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„Werbegeschenke sind Lockmittel“

Bundestagswahl 2017 „Werbegeschenke sind Lockmittel“

Klassiker wie Kugelschreiber oder Luftballons finden sich an den Wahlkampfständen der Parteien und Kandidaten ebenso wie eher ungewöhnliche oder kreative Werbegeschenke. Der Politikwissenschaftler Prof. Simon Fink bezeichnet die Giveaways als Lockmittel.

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Kimberly Fiebig, Vera Wölk, Axel Wagner und Lorenz Brudniok schauen sich die Wahlkampf-Werbegeschenke der Parteien an.

Quelle: Christina Hinzmann

Göttingen. Kugelschreiber, Luftballons und Aufkleber zählen eher zu den Klassikern der Werbemittel. An ihren Wahlkampfständen gehen die Parteien und Kandidaten aber auch mit kreativen und ausgefallenen Werbegeschenken auf Stimmenfang. Welchen Einfluss Wahl-Giveaways auf das Wählerverhalten haben, beurteilt Prof. Simon Fink vom Institut für Politikwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen.

„Wesentliches Ziel bei Giveaways ist es, die Leute an den Stand zu holen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen“, stellt Fink klar. Nach Auffassung des Professors für das politische System der BRD beeinflussten die Werbemittel der Parteien die Wahlentscheidung der Menschen „gleich null“. Fink: „Die Werbegeschenke sind Lockmittel“, generierten aber keine Wähler, so der Politikwissenschaftler.

Im Gespräch zur Wahl motivieren

An einem Sonnabend in der Fußgängerzone kämen die wenigsten Passanten gezielt an einen Wahlkampfstand, um sich etwa über das Wahlprogramm zu informieren. Mehr seien es „die eigenen Leute“, also zum Beispiel die Stammwähler der eigenen Partei, die sich einen Kugelschreiber oder einen Luftballon holten. Und so könne mancher dazu bewogen werden, überhaupt zur Wahl zu gehen, meint Fink.

Prof Simon Fink vom Institut für Politikwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen

Prof. Simon Fink vom Institut für Politikwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen.

Quelle: r

Es gebe ganz vielfältige Wählergruppen, daher könne es sich keine Partei leisten, nur bestimmte Gruppen der Gesellschaft anzusprechen. Die Parteien ließen sich in Bezug auf die Werbegeschenke einiges einfallen. Stelle eine Partei fest, dass die andere „spannende Dinge“ hat, „muss man nachziehen“, sagt Fink.

Giveaway mit Botschaft verbinden

Als „richtig sinnvoll“ bezeichnet es der Politikwissenschaftler“, wenn die Parteien es schafften, ihr Giveaway mit der eigenen Botschaft zu verbinden. So hätten die Grünen beispielsweise in früheren Wahlkämpfen mit Windspielen für das Thema Windenergie geworben. Aber, so Fink, nicht jedes Giveaway vermittle eine eindeutige Botschaft der Partei. Der Professor nennt ein Brillenputztuch eines früheren Wahlkampfes als Beispiel, auf dem „Durchblick für Deutschland“ zu lesen war. „Das könnte von jeder Partei kommen“, sagt er und hält es für wichtig, „dass man den Spruch mit der Partei in Verbindung bringt, selbst wenn man das Parteilogo abdeckt“. Übrigens sei auch nicht jeder, der gezielt an einen Wahlkampfstand komme, potenzieller Wähler, ergänzt der Wissenschaftler. Vor etwa 20 Jahren habe er selbst Werbemittel im Wahlkampf gesammelt. Und so sei mancher Sammler nur neugierig, welche Giveaways es am Stand gebe.

