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Armin Hoffarth: 50 Jahre für die SPD im Rat von Gimte und Münden

Unter Uns Armin Hoffarth: 50 Jahre für die SPD im Rat von Gimte und Münden

Unter uns leben viele interessante Menschen. In der heutigen Folge der Tageblatt-Serie erzählt Armin Hoffarth (78) seine Geschichte. Der aus Kassel gebürtige Sozialdemokrat gestaltete 50 Jahre lang im Rat die Geschicke von Gimte und Münden mit.

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Erkämpfte 1956 für die SPD im Rat Gimte die Mehrheit: Armin Hoffarth.

Quelle: Pförtner

Gimte/Hann. Münden. "Probiert es“, meinen die alten Gimter Genossen vor 50 Jahren zum damals 28-jährigen Armin Hoffarth und seinen Mitstreitern. So treten die jungen Sozialdemokraten in Gimte zur Ratswahl an. „Uns stand ein starker Block von Heimatvertriebenen gegenüber, die wenig mit der SPD anzufangen wussten“, erinnert sich Hoffarth. Das gegnerische Lager spottet über die „politischen Handwerksburschen“.

Die stellen ein Programm auf. Die Schule, die aus allen Nähten platzt, soll einen zweiten Raum erhalten, der Ort an die Kanalisation angeschlossen werden. Das überzeugt die Wähler. 1956 erhält die SPD die Mehrheit.

Hoffarth übernimmt in Gimte das Amt des Fraktionsvorsitzenden. „Stolz wie ein König“ ist er auf den ersten Haushalt. Das Volumen: 47000 Mark. Die Bürger packen mit an, um die Ziele zu erreichen.

Veranstaltungen gegen den Paragraphen 218

So beginnt Hoffarths politische Karriere. Er stammt aus alter sozialdemokratischer Familie. Das erfährt er allerdings erst nach dem Krieg. 1944 hatte sich der Hitlerjunge noch mit Gleichaltrigen freiwillig an die Front gemeldet. Er sollte an der Endschlacht um Berlin teilnehmen. Ein Offizier erkannte jedoch die Aussichtslosigkeit und schickte die Jungen nach Hause.

„Dein Urgroßvater schloss sich 1872 den Sozialdemokraten unter Ferdinand Lasalle an“, hört Hoffarth nach Zerschlagung der Nazidiktatur. Der Urgroßvater lieferte als Bierkutscher in Kassel nicht nur Gerstensaft aus, sondern gab in den Kneipen auch Stapel von Flugblättern ab.

Die Großmutter war mit der Kommunistin Clara Zetkin befreundet. Gemeinsam organisierten sie Veranstaltungen gegen den Paragraphen 218.

In der Kasseler Stadtverordnetenversammlung kreuzte Hoffarths Großmutter die Klinge mit dem berüchtigten Roland Freisler, der im Dritten Reich Präsident des Volksgerichtshofs werden sollte. Hoffarths Vater verdiente sein Geld als Polier auf dem Bau. 1939 wurde der Infantrist, der bereits im Ersten Weltkrieg gedient hatte, eingezogen.

Er geriet in russische Kriegsgefangenschaft und musste nach Sibirien. Erst 1951 kehrte er nach Hause zurück und starb kurz darauf. Damals lebte die Familie bereits in Münden. 1943 war sie in Kassel ausgebombt worden.

Für die KPD im Reichstag

Armin Hoffarth bekommt 1946 bei der Eisenbahn eine Stelle. Die neuen Kollegen nehmen ihn zur Seite: „Es gibt hier eine Einrichtung, die nennt sich Gewerkschaft. Da sind wir alle drin.“ Auch Hoffarth tritt bei. Bald leitet er die Gewerkschaftsjugend. Die Gewerkschaft in Münden führt Wilhelm Schumann. Der hatte während der Weimarer Republik für die KPD im Reichstag gesessen. Die Nazis steckten ihn in das Konzentrationslager Buchenwald. „Schumann führte mich an das kommunistische Gedankengut heran“, erinnert sich Hoffarth.

