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Thema des Tages Abschiebebescheid trotz Arbeit
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00:18 04.02.2018
Zain Ali arbeitet in der Küche, will eine Ausbildung machen, darf aber nicht, weil er nicht als Flüchtling anerkannt wurde und abgeschoben werden soll. Sein Chef Peter Goldmann will ihn unbedingt behalten, der junge Mann ist sehr engagiert. Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

Zain Ali, genannt Ali, ist ein freundlicher, zurückhaltender junger Mann. Der 24-Jährige wurde in Pakistan geboren. 2015 hat er sich über die Balkanroute zu Fuß, mit Bus und Bahn bis nach Deutschland durchgeschlagen. Das Land seiner Träume. „Die Deutschen sind so nett”, sagt er und lächelt. Vor ihm liegt sein Abschiebebescheid.

Einen Ordner voller Papiere hat er mitgebracht. Jedes einzelne der Dokumente penibel in einer Klarsichthülle abgeheftet. Das Leben der vergangenen drei Jahre. Papiere vom Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge, von der Stadt Göttingen und vom Gericht. Stolz ist er auf sein Zertifikat der BBS Göttingen: Die Sprint-Klasse hat er absolviert, viel über Deutschland gelernt. Und Deutsch gelernt. Ein Gespräche auf Deutsch: Für Ali kein großes Problem.

Ein Musterbeispiel? Für seinen Arbeitgeber ist er das: „Ich wünschte, ich könnte Ali klonen und fünf von seiner Sorte einstellen”, sagt Peter Goldmann und lacht. Ali arbeitete in der Küche des Bar-Restaurants Havanna in Göttingen. Lange hat sein Chef jemanden wie ihn gesucht. Nun hat Ali keine Arbeitserlaubnis mehr. Den Flug nach Pakistan, eine finanzielle Eingliederungshilfe, das alles will der deutsche Staat ihm bei einer Abschiebung bezahlen. Hier bleiben, arbeiten und für sich selber sorgen, das darf er nicht. „Ich kenne mindestens zehn Kollegen, die ihn gerne einstellen würden”, so Goldmann. In der Gastronomie wird händeringend nach Personal gesucht. Goldmann möchte, dass Ali bei ihm eine Ausbildung in seiner Küche beginnt, den Vertrag hätte er sicher. Der Gastronom ist begeistern von seinem Mitarbeiter und Schützling. „Kürzlich hatte ich hier einen Wasserschaden”, sagt er. Ali kam - und brachte seine Freunde aus dem Wohnheim auf den Zietenterrassen mit. In Nullkommanichts, so Goldmann, strahlte die Küche wieder.

Alis Asylantrag wurde abgelehnt. Er ist nicht politisch verfolgt, gehört keiner Minderheit an. Sein Grund, aus Pakistan zu flüchten war ein anderer. „Ich habe einen Bankraub beobachtet und einer Frau geholfen”, erzählt er. Hinterher habe er Ärger mit den Kriminellen bekommen und sei weggelaufen. „Zwei Monate” dauerte sein Weg, über Griechenland und die Türkei schlug er sich durch. Drei Monate blieb er in Griechenland, dann ging es weiter. Immer sein Ziel Deutschland vor Augen. Nun soll er das Land verlassen.

Vor dem Göttinger Verwaltungsgericht landen viele solcher und ähnlicher Asylverfahren, darunter auch die etlicher pakistanischer Staatsangehöriger. Die, so erklärt Gerichtssprecher Dieter Wenderoth, hätten allerdings nur selten Aussicht auf Erfolg. Pakistan gelte nicht als ein Land, in dem die Menschen in den meisten Regionen um ihr Leben fürchten müssen. Häufig seien es junge alleinreisende Männer, die in Deutschland Asylanträge stellten. Denn: Wer ohne Visum in Deutschland einreise, dem bleibe nur der Versuch, Asyl zu bekommen. Das Ausländerrecht regelt den Aufenthalt ausländischer Staatsangehöriger in Deutschland.

Demnach, so erklärt Detlef Johannson von der Göttinger Stadtverwaltung, muss es einen „Aufenthaltszweck“ geben, beispielsweise eine Ausbildung, ein Studium oder eine Erwerbstätigkeit. Dieser Aufenthaltszweck wird beim Antrag auf ein Visum geprüft, das grundsätzlich in einer deutschen Auslandsvertretung im Heimatland beantragt werden muss. Doch ein Visum hat Zain Ali nie gehabt. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, somit hat er nun keinerlei Aufenthaltsgenehmigung mehr. „Die Konsequenz lautet: das Land verlassen”, so Johannson. Asyl-Status oder Visum, eine der beiden Voraussetzungen müsse erfüllt sein, um in Göttingen arbeiten zu können. „Unsere Ausländerbehörde hat ihm bereits Hinweise im Hinblick auf Möglichkeiten eines künftig legalen Aufenthalts in Deutschland gegeben”, so Johannson. Die Empfehlungen: Schon jetzt Termin bei der Deutschen Botschaft in Pakistan besorgen, und dort mit einem in Deutschland in die Zukunft gerichtetem Ausbildungsvertrag (dem die Bundesagentur für Arbeit zustimmen muss) ein Visum beantragen. „Das kann man nicht in Deutschland erledigen. Visa sind im Heimatland zu beantragen. Dieser Grundsatz gilt auf der ganzen Welt”, so Johannson. Achim Rogge, Leiter der Göttinger Ausländerbehörde: „Wir haben diese Spielregeln nicht geschaffen, wir wenden sie nur an.”

