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Thema des Tages Wo Kunden an Verpackungsmüll sparen können
Thema Specials Thema des Tages Wo Kunden an Verpackungsmüll sparen können
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00:36 27.05.2018
Immer mehr Menschen achten beim Einkauf darauf, Verpackungsmüll zu vermeiden, so wie hier möglich mit Lebensmittelbehältern im Göttinger Einkaufsladen "WunderbarUnverpackt". Quelle: r
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Göttingen

Wer gänzlich ohne Plastikverpackung einkaufen möchte, hat mit dem neu eröffneten „WunderbarUnverpackt“-Laden, Groner-Tor-Straße 22, eine Anlaufstelle. Von Spülmitteln bis zur Soja-Schokolade ist alles unverpackt vorhanden. „Ich wollte selber Plastik sparen und habe angefangen, auf dem Markt Obst und Gemüse einzukaufen, aber da hatte es sich dann auch schon erledigt“, erzählt Wunderbar-Unverpackt-Gründerin Denise Gunkelmann. Andere Lebensmittel, wie Nudeln oder Reis, gebe es nur in Plastikverpackungen. Auch andere Bio-Läden vertrieben Lebensmittel vorrangig in Plastikverpackungen. Einzig der Naturkostladen Naturalia in der Kurzen-Straße böte ein kleines Sortiment an unverpackten Lebensmitteln an, unter anderem Nudeln und Getreidearten.

„Da dachte ich mir, warum mache ich es nicht einfach selber?“, so Gunkelmann. Die Göttingerin fuhr im April 2016 nach Kiel und holte sich Tipps von der Geschäftsführung des ersten Unverpackt-Ladens in Deutschland. „Im Juni war ich dann bei den Banken und im Dezember hat der erste Laden in Braunschweig eröffnet.“ Die ehemalige Mitarbeiterin bei „ContiTech“ Braunschweig habe aber schon von Anfang an eine zweite Fiale in Göttingen geplant: „Hier bin ich aufgewachsen, habe studiert und ich dachte, es passt gut zu Göttingen.“ Realisiert wurde der Göttinger-Laden mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne, aber auch Familie und Freunde haben ihr geholfen: „Das bin nicht nur ich alleine, sondern es ist ein Gemeinschaftsprojekt.“

Billiger einkaufen ohne Verpackung

Das Prozedere ist einfach: Die Kunden kommen mit eigenen Behältern, wiegen diese am Eingang ab und am Ende wird die Leermenge dann vom Kaufpreis abgezogen. Die meiste Ware kommt von einem Biogroßhändler in Elkershausen: „Die Prämisse ist, so groß wie möglich zu bestellen, meist kommt die Ware in 25-Kilo-Säcken an“, so Gunkelmann. Vom Biopreis ausgehend seien die unverpackten Waren 20 Prozent günstiger, bei den Gewürzen sogar um 50 Prozent: „Die oft aufwendig designten Verpackungen zahlt man ja auch mit“, erklärt Gunkelmann.

Die Unverpackt-Läden sparen nicht nur an Plastik, sondern auch an Ressourcen: „Brauch jemand zum Beispiel nur ein Teelöffel eines Gewürzes oder will nur etwas probieren, kann er das bei uns machen“, sagt Gunkelmann und spricht sich gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln aus. Ergänzt werden soll der plastikfreie Laden noch durch eine Käsetheke: „Ziel ist, dass man bei uns alles bekommt, außer Fleisch“, so die Göttingerin. „In Braunschweig erledigen viele Kunden ihren Wocheneinkauf bei uns und fahren dann nur wegen speziellen Sachen woanders hin.“

Weitere Möglichkeiten, auf Plastik zu verzichten, bietet der Göttinger Wochenmarkt: Immer dienstags, donnerstags und sonnabends verkaufen regionale Händler unverpackte und lose Waren. Der Stand „Biogemüse aus Dramfeld“ vertreibt beispielsweise gar keine Plastiktüten mehr: „Das ist sehr sinnvoll, Plastik kann nicht abgebaut werden“, erklärt Mitarbeiterin Sally Eichhoff. Als Alternative gibt es Papiertüten und Tüten aus Maisstärke, die zu 100 Prozent biologisch abbaubar sind.

Keine mitgebrachten Behälter hinter der Ladentheke

„Es bringen immer mehr Leute eigene Behälter mit, weil sie keine Plastiktüten mehr wollen“, sagt Nahid Hooshyar, die bei der Fischerei Pat arbeitet. Viele Händler sehen darin ein Problem: Nach den Hygienevorschriften der EU haben sie Sorge zu tragen, dass keine verunreinigten oder verdorbenen Lebensmittel in den Handel gelangen. Die Nahrung dürfe keine Krankheitserreger enthalten. Aus Angst vor Verunreinigungen erlauben viele Ladenbesitzer keine mitgebrachten Behälter hinter der Ladentheke.