Unterschiedliche Etats für Marketingmittel

Die Parteien lassen sich ihre Wahlwerbemittel einiges kosten – einige viel, andere weniger. Die Grünen zum Beispiel haben im Haushalt des Kreisverbandes Göttingen für Marketingmittel 1000 Euro vorgesehen, dazu bestellten die Ortsverbände auf eigene Rechnung, teilt Julia Brüchmann vom Grünen-Kreisverband Göttingen mit. „Im Vergleich zu den Kosten für Plakate, Anzeigen, Veranstaltungen oder Informationsmaterial spielen die Kosten für Giveaways eher eine untergeordnete Rolle“, antwortet Nadia Affani, Büroleiterin im Wahlkreisbüro von SPD-Kandidat Thomas Oppermann mit. Und Thomas Deppe, Wahlkampfleiter des CDU-Kandidaten Fritz Güntzler, beziffert den Etat für Marketingmittel als „vierstellige Summe“.

Wahl-Geschenke von der CDU

Wahl-Geschenke von der CDU.

Quelle: Christina Hinzmann

Die Freien Wähler statten ihre Wahlkämpfer mit einem Etat von 500 Euro für Werbezwecke aus, sagt Freie-Wähler-Kandidat Rainer Nowak. Was darüber hinaus gehe, müssten sie selbst bezahlen, so Nowak weiter. „Mein kleiner Wahlkampf hat mich persönlich bis jetzt circa 2500 Euro gekostet.“

Die Jungen Liberalen geben nach Auskunft von Mareike Röckendorf vom FDP-Wahlkreisbüro rund 800 Euro für Werbemittel aus, Kandidat Konstantin Kuhle rund 1500 Euro und die Ortsverbände je nach Größe zwischen 200 und 1000 Euro.

Kleine Parteien, kleine Werbe-Budgets

„Als kleine Partei haben wir leider kein großes Budget zur Verfügung, sondern nur etwa 300 Euro“, teilt Dana Rotter, Kandidatin der Piraten mit. „Wir haben aber das große Glück, dass unsere Parteimitglieder, die sogenannten Freibeuter, gerne bereit sind, Infomaterial zu spenden.“ An Zuschüssen für den Bundestagswahlkampf aus Mitteln des Landesverbandes bekomme der Kreisverband Göttingen der Partei „Die Partei“ einen „niedrigen dreistelligen Eurobereich“, teilt Kandidat Christian Prachar mit. „Alles weitere wird durch private Spenden finanziert“. Das Gesamtbudget für den Bundestagswahlkampf inklusive der Giveaways, Ausrichtung von Veranstaltungen, Fahrtkosten und der Erstellung und Anbringung von Plakaten belaufe sich laut Prachar auf einen „niedrigen vierstelligen Eurobereich“.

Mit Kugelschreiber und Kondom auf Stimmenfang

Die Vielfalt der Werbegeschenke, mit denen im Bundestagswahlkampf um die Gunst potenzieller Wähler geworben wird, ist groß. Das Tageblatt hat sich die Giveaways besorgt. Mit diesen Werbegeschenken gehen die Parteien und Kandidaten im Bundestagswahlkampf auf Stimmenfang – ein Überblick:


Wahl-Geschenke der SPD

Wahl-Geschenke der SPD.

Quelle: Christina Hinzmann

Kugelschreiber zählen zu den Klassikern der Werbegeschenke. Das wissen offenbar auch die Parteien, und daher statten die meisten ihre Wahlkämpfer mit mehr oder weniger hochwertigen Stiften aus. Rot, griffig und bedruckt mit dem Spruch „SPD. Thomas Oppermann. Zeit für mehr Gerechtigkeit“ ist zum Beispiel der Stift des SPD-Kandidaten, der wieder in den Bundestag einziehen will. Das will auch der CDU-Abgeordnete Fritz Güntzler, dessen weißer Kugelschreiber in orangefarbenem Schriftzug der Slogan „Mensch. Güntzler. CDU“ ziert. Während Oppermann und Güntzler personalisierte Stifte an den Mann und die Frau bringen, zieren bei der FDP, den Freien Wählern und der Partei „Die Partei“ lediglich die Partei-Logos die Schreiber.