Ali allerdings hat große Angst davor, nach Pakistan zurückzukehren und dort ein Visum zu beantragen. “Dann komme ich doch nie wieder raus”, sagt er.

„In unserer Branche herrscht ein massiver Nachwuchsmangel“, sagt der Göttinger Dehoga-Vorsitzende Olaf Feuerstein. Quelle: Alciro Theodoro Da Silva/Archiv

„Der Arbeitsmarkt braucht diese Leute dringend”

„So ein Schwachsinn”: Der Vorsitzende des Hotel-und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Göttingen, Olaf Feuerstein, findet deutliche Worte für den Fall Zain Ali. Der Geschäftsführer des Hotels „Freizeit In” in Göttingen weiß, wie schwer es ist, motiviertes Personal für die Gastronomie zu finden. „In unserer Branche herrscht ein massiver Nachwuchsmangel”, sagt Feuerstein. „Pakistaner oder Syrer sind herzlich willkommen.” In seinem eigenen Haus ficht Feuerstein gerade einen ähnlichen Fall durch. Er beschäftigt in der Patisserie einen Mann von den Philippinen, der ebenfalls abgeschoben werden soll. Um eine Duldung für den Mann zu erreichen, hat Feuerstein Botschaft und Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge eingeschaltet. Das alles sei „nicht nachvollziehbar”. Feuerstein kritisiert, dass die Entscheidungen offenbar „vom Schreibtisch aus” gefällt werden. Feuerstein kritisiert den “bürokratischen Wirrwarr”. Er fordert, zügig ein Zuwanderungsgesetz auf den Weg zu bringen. „In Berlin muss endlich ein Programm geschnürt werden”, sagt er. Feuerstein sitzt für die CDU im Göttinger Stadtrat. „Der Arbeitsmarkt braucht diese Leute dringend”, sagt der Dehoga-Vorsitzende. Eine Abschiebung sei völlig richtig, wenn sich Menschen „nicht ordentlich verhalten”. Wenn das nicht der Fall sei, verstehe er derartige Entscheidungen nicht. Gerade im Hotel- und Gaststättenbereich finden die Arbeitgeber kaum noch Mitarbeiter. Für seinen Betrieb habe er bereits eine Kooperation mit einer Stadt in Polen initiiert, um Nachwuchs nach Deutschland zu holen. „Hier passiert ja nichts”. Die Fachkräfte-Lücke werde immer größer, deshalb lohne sich auch der Kampf für seinen Mitarbeiter.

Rechtssicherheit für Betriebe

„Wir machen die Erfahrung, dass diejenigen unter den Flüchtlingen, die sich für eine duale Ausbildung interessieren, zunehmend den Sprung in die Betriebe schaffen“, sagt Arne Hirschner von der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Hannover. In deren Bezirk seien derzeit rund 250 Flüchtlinge - mehrheitlich aus Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia, und Syrien - in einer Ausbildung in IHK-Berufen. Die größte Gruppe stellen mit 76 die Afghanen noch vor Auszubildenden mit syrischen (71) und irakischen Wurzeln (41) . „Die 3+2-Regelung zur Ausbildungsduldung schafft für die Betriebe die notwendige Rechtssicherheit, um Flüchtlinge in eine Ausbildung zu übernehmen“, sagt er.

Diese Regel besagt, dass Flüchtlinge, die eine Ausbildung beginnen, eine Garantie dafür haben, die Lehre beenden und danach zwei Jahre arbeiten zu können. Unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus. Die IHK plädiert zudem für einheitliche Regelungen bei Ausbildungsförderung und für Sicherheit vor Abschiebung .

Viele Stellen unbesetzt

Für den Ausbildungsstart im vergangenen Jahr waren im Bereich der Arbeitsagentur Göttingen (Landkreise Göttingen und Northeim) 92 Ausbildungsstellen für Köche gemeldet, aber nur 52 Interessenten. Acht der Stellen blieben nach Angaben der Agentur unbesetzt. In der Gastronomie (Systemgastronom, Restaurantfachmann, Fachkraft Gastgewerbe) gab es 80 Ausbildungsstellen, davon konnten neun nicht besetzt werden. „Die Diskrepanz zwischen gemeldeten Ausbildungsstellen und mit Erstwunsch gemeldeten Bewerbern verdeutlicht, dass die Berufe der Gastronomie bei vielen Jugendlichen derzeit nicht an erster Stelle stehen”, sagt Christine Gudd von der Agentur für Arbeit.

Auch für Fachkräfte sieht es ähnlich aus: 2017 gab es im Bereich Speisezubereitung durchschnittlich 30 gemeldete offene Arbeitsstellen. Gudd: „In der Gastronomie wird Fachpersonal gesucht und ist schwer zu bekommen. Das gilt für den Bereich der Arbeitsstellen, wie für den Bereich der Ausbildung.”

Von Britta Bielefeld

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