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Wo das Herz für den Zirkus schlägt

Zirkus Moreno Wo das Herz für den Zirkus schlägt

Der Zirkus Moreno gastiert vom 26. bis zum 29. Oktober in Duderstadt. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt die Herzlichkeit der Menschen und vor allem Freude am Zirkusleben. Und das obwohl die Welt der Artisten und Dompteure längst an Glanz verloren hat.

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„Die Debatte darf nicht steckenbleiben“

Patrick alias „Alcaraz“ ist Dompteur im Zirkus Moreno.

Quelle: Bernard Marks

Duderstadt. Der Zirkus Moreno gastiert vom 26. bis zum 29. Oktober in Duderstadt. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt die Herzlichkeit der Menschen und vor allem Freude am Zirkusleben. Und das obwohl die Welt der Artisten und Dompteure längst an Glanz verloren hat.

Klassische Frage im Zirkus

Klassische Frage im Zirkus: Wie kann man so biegsam sein?

Quelle: Peter Heller

Es ist früh am Morgen. Die Morenos sitzen beim gemeinsamen Frühstück in der kleinen Küche des ansonsten sehr geräumigen Wohnwagens. Einige Fotos und ein Schriftzug „Familie“ hängen an der Wand. Auf dem Tisch

stehen mehrere Sorten Brot, Wurst, Käse und ein großes Glas Nutella bereit. Die drei Brüder Patrick, Gerardo und Taro kauen genüsslich ihr selbst beschmiertes Brot während Mutter Conchita Moreno (57) leckeren Kaffee aufgießt. Im Sessel nebenan hält Vater Ramon unterdessen vor dem etwas zu lauten Fernseher liebevoll seinen Enkel Lionel im Arm. „Die achte Generation der Zirkusfamilie“, betont Conchita, Chefin und Moderatorin im Zirkus Moreno und gibt lauthals Order, den kleinen Mann mal schnell „trocken zu legen“.

Akrobatik mit Licht

Premiere des Zirkus Moreno in Duderstadt

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Die Morenos gehören zu den traditionsreichen Artistenfamilien in Deutschland. Immerhin wurde der Zirkus schon Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet. Ursprünglich handelte es sich dabei um eine italienische Artistenfamilie. Heute bezeichnet sich die fahrende Familie als „deutsch“. „Wir sind alle in Deutschland geboren“, betont Dompteur Patrick alias „Alcaraz“.

Der trübe Herbstag hat für alle Familienmitglieder und die Helfer bereits mit Schwerstarbeit begonnen. In der Nacht war das Zirkusteam nach einer beschwerlichen Fahrt mit ihren Wohnwagen in Duderstadt angekommen. Nun geht es ohne Pause an den Aufbau. Ohne das einladende Zirkuszelt, das noch zusammengefaltet auf dem Anhänger liegt, und ohne Menschen wirkt der Duderstädter Schützenplatz noch gespenstisch leer. Doch das soll sich bald ändern, denn schon bald soll Premiere sein. Dann werden – so hofft die Familie – viele Besucher erwartet.

Doch was früher ein verheißungsvoller Aufruf war, die Magie und das Abenteuer der Zirkuswelt hautnah zu erleben, lockt heute kaum noch jemand in die Manege. „Die Welt ist sehr schnelllebig geworden“, erzählt der 31-jährige Patrick. Vor allem die Digitalisierung habe dem Zirkus arg zugesetzt. Heute hätten viele Jugendliche bereits Smartphones und interessieren sich nicht mehr für die Zirkuswelt. „Der Fortschritt ist schnell gekommen“, sagt er nachdenklich. Um rund 25 Tiere kümmert sich der Dompteur jeden Tag. Dabei heißt es, die Tiere zu füttern und sauber zu halten. „Tierschutzorganisationen haben uns auf dem Kieker. Dabei werden wir jede Woche von den Veterinärämtern überprüft. Wir können uns aber gar keine Verfehlungen leisten“, sagt er.