„Keine Wegwerfartikel aus Billigproduktion“

Komplett auf eigens für ihn erstellte Werbemittel verzichtet der Grünen-Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin. Und weil die Grünen eigenen Aussagen zufolge außerdem „sehr zurückhaltend“ bei der Produktion von Werbemitteln seien und „keine Wegwerfartikel aus Billigproduktionen“ nutzen, gebe es zum Beispiel auch keine Plastikkugelschreiber.

Wahl-Geschenke von den Grünen

Wahl-Geschenke von den Grünen.

Quelle: Christina Hinzmann

Luftballons verteilen SPD, CDU, FDP, Freie Wähler, Piraten-Partei und die Partei „Die Partei“. Sie gehören offenbar als Wahl-Werbemittel ebenso zum Standard wie kleine Naschereien. Die SPD gibt rote Tütchen mit Gummibärchen und eine weitere Variante in Form von Wahlkreuzen zum Vernaschen. Traubenzucker haben die Freien Demokraten und die Grünen im Sortiment, und auch bei Fritz Güntzler gibt es Süßes in Form von kleinen Marmeladen. Die Portionsgläschen in „fünfstelliger Anzahl“ gebe es in sechs verschiedenen Sorten, und sie seien „eigenhändig beklebt“ worden, teilt CDU-Wahlkampfleiter Thomas Deppe mit. Auf ihnen liege der Schwerpunkt der Werbemittel, die Marmeladengläschen würden zudem bei den Haustürbesuchen mitgenommen. Ebenfalls zum Verzehr geeignet ist das Brausepulver, welches die Grünen im Giveaway-Sortiment haben.

Kugelschreiber, Tee und Flaschenöffner in den Einkaufsbeutel

Mehrere Tausend Rosen nutzt Thomas Oppermann als Werbegeschenk, Sonnenblumen, Grünen Tee und Basilikumsamen verteilen die Grünen. Bereits im Frühjahr, seien mehrere lokale Biobetriebe mit dem Anpflanzen der Sonnenblumen beauftragt worden, sagt Julia Brüchmann vom Grünen-Kreisverband. Auch Schlüsselanhänger, Flaschenöffner, Feuerzeuge und Streichhölzer gibt es an den Wahlkampfständen der Kandidaten und Parteien. Seifenblasen verteilen etwa die Freien Wähler, die CDU und die Grünen, Einkaufsbeutel, in denen Giveaway-Sammler ihre Beute verstauen können, bekommt man zum Beispiel bei den Freien Wählern und der FDP.

Wahl-Geschenke der Freien Wähler

Wahl-Geschenke der Freien Wähler.

Quelle: Christina Hinzmann

Aufkleber zählen ebenfalls zu den klassischen Werbemitteln im Wahlkampf. Die FDP, die Freien Wähler, die Grünen, die Piraten und „Die Partei“ nutzen sie, um ihre Botschaften unters Wahlvolk zu bringen, wobei vor allem die Satirepartei „Die Partei“ verschiedene Sprüche, aber auch „das neue Stadtwappen von Martin-Sonneborn-Stadt“ verteilt.

Grillzange und Glitzerdingse, Sonnencreme und Pfeffertütchen

Zu den weniger alltäglichen, aber auffälligen Wahl-Giveaways zählen außerdem die Grillzange von CDU-Mann Güntzler mit dem Spruch „Alles im Griff“, ein Bierverschluss aus Silikon von den Grünen, der verhindern soll, dass Insekten im Bier oder in der Limonade landen, die Sonnencreme, mit der die SPD appelliert: „Nicht rot werden. Rot wählen!“, die bunten „Glitzerdingse“ von der Partei „Die Partei“, bei denen es sich nach Aussage des Kandidaten Christian Prachar „um getrocknete Einhorntränen“ handelt, Nähsets und Kühlschrankmagneten, die der FDP-Kandidat Konstantin Kuhle als Werbemittel nutzt, und schließlich auch die kleinen Pfeffertütchen mit der Aufschrift „Piraten bringen Pfeffer in die Politik“.

