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Thema des Tages Nobelpreis mit einem „Juckepunkt“
Thema Specials Thema des Tages Nobelpreis mit einem „Juckepunkt“
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00:17 12.12.2016
Schwedens König Carl XVI. Gustaf verleiht Erwin Neher 1991 den Nobelpreis. Foto rechts: Neher in seinem Labor im Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie. Quelle: Collisöo
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Kam im Oktober 1991 die Nachricht, dass Ihnen und Herrn Sakmann der Nobelpreis verliehen werden soll, überraschend und unerwartet?
Wir wussten, dass wir vorgeschlagen worden waren. Vier- oder fünfmal waren wir zu Vorträgen nach Schweden gereist. Es war bekannt, dass unter den Zuhörern Mitglieder des Nobelkomitees waren. Als der Preis dann kam, war es doch überraschend.

Vor zwei Jahren haben Sie hier auf dem Max-Planck-Campus erlebt, dass der Physiker Stefan Hell die Nachricht erhielt, den Nobelpreis für Chemie 2014 zu erhalten. Hat sich das öffentliche Interesse in den vergangenen 25 Jahren verändert?

Ich glaube schon, dass es heute schwieriger ist und die Preisträger noch mehr gefordert sind. 1991 gab es wahrscheinlich noch weniger öffentliche Aufmerksamkeit.
Reisen Sie zu jeder Nobelpreisverleihung?

Nein. Man wird meist zu den zehnjährigen Jubiläen der Verleihung des eigenen Preises eingeladen. Aber jeder Preisträger wird jedes Jahr aufgefordert, Kandidaten für den Preis zu nominieren.
Kommen Sie dem nach und waren Sie erfolgreich?

Ja, einige Male. Es gibt einige Preisträger, die mir nahe stehen. Nennen möchte ich den Zellbiologen Roger Tsien aus den USA, der 2008 den Nobelpreis für Chemie erhielt.

Werden Sie in diesem Jahr nach Stockholm reisen?
Nein.

Sie werden Ihr Nobel-Jubiläum dort nicht feiern?
Das Jubiläum habe ich bis vor einiger Zeit gar nicht im Blick gehabt. Deshalb habe ich meine Reise- und Arbeitsplanung gar nicht daran ausgerichtet.

Haben Sie noch Kontakt zu Bert Sakmann?
Er ist kurz vor der Preisverleihung nach Heidelberg gewechselt und hat die molekularen Aspekte der Ionenkanäle erforscht. Im Lauf der Jahre hatten wir einige gemeinsame Projekte und Veröffentlichungen. Unsere Arbeitsgebiete haben sich jedoch auseinander bewegt. In der letzten Zeit hatten wir fachlich nur wenig Kontakt; wir treffen uns aber bei verschiedenen Gelegenheiten zwei bis dreimal im Jahr.

Sie haben den Nobelpreis im Alter von 47 Jahren erhalten. War das Ansporn, weitere bahnbrechende Entwicklungen zu realisieren?
Nein, einen weiteren großen Preis habe ich nicht ins Visier genommen. Die Wahrscheinlichkeit eine wirklich wichtige Entdeckung zu machen, ist ja nicht so groß. Es bedeutet eine große Menge Glück und Zufall, den Preis überhaupt zu erhalten.

Was haben Sie in besonderer Erinnerung an Ihre Preisverleihung?
Es ist ein sehr feierliches Ereignis. Der musikalische Rahmen bei der Verleihung, die Auszeichnung und dann das Bankett mit der Zeremonie. Vorbereitet war ich auf die Nobel-Lecture, die jeder Preisträger über sein Fachgebiet zu halten hat, auf das Verfassen einer Autobiografie und auf die einwöchigen Feierlichkeiten in Stockholm. Ein Juckepunkt war die Dinnerspeech. Einer der Preisträger muss eine kurze, humorvolle Ansprache halten. Das hat mich getroffen – und es ist schon eine Herausforderung für einen Wissenschaftler.

Was hat der Nobelpreis Ihnen ermöglicht?
Natürlich hilft die öffentliche Aufmerksamkeit auch der eigenen Forschungsarbeit. Ganz sicher sind einige meiner guten Mitarbeiter durch den Nobelpreis auf mich aufmerksam geworden. Es war auch leichter, Forschungsmittel zu erhalten. Und heute kommt ein weiterer positiver Aspekt zum Tragen: ich kann weiter am Max-Planck-Institut forschen in einem sehr gut ausgestatteten Emerituslabor, weil man einen Nobelpreisträger natürlich nicht in die Wüste schicken kann.

Ist der Göttingen Campus ein guter Ort für Wissenschaftler?
Sicher. Als Wissenschaftler hat man hier ideale Bedingungen.

Hier am Wissenschaftsstandort hat sich in den vergangenen 25 Jahren einiges positiv verändert. Waren Sie daran beteiligt?
Ich hatte immer schon gute Kontakte zu den universitären Kollegen. Zusammen mit den Kollegen Diethelm W. Richter und Walter Stühmer haben wir vor 15 Jahren internationale Studiengänge auf  den Weg gebracht und das European Neuroscience Institute (ENI) gegründet. Beteiligt war ich an den Anträgen für die  Exzellenz-Initiativen. Es sind also enge Kooperationen zwischen Forschungsinstituten und Universität entstanden, die es früher so nicht gab.

Interview: Hannah Scheiwe, Angela Brünjes

Patch-Clamp-Technik

Erwin Neher, 1991 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichneter Göttinger Nobelpreisträger, wurde 1944 in Landsberg/Lech geboren. Er studierte Physik an der TU München und in den USA. 1970 folgte die Promotion in Physik an der TU München. 1972 wechselte Neher als wissenschaftlicher Mitarbeiter ans Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Hier entwickelte er mit dem Mediziner Bert Sakmann die Patch-Clamp-Technik, die elektrische Ströme in Ionenkanälen messbar macht. Defekte Ionenkanäle können Erkrankungen der Muskeln oder des Nervensystems auslösen.

Quelle: CM

Neher habilitierte sich 1981 an der Fakultät für Physik der Universität Göttingen, die ihn später auf eine Honorarprofessur berief. 1983 wurde er Wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und Direktor am MPI für biophysikalische Chemie. Dort ist er weiterhin tätig und befasst sich als Emeritus mit der Erforschung von Synapsen.

Der Biophysiker ist Mitglied der National Academy of Sciences USA, der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Nationalen Akademie der Wissenschaften und der Royal Society London. Er ist mit zehn Ehrendoktorwürden auf vier Kontinenten ausgezeichnet worden und hat zahlreiche Preise erhalten: Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Louisa-Gross-Horwitz-Preis, Gairdner Foundation International Award, Ralph-W.-Gerard-Preis, Niedersächsischer Staatspreis für Wissenschaft. Und der Nobelpreisträger ist Ehrenbürger seiner Heimatstadt Buchloe im Allgäu.
Verheiratet ist Neher mit der Biochemikerin Eva-Maria Neher. Sie ist Gründerin und Leiterin des Experimentallabors für junge Leute, Xlab. Das Ehepaar hat fünf erwachsene Kinder. jes

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