Die Morenos setzen nicht auf exotische Wildtiere wie Tiger oder Löwen, sondern bieten Pferde, Kamele, Alpakas, und Ziegen. „Die Platzgelder werden immer höher, wir brauchen Kraftstoff für 17 Transporter, dazu Futter, Strom und Wasser: Die laufenden Kosten sind immens - und es gibt keine staatlichen Hilfen für uns“, beklagt sich Patrick. Jeden Tag verbrauche der Zirkus allein ein ganzen Ballen Stroh im Wert von 40 Euro. Das gehe ins Geld. Zirkus lohne sich finanziell nicht mehr. „Wenn nicht ab und zu ein Bauer etwas spenden würde, wäre es schwierig für uns“, erläutert er weiter. Trotzdem würde der Familienvater sein Leben nie mit einem anderen tauschen wollen. „Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Da würde ich verrückt werden. Wir sind in das Zirkusleben hineingeboren und stolz darauf“, betont Patrick. Immerhin stünden ihm in seinem Alter beruflich alle Türen offen. In einer mobile Zirkusschule hat er wie seine Geschwister einen ordentlichen Schulabschluss gemacht. „Das Leben im Zirkus ist schön, doch der Existenzkampf geht leider täglich aufs Neue los“, erzählt auch Conchita Moreno. Grund: Der klassische Zirkus sei bei vielen Menschen nicht mehr hoch angesehen. Die Ränge im Zirkuszelt bleiben oft leer. „Dabei bieten wir unseren Zuschauern eine Reise in ein Märchenland, bei der sie einmal den gesamten Alltag vergessen können“, sagt sie überzeugt.

Moreno ist ein Künstlername. Conchitas amtlicher Name ist Cornelia Weisheit-Sperlich. Sie stammt aus der deutschen Artistenfamilien Weisheit, einer Künstlerfamilie aus Siebleben, einem Ortsteil von Gotha in Thüringen. Seit über hundert Jahren ist die Familie Weisheit berühmt für ihre Hochseilakrobatik. Besonders bekannt geworden sind sie für ihre Sieben-Personen-Pyramide und ihre Motorrad-Show auf dem Hochseil. 2011 gewann die Hochseiltruppe beim Zirkusfestival von Monte Carlo den Ehrenpreis der Jury und den Preis der deutschen Zirkusfreunde. Sieben eigene Kinder und fünf Enkelkinder hat Conchita, doch im Herzen sei sie immer noch gerne ein Kind geblieben. „Ich bin schließlich im Zirkus geboren. Meine Mutter hat es gerade noch bis zum Wohnwagen geschafft“, erzählt sie und lacht dabei verschmitzt. Auf dem Seil habe sie getanzt bis nach der Geburt des fünften Kind, heute sei sie vor allem für das Management und Moderation zuständig. Auch wenn es finanziell in der Regel knapp sei, so habe die Familie wenigstens keine Schulden. Das Leben in den Wohnwagen sei im Sommer komfortabel. „Dafür leben wir nicht über unsere Verhältnisse und gönnen uns keinen Urlaub und leben sehr bescheiden“, erklärt sie. Im Notfall, wenn es einmal eng würden sich die Zirkusfamilien untereinander helfen. „Das ist ein ungeschriebenes Gesetzt“, sagt sie. Immerhin gehe es der Familie gesundheitlich gut, das sei die Hauptsache. Duderstadt sei der letzte Halt vor der Winterpause. Jetzt freue sich Conchita und ihre Familie auf das Winterlager in der Nähe von Gardelegen in Sachsen-Anhalt. „Wir haben seit einigen Jahren einen Reiterhof, in dem wir den Winter verbringen“, erzählt sie. Die Tiere hätten dort viel Platz. Auch habe die Familie dort Freunde gefunden. „Sie haben uns als Menschen kennengelernt, die verwurzelt sind“, sagt sie, sichtlich müde von einer anstrengenden Tournee.

Premiere mit Eiskönigin

Mit einem Tag der Eiskönigin hat Circus Atlantik Moreno am Donnerstag die Premiere seiner Vorstellungen auf dem Duderstädter Schützenplatz gefeiert. Noch bis Sonntag, 29. Oktober, gastieren die Künstler und Akrobaten im Eichsfeld und präsentieren auch einige Sonderveranstaltungen.