Wahl-Geschenke der FDP

Wahl-Geschenke der FDP.

Quelle: Christina Hinzmann

Welches sind die Renner, was die Ladenhüter? Und wie sind bisher die Reaktionen auf die Wahl-Werbegeschenke? Freie-Wähler-Kandidat Rainer Nowak nennt Kugelschreiber und Flaschenöffner als Renner und bei den Kindern Seifenblasen. Ladenhüter, so Nowak seien Luftballons. Große Nachfrage verzeichnet er eigenen Aussagen zufolge nach Flyern und Wahlprogrammen.

Positive Reaktionen und auch Lacher

„Durchweg positiv“ seien die Reaktionen auf die Werbemittel der Piraten, sagt Kandidatin Dana Rotter. „Für Lacher“ sorgten die Pfeffertütchen, beliebt bei den Giveaways seien Kugelschreiber. „Gerne nehmen die Göttinger aber auch unsere Einkaufswagenchips, Aufkleber, Kondome und Longpapers“ Beliebt nicht nur bei den Kleinen seien außerdem die orangefarbenen Piratensäbel, die aus Luftballons gebastelt würden, ergänzt Piratin Rotter.

Wahl-Geschenke der Piraten

Wahl-Geschenke der Piraten.

Quelle: Christina Hinzmann

Positive Reaktionen gebe es bei Jung und Alt auf die „Glitzerdingse“, berichtet Christian Prachar, Kandidat der Partei „Die Partei“, Renner seien die Sticker zum Beispiel mit den Sprüchen „Inhalte überwinden“ oder „Bedingungsloses Mindesthirn für alle“. Prachar weiter: „Ladenhüter gibt es nicht“, denn man habe nur vorrätig, was sich bewährt habe.

Mit Sprüchen die junge Zielgruppe ansprechen

Die Top 3 bei den Freien Demokraten seien Flyer und Kugelschreiber, und „zum hidden champion“ würden sich die „Endlich wieder rein“-Kondome der Jungen Liberalen entpuppen, sagt die Wahlkampfleiterin von FDP-Kandidat Konstantin Kuhle, Mareike Röckendorf. „Die laufen besonders gut bei Kneipentouren und an Ständen im Gespräch mit der jungen Zielgruppe“, so Röckendorf weiter. Zu den Ladenhütern zählt sie Aufkleber und Streichholzschachteln.

Wahlgeschenke der Satirepartei „Die Partei“

Wahlgeschenke der Satirepartei „Die Partei“

Quelle: Christina Hinzmann

Als Renner bei den Grünen hat sich das Fahrradflickzeug erwiesen, das vor allem bei allen Radfahrern sehr beliebt sei. Nach Auskunft von Julia Brüchmann vom Grünen-Kreisverband sei das Flickzeug schon am zweiten Wahlkampfwochenende vergriffen gewesen und werde nachbestellt. Highlights bei Eltern, die mit ihren Kindern unterwegs sind, seien die Windmühlen.

„Ladenhüter gibt’s nicht“

„Es geht alles gut weg“, so Thomas Deppe über die CDU-Wahlgeschenke. „Der absolute Renner sind die Konfitüren-Gläser“, die bereits nachbestellt wurden. Ebenfalls gut angenommen werde der Magnetöffner, und „obwohl altbekannt“ würden sich Kugelschreiber ebenso wie Luftballons nach wie vor an Beliebtheit erfreuen. „Einen Ladenhüter gibt’s nicht“, betont Deppe.

Außer den Giveaways – „ein bunter Strauß kleinerer Geschenke“ – spiele nach Auskunft von Nadia Affani „Informationsmaterial eine große Rolle“. Die Büroleiterin im SPD-Wahlkreisbüro von Thomas Oppermann weiter: „Absoluter Renner bei den Erwachsenen sind nach wie vor die Kugelschreiber, Kinder fliegen auf die knallroten Luftballons.“

Von Britta Eichner-Ramm

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