzeitig die Wissenschaft bestmöglich umzusetzen. Das ist ein ständiger Prozess. Ich entscheide mich nicht einmal, ‚jetzt mache ich Tierversuche‘ und denk dann die nächsten zehn Jahre nicht mehr darüber nach.

2015 wurden 2 Mio. Versuchstiere für wissenschaftliche Zwecke verwendet. Quelle: r

Im kürzlich veröffentlichten Grundsatzpapier verpflichtet sich die Max-Planck-Gesellschaft unter anderem dem 3R-Prinzip, also der Fürsorge für die Tiere, Bemühung um Minimieren und der Suche nach möglichem Ersatz der Tierversuche. Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit?

Das Grundsatzpapier hat zum einen Informationscharakter. Ähnlich wie bei „Tierversuche verstehen“ will man in die Gesellschaft hinein kommunizieren, worüber in der Forschung nachgedacht wird, welche Entscheidungen auf welcher Grundlage getroffen werden. Andererseits hat das Papier die Funktion, alle innerhalb der Forschungscommunity und speziell in der Max-Planck-Gesellschaft auf einen Stand zu bringen.

Wird dieses White Paper auch auf andere Forschungseinrichtungen abstrahlen?

Das Grundsatzpapier ist erst einmal eine Selbstverpflichtung der Max-Planck-Gesellschaft. Vieles - wie auch das 3R-Prinzip - aber ist eine schriftliche Fixierung von geltendem Recht, das deutschlandweit und zum Teil auch europaweit Gültigkeit hat. Interessant wird das Papier an der Stelle, wo gefragt wird, was man darüberhinaus machen kann. Was sind die Dinge, zu denen wir rechtlich nicht verpflichtet sind, die wir aber als moralisch und verantwortlich denkende Wissenschaftler für notwendig halten.

Wie realistisch ist es, eines Tages Tierversuche vollständig durch alternative Forschungsmethoden zu ersetzen? Gibt es Beispiele, wo das bereits erreicht wurde?

Wenn Sie mich fragen, wann der allerletzte Tierversuch stattfindet, dann sage ich: Das sehe ich noch nicht mal am Horizont. Es gibt keine Entwicklung, die darauf hindeutet, dass wir in absehbarer Zeit sämtliche Tierversuche abschaffen können. Aber das heißt nicht, dass wir jetzt alle die Hände in den Schoß legen und sagen: Da können wir sowieso nichts tun. Es gibt immer wieder Bereiche, wo technische Entwicklungen oder neue Ideen den Ersatz von Tierversuchen ermöglichen. Gerade im Bereich der Giftigkeitprüfung, die in der Medikamentforschung eine große Rolle spielt, ist heute schon vieles ohne Tierversuche möglich. Tierversuche sind letztlich immer ein Kompromiss. Niemand möchte Tierversuche durchführen. Dahinter steht der Wunsch, Forschung, Medizin, Wissenschaft voranzubringen. Damit ist es ein Abwägungsprozess: Wir wollen einen Nutzen erreichen und müssen uns als Gesellschaft die Frage stellen, was wir bereit sind, dafür in Kauf zu nehmen. Das ist die Grundlage der gesamten rechtlichen Situation, des Genehmigungsprozesses, der Entscheidung darüber, welche Versuche durchgeführt werden dürfen. Und immer steht die Frage im Raum: Könnten wir diese Erkenntnis nicht auch anders gewinnen? Wenn in Deutschland ein Versuch genehmigt wird, dann ist er alternativlos. Wenn sich diese Alternative allerdings mit der Zeit entwickeln sollte, dann könnten wir uns Tierversuche ersparen. Darauf arbeiten wir auch alle hin.

Interview: Markus Scharf

Das 3R-Prinzip

Replacement (Vermeidung):Wenn möglich, werden Tierversuche durch Alternativmethoden ersetzt. Es wird immer geprüft, ob es zur Beantwortung der wissenschaftlichen Fragestellung ausreicht, auf einfache Organismen zurückzugreifen oder Zell- und Gewebekulturen, Computermodelle oder andere Ersatzmethoden zu verwenden.

Reduction (Verringerung): Die Anzahl der Versuchstiere wird auf ein Minimum reduziert. Dazu tragen Versuchsdesign und methodische Optimierungen bei. Durch die zentrale Erfassung der Ergebnisse aus Tierversuchen und eine gute Abstimmung zwischen Wissenschaftlern, wird verhindert, dass ähnliche Versuche mehrmals gemacht werden.

Refinement (Verbesserung): Die Tiere müssen artgerecht gehalten werden, also mit genügend Platz und in einer Umgebung, die ihr Wohlbefinden fördert. Durch die ständige Verbesserung der Untersuchungsmethoden, wie beispielsweise Betäubung, Narkosen und spezielles Tiertraining, werden Stress und Leiden reduziert.

In fünf Göttinger Forschungseinrichtungen werden Tierversuche durchgeführt.

In fünf Göttinger Forschungseinrichtungen werden Tierversuche durchgeführt:

Deutsches Primatenzentrum (DPZ): aktuell 1400 nichtmenschliche Primaten (Rhesusmakaken, Weißbüschelaffen, Mantelpaviane, Kattas, Mausmakis, etc.). Forschung in den Bereichen Infektionsforschung, Neurowissenschaften und Primatenbiologie. Das DPZ unterhält eine Primatenzucht und versorgt die deutsche akademische Forschung mit Tieren.

Georg-August-Universität: Auf dem Versuchsgut für Tierproduktion gibt es aktuell 55 Minipigs, 155 Sauen, 120 Kühe, Schafe, 20 Lamas und eine Forellenzucht. Das Department für Nutztierwissenschaften arbeitet mit landwirtschaftlichen Nutztieren, das Johann-Friedrich-Blumenbach-Institut mit Insekten, Fröschen, Krebsen, Kröten und Mäusen.

Universitätsmedizin Göttingen: Für die tierexperimentelle Forschung werden überwiegend Ratten, Mäuse und Hamster sowie Zebrafische, Kaninchen und Schweine eingesetzt. Forschungsbereiche sind Onkologie, Neurobiologie sowie das kardiovaskuläre System. In der Lehre finden keine Tierversuche statt.

Max-Planck-Institute für experimentelle Medizin (MPIEM): Derzeit werden 25179 Mäuse, 438 Ratten und 76 Krallenfrosche gehalten. Im Jahr 2016 gab es 106 genehmigte Versuchsvorhaben. 84 Prozent der Versuche werden unter Narkose „ohne Wiederherstellung der Lebensfunktionen“ vorgenommen. 15 Prozent der Tiere erfahren eine geringe, 0,1 Prozent eine mäßige oder erhebliche Belastung. Forschungsschwerpunkt sind die Grundlagen der Hirnfunktion.

Max-Planck-Institute für biophysikalische Chemie (MPIBPC): Im aktuellen Bestand sind 9889 Mäuse, 478 Krallenfrösche, 336 Ratten, 11 Alpaka, 6 Kaninchen, sowie Fruchtfliegen und Fadenwürmer. Die meisten Tiere stammen aus eigener Zucht. In naher Zukunft sollen Seesterne und Quallen am Institut etabliert werden. 72 Prozent der Tierversuche werden unter Narkose „ohne Wiederherstellung der Lebensfunktionen“, 27,9 Prozent mit geringer, 0,1 mit mäßiger Belastung durchgeführt. Das MPIBPC betreibt biologische Grundlagenforschung.ms

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