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„Wir sind seit Jahren im Rückstand“

2. Konferenz zur Gesundheit „Wir sind seit Jahren im Rückstand“

Der Verein Gesundheitsregion Göttingen organisiert am Montag, 12. Dezember, die zweite Gesundheitskonferenz, dieses Mal in Einbeck. Die Veranstaltung beginnt um 15.30 Uhr, um 16 Uhr begrüßt Northeims Landrätin Astrid Klinkert-Kittel die Gäste, die Veranstaltung moderiert Tageblatt-Geschäftsführer Uwe Graells.

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Otto Rienhoff, Professor und Direktor der Abteilung Medizinische Informatik an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG).

Quelle: Wenzel

Einbeck. Über das Thema „Zukunftsfeld Gesundheit in Südniedersachsen“ spricht anschließend Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender  Gesundheitsregion und  Dekan der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Um 17 Uhr geht es weiter mit drei Dialogforen. Thema Nummer eins lautet: „E-Health-Lösungen – Eine Chance  für die Gesundheitsversorgung?“ Über das E-Health-Gesetz, Apps und Telemedizin referieren Nils Hellrung, Vorsitzender des Beirates ehealth.niedersachsen und Otto Rienhoff, Direktor des  Instituts für Medizinische Informatik der UMG. Im Dialogforum zwei geht es um „Fit statt fertig! – Betriebliches Gesundheitsmanagement in Südniedersachsen“. Darüber informieren Silke Guercke, Geschäftsführerin der asc-Dienstleistungs-GmbH und Michael Bode, Leiter Gesundheitstraining im Rehazentrum Rainer Junge. Im Dialogforum drei geht es um den „Gesundheitscampus – Zukunft der Gesundheitsberufe“. Referenten sind Annette Probst, Vizepräsidentin der  Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst und Kroemer. Im Anschluss ist ab 18.15 Uhr der Austausch über die Themen beim „Dinnermeeting“ geplant. Die Veranstaltung wir in der BBS Einbeck, Hullerser Tor 4, ausgerichtet. bib

Medizininformatiker Otto Rienhoff für Änderung des Gesundheitssystems

E-Health, also elektronische Gesundheit, ist eines der Themen der Zukunft. Es steht auch auf dem Programm der Gesundheitskonferenz am Montag, 12. Dezember, in Einbeck. Otto Rienhoff, Professor und Direktor der Abteilung Medizinische Informatik an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), erklärt, wo die Chancen und Risiken liegen.

Wird ein Arztbrief von Mediziner zu Mediziner heute noch als gedruckter Brief per Post verschickt?
Ja. Deutschland hinkt beim Thema E-Health international vielen Ländern hinterher. Kanada, die skandinavischen Länder oder die Niederlande sind auf diesem Gebiet schon viel weiter. Wir sind seit Jahren im Rückstand und der Abstand zu den führenden Nationen auf dem Gebiet wird größer.  

Warum schicken Ärzte den Brief oder Röntgenbilder nicht per E-Mail?
Das ist aus Datenschutzgründen verboten. Der Arztbrief ist ein Dokument. Es gibt weder ein sicheres Netzwerk noch einheitliche Schnittstellen zwischen den Absendern. Für den Austausch brauchen wir ein spezielles, hochsicheres Netz.

Warum geht das in anderen Ländern?
Deutschland hat traditionell ein sektoriertes Gesundheitssystem mit den drei großen Säulen ambulante Versorgung, stationäre Versorgung und Rehabilitation. Die Digitalisierung muss diese Kluft überwinden, dafür bedarf es eines eigenen Systems. Zudem ist die Qualität der technischen Ausstattung der drei Säulen bundesweit maximal im Mittelfeld angesiedelt. Seit 2016 gibt es ja das E-Health-Gesetz, in dem ein Zeitfenster für die bundesweite Einführung der sogenannten  einheitlichen „Telematik-Infrastruktur“ festgeschrieben ist. Bis Mitte 2018 sollen Arztpraxen und Krankenhäuser flächendeckend angeschlossen sein. Das Thema E-Health wird seit den 1990erJahren auf Bundesebene diskutiert. Daran können Sie erkennen, wie schwerfällig und langsam es voran geht. Die Realisierung des nötigen Netzes, das alle Praxen und Kliniken verbindet, ist aber ziemlich weit vorangeschritten.

Sie gehen also davon aus, dass es bald steht?
Es ist alles auf den Weg gebracht. Ob es wirklich bald realisiert wird, da bin ich mir nicht sicher.  