Zwei andere Buchenwaldhäftlinge in Münden, Fritz Michalski (von 1961 bis 1972 Landrat in Münden) und Heinrich Dilcher, gewinnen ihn jedoch 1956 für die SPD. Von 1965 bis 1968 arbeitet der junge Genosse in Bonn als Referent in der Abteilung von Herbert Wehner.

Dann holt ihn der spätere hessische Ministerpräsident Holger Börner nach Kassel, wo Hoffarth bis zu seiner Pensionierung 1993 als Geschäftsführer des SPD-Bezirks Nordhessen tätig ist. Der Sozialdemokrat wohnt in all den Jahren in Gimte, wo er 1951 gebaut hat. Er pendelt.

Seine Frau kümmert sich um die Erziehung von Sohn und Tochter. Beide absolvieren ein Studium. Nach der Gebietsreform 1973 wird Hoffarth in den Mündener Stadtrat gewählt. Lange ist er Fraktionsvorsitzender. Völkerverständigung liegt ihm am Herzen. Er trägt die Städtepartnerschaft zwischen Münden und Suresnes mit, die 1970 auf Betreiben von Oberkreisdirektor Rudi Ronge zustande kommt.

Arbeit im Kibbuz

Die Franzosen fragen bei ihrer israelischen Partnerstadt Holon an, ob die nicht auch mit Münden Kontakt haben will. Die Idee, die 1988 Wirklichkeit wird, begeistert Hoffarth. Der ist bereits 1964, ein Jahr bevor Deutschland diplomatische Beziehungen mit Israel aufgenommen hat, als Gast der Arbeiterpartei in einem Kibbuz gewesen.

Ein alter Mann sagte dort zu ihm: „Ich lebe in Israel, aber meine Heimat in Deutschland.“ Hoffarth laufen die Tränen die Wangen hinab. Holon ernennt den Sozialdemokraten 1998 zum Ehrenbürger.

„Als Repräsentant Mündens nehme ich diese Auszeichnung an“, sagt Hoffarth. In seiner Dankesrede erklärt er: „Ich bewundere den Mut von Ben Gurion, 1948 in so einem Umfeld den Staat Israel auszurufen. Ihnen wünsche ich heute den Mut, mit den Palästinensern zu reden.“

Dass das nicht einfach ist, weiß der Sozialdemokrat, der fast jedes Jahr nach Israel fliegt. Viele Palästinenser wollen nicht akzeptieren, dass es in ihrem Land ein jüdischer Staat entstanden ist. „Dabei können die Palästinenser wirtschaftlich von der Existenz Israels nur profitieren“, meint Hoffarth.

„Ohne Groll“

1990 geht Münden eine Städtepartnerschaft mit dem polnischen Chelmo (Kulm) ein. Holger Börner, der zu dieser Zeit Präsident der Friedrich-Ebert-Stiftung ist, macht Chelmoer Solidarnosc-Anhänger auf Münden aufmerksam. „1989 forderten mich Freunde auf, Freimaurer zu werden“, erinnert sich Hoffarth.

Er schließt sich dem Männerbund an. Jeden Montag trifft er sich mit seinen Logenbrüdern. Er kann dort um Rat fragen, ohne dass am nächsten Tag die ganze Stadt von seinen Problemen weiß. „Die Verschwiegenheit ist das ganze Geheimnis der Freimaurerei“, erklärt er.

Mit 65 Jahren tritt Hoffarth als Rentner die Nachfolge von Mündens Bürgermeister Albert Fiege an. Das Ehrenamt übt der Sozialdemokrat bis zur Wahlniederlage der SPD 2001 aus.

„Ohne Groll“ wird er, wie er betont, stellvertretender Bürgermeister. 2006 stellt er sich nach 50 Jahren aktiver Kommunalpolitik nicht wieder zur Wahl. Ganz zieht er sich jedoch nicht aus der Politik zurück. Die SPD-Fraktion hat ihn zu ihrem Geschäftsführer ernannt.

Von Michael Caspar

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