Akrobatik mit Licht

Akrobatik mit Licht.

Quelle: Peter Heller

Zur Premiere hatten sich die Zirkusleute etwas ganz besonderes ausgedacht: Jedes Kind, das als Eiskönigin verkleidet war, sollte eine kleine Überraschung erhalten. Einige Mädchen waren dann auch im königlichen Outfit und mit Krönchen im Haar gekommen. Als schließlich die Eiskönigin Elsa, bekannt aus dem Disney-Film, in der Manege erschien, ging ein Raunen durch die Zuschauerreihen. Und auch weitere Stars aus Film und Fernsehen begrüßten die Gäste zur Premiere. Arielle, die Meerjungfrau, verwandelte sich in einer riesigen Venusmuschel in eine menschliche Akrobatin, die physische Grenzen aufzuheben schien. In die Rolle der Meerjungfrau war Cecile, die Tochter des Hauses Moreno, persönlich geschlüpft und ist für diese Nummer mit dem ersten Preis beim Circus Festival ausgezeichnet worden.

Der junge Artist Taro Sperlich bewies höchste Körperbalance bei einer waghalsigen Show auf Rollen und Brettern, wobei so manch ein Zuschauer wohl die Luft anhielt vor Spannung. Ob die kleine Rolle, auf der etliche Bretter gestapelt wurden, nicht doch mal zur Seite flutschen würde, wenn der Artist obenauf Seilspringen zeigte?

Tierdressuren gab es mit Kamelen, Pferden, Eseln, Ziegen, Hunden und Lamas. Viele der Artisten sind bereits mit internationalen Preisen ausgezeichnet worden. Manche der vierbeinigen Künstler durften in der Pause gestreichelt werden. Und auch die Clowns trieben ihren Schabernak bei spaßigen Boxkämpfen und Jonglage.

Am Freitag, 27. Oktober, startet um 16 Uhr der Familientag mit ermäßigten Preisen. Am Sonnabend, 28. Oktober, beginnt um 15 Uhr der Kindernachmittag und um 18.30 Uhr folgt die Abendveranstaltung. Sonntag um 11 Uhr haben Väter in Begleitung eines zahlenden Kindes freien Eintritt. Die Shows dauern etwa zwei Stunden und sind für Personen jeden Alters geeignet. ny

300 Zirkusse bundesweit

Kleine Zirkusunternehmen haben es schwer. „Das Gewerbe wird schon seit Jahren immer schwieriger”, sagt Ralf Huppertz vom Verband Deutscher Circusunternehmen (VdCU). Der Verein wurde vor eineinhalb Jahren gegründet, rund 50 Zirkusunternehmen sind dort bereits organisiert, 100 sollen werden. Rund 300 Zirkusse, so schätzt Huppertz, reisen mit ihrem Programm durch Deutschland. Darunter kleine Familiengruppen und größere Unternehmen wie der Zirkus Knie. Der Vorsitzende des Verbandes, Dieter Seeger, arbeitet dort.

„Nur etwa zehn bis 20 Prozent der Zirkusse haben ein festes Winterquartier”, sagt Huppertz. Die anderen schlagen auch in der kalten Jahreszeit ihre Zelte an wechselnden Plätzen auf. Die Artisten, Tiertrainer, Clowns und co. sind meist bundesweit unterwegs um ihr Publikum zu unterhalten. Immer wieder gibt es Kritik von Tierschützern, manche Kommunen wollen den Unternehmen deshalb keine Plätze mehr zur Verfügung stellen. Dagegen wehrt sich der Verband - „wir haben schon viel erreicht, aber wir haben Organisationen wie Peta zu viel Vorlauf gelassen”, sagt Huppertz. Der Verband will verhindern, dass die Zirkustradition zu Grunde geht. “Wir kümmern uns, wenn es Probleme gibt.” bib

Von Bernard Marks, Britta Bielefeld, Claudia Nachtwey

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