Warum dauert in Deutschland so lange, was in anderen Ländern längst erfolgreich funktioniert?
Jedes Land hat ein anderes Gesundheitssystem. Vor allem kleine Länder sind hier schneller und weiter. Ein Beispiel: Um in Deutschland eine digitale Patientenakte einzuführen, ist es nötig, rund 1000 Rechtsverordnungen oder Gesetze zu ändern und anzupassen. Es ist in unserem Land eben nicht so einfach, eine disruptive Technik, also eine, die alte Gewohnheiten möglicherweise völlig ersetzt, in einem so hoch geregelten Sektor wie dem Gesundheitswesen durchzusetzen.

Sie sind seit 20 Jahren ein führender Experte für IT-Strategien im Gesundheitswesen. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Veränderungen in der Informationstechnologie laufen in Deutschland wellenförmig auf und ab. Ohne gesetzlichen Druck, wie jetzt mit dem E-Health-Gesetz geht es zumeist nicht voran. Damit sich das ändert, müssen wir das Gesundheitssystem verändern.

Sie setzen also ganz oben an?
Die Digitalisierung ändert das System, wir brauchen die Bereitschaft, uns mit diesen Änderungen auseinander zu setzen. Dazu gehört,  alle, die im Gesundheitswesen arbeiten, digital auszubilden. Zudem müssen wir den sicheren, verschlüsselten digitalen Austausch von medizinischen Informationen in Deutschland endlich sicher stellen. Die Patienten sollten dabei einbezogen werden.

Interview: Britta Bielefeld

Weniger Bürokratie mit Hilfe der Cloud

Mehr Zeit für das Zahnärztliche, mehr Zeit für den Patienten, das war das Ziel von Dr. Gustav Gerstenkamp (38, Foto re.). Der Zahnarzt hat zusammen mit seiner Ehefrau Anja Albrecht, ebenfalls Zahnärztin, im Jahr 2010 die voll digitalisierte Praxis „Drei Flüsse“ in Hann. Münden gegründet. Der Standort liegt direkt in der Innenstadt am Rathaus. Hoch frequentiert ist sie eine der modernsten in Deutschland. Auf 250 Quadratmetern ist auch Platz für 14 Angestellte und ein eigenes Praxislabor. „Doch die Software, die wir Zahnärzte heute zur Verfügungen haben, ist veraltet“, erzählt Gerstenkamp. Zudem muss man dafür einen eigenen Server betreiben. Die Wartungen und die Anschaffungen sind aufwendig und teuer. Eine andere Lösung musste deshalb her.

„Verzweifelt über bestehende Softwarelösungen versuchten wir, mit einigen Partnern eine eigene Software zu entwickeln“, berichtet Gerstenkamp. Gesagt, getan. Heute ist die Praxis die erste in Deutschland, die ein webbasiertes Abrechnungssystem hat. Kein Server ist mehr notwendig, sämtliche Daten von Patienten, die Buchführung der Praxis, die komplette Warenwirtschaft, Aufklärungsvideos und vieles mehr befindet sich in einer Cloud. Oberstes Credo dabei: das Arztgeheimnis muss gewahrt bleiben.

Die Cloud wird in einem Deutschen Rechenzentrum verwaltet, welches die Datenschutzkonformität voll erfüllt und von Datenschützern zugelassen ist. Das Geheimnis steckt in dem Verfahren der Verschlüsselung. Es ist so gestaltet, dass das Arztgeheimnis stets erfüllt ist. „Externe haben keinen Zugriff auf diese Daten“, sagt Gerstenkamp. Sogar Mitarbeiter des Rechenzentrums können die Daten nicht einsehen. „Das macht die heiklen Patientendaten im Internet noch sicherer als in einer bestehenden Praxis“, betont Gerstenkamp. Das hat auch die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) überzeugt und die Cloudlösung der Praxis Gerstenkamp für Abrechnungen zugelassen.

Die Vorteile liegen auf der Hand. „Wir haben mehr Zeit für den Patienten“, sagt Gerstenkamp. Die Mitarbeiter seiner Praxis können mit mobilen Endgeräten auf die Daten in der Cloud zugreifen. Das ist schnell und unkompliziert. Weniger Verwaltungsaufwand und weniger Bürokratie in der Arztpraxis, das überzeugt auch die zahnärztlichen Kollegen. „Das Interesse an der Cloudlösung ist enorm“, sagt Gerstenkamp. Zusammen mit einer deutschen Firma, die sich auf das Rechnungswesen im Gesundheitsbereich spezialisiert hat, wurde die Software deshalb vom Prototypen zur Marktreife weiterentwickelt. Schon im nächsten Jahr soll die Software auch anderen Zahnärzten zur Verfügung stehen.  bm

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