Der Fairtrade-Shop „Contigo“ an der Langen-Geismar-Straße bietet Anreize für den plastikarmen Kaffeegenuss: „Wer seinen eigenen Becher mitbringt, bekommt den Kaffee zehn Cent günstiger“, sagt Mitarbeiterin Bettina Schütte. Zudem nutzt die Kaffee-Bar den 100 Prozent recyclebaren „FairCup“-Becher, der von der Berufs-Bildenden-Schule II in Göttingen erfunden worden ist. „Da wir nie wissen, wo der Becher überall war, kommt der mitgebrachte „FairCup“-Becher bei uns in die Spülmaschine und die Kunden kriegen einen Neuen.“ Hygiene spielt auch beim Kaffeebohnenverkauf eine Rolle:„Kunden können ihre eigenen Behälter mitbringen, diese müssen aber vor der Waage stehen bleiben und werden dort gefüllt“, so Schütter. Sind keine eigenen Behälter vorhanden, füllen die Mitarbeiter die Bohnen in hochwertige und bio-zertifizierte Kaffeetüten. „Wir haben ganz viele Kunden, die ihre Tüten wieder mitbringen und so jedes Mal zehn Gramm mehr bekommen“, erklärt Schütte eine weitere Bonusaktion zugunsten der Umwelt.

Für das Projekt „Unverpackt“ sind nicht alle Voraussetzungen erfüllt

Edeka Köhler am Salinenweg 1 setzt im Kampf gegen Abfall auf wiederverwendbare Tüten, die sogenannten Veggiebags. Die Idee habe man aus Österreich übernommen. Ganz ohne Tüten und Beutel gehe es jedoch noch nicht. Der Supermarkt könne es den Kunden nicht erlauben, eigene Behälter auf der Ladentheke abzustellen. Vorschriften des Gesundheitsamtes sprächen dagegen. „Wir wissen nicht, was der Kunde zu Hause mit dem Verwahrungsprodukt gemacht hat“, erklärt Florian Supper.

Doch nicht nur die hygienischen Faktoren spielen eine Rolle. Der unverpackte Lebensmitteleinkauf bringt laut Supper höhere Preise mit sich. Um die Hygienestandards trotz fehlender Verpackung einzuhalten, müsste mehr Personal eingestellt werden. „Ein weiteres Problem ist auch der Einkauf bei den Großmärkten“, sagt Supper. Die Ware werde meist in großen Mengen geliefert, die ebenfalls verpackt seien.

Für das Projekt „Unverpackt“ sind nicht alle Voraussetzungen erfüllt, so Supper. „In den nächsten zwei bis drei Jahren wollen wir aber ebenfalls diese Richtung einschlagen.“ Zusammenarbeiten könne man vorzugsweise mit großen Unternehmen, die sich auch Verluste leisten können. Die Firma „Lindt“ biete beispielsweise bereits lose Ware an. Da nicht alles verkauft werde, lande auch ein Teil der Ware im Müll.

Mit eigener Tupperware an den Bedientheken von Tegut

In Tegut-Filialen können Kunden seit dem 23. April dieses Jahres die eigene Tupperdose über die Bedientheke reichen. „Es gab eine Testphase in sieben Verkaufsstellen in Deutschland, erklärte Anne Biendara, Mitarbeiterin der Unternehmenskommunikation Teguts. Die Tests seien so positiv verlaufen, dass dem Kunden diese Möglichkeit nun in allen 120 Filialen, die eine Bedientheke haben, eingeräumt wird.“ In zwei der vier Göttinger Filialen werde das Angebot bereits häufig genutzt. Das mitgebrachte Gefäß werde auf ein Tablett gestellt und gefüllt. Die Mitarbeiter trügen dabei Handschuhe. Beim Wiegen werde das Gewicht von Tablett und Gefäß vom Gesamtgewicht abgezogen. Nach Angaben von Biendara berührt der Behälter zu keinem Zeitpunkt die Theke oder den Mitarbeiter. Ein Verstoß gegen die Gesundheitsverordnung liege deswegen nicht vor.

Besonders gut werde das „Unverpackt-Projekt“ in Kassel genutzt. Es seien vor allem Kunden in Universitätsstädten, die eigene Behälter mitbringen. „Das Angebot läuft auch noch nicht sehr lange“, sagt Biendara. „Wir gehen davon aus, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis viele Kunden über das neue Angebot informiert sind und es nutzen. In unseren Testmärkten in anderen Städten haben wir ähnliche Erfahrungen gemacht“. Die Mitarbeiter informierten die Kunden außerdem lägen Infoblätter in den Märkten aus.

Tipps um Plastikmüll zu vermeiden

Nadine Schubert hat ein paar einfache Tipps, um Plastikmüll zu vermeiden. Die Autorin des Buches „Besser leben ohne Plastik“ gibt Workshops und hält Vorträge über die Vermeidung von Plastikmüll. „Ich kaufe Milch und Joghurt im Glas und nehme meine Dose mit an die Käsetheke“, erklärt die Autorin. Obst und Gemüse kaufe sie nur unverpackt. „Für Haut, Haar und Hände verwende ich Seife statt Shampoo, Duschgels oder Flüssigseife“, sagt Schubert. So spare sie nicht nur Verpackung, sondern auch Mikroplastik, das in den Produkten versteckt sei. In Unverpackt-Läden kaufe sie vor allem Müsli und Nudeln.

Von einem Trend zum Leben ohne Plastik spricht Schubert nicht, sondern davon, dass die Menschen bewusster einkaufen. „Ich habe zumindest das Gefühl, dass viele Menschen langsam die Nase voll haben vom Verpackungswahn und von Wegwerfprodukten.“

Von Madita Eggers, Lisa Hausmann und Julian Habermann

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