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„Fürchterlich allein mit der Zielscheibe“

Unter Uns „Fürchterlich allein mit der Zielscheibe“

Unter uns leben viele interessante Menschen. Heute erzählt Horst Neubauer seine Geschichte. Der Göttinger Arzt ist Meister des japanischen Bogenschießens (fünfter Dan).

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Das 28 Meter entfernte Ziel im Visier: Horst Neubauer spannt den 18 Kilogramm schweren japanischen Bogen.

Quelle: Theodoro da Silva

Eine Faust hoch über dem Fußboden der Wörthsporthalle hängt die Zielscheibe. In 28 Meter Entfernung steht Horst Neubauer. Er trägt die traditionelle Kleidung des Kyudoka, des japanischen Bogenschützen, ein weißes Hemd und einen schwarzen Hosenrock. In Zeitlupe hebt er den mehr als zwei Meter langen und 18 Kilogramm schweren Bogen in die Höhe. Winzig klein erscheint von seinem Standort aus die Zielscheibe, die einen Durchmesser von 36 Zentimetern hat. „Mit ihr ist der Bogenschütze fürchterlich allein“, berichtet Neubauer.

Durch eine leichte Drehung der rechten Hand löst sich die Bogensehne aus einer Vertiefung im brettharten Handschuh. Der Pfeil schießt mit 160 Stundenkilometer seinem Ziel entgegen. Er durchschlägt das Papier der Scheibe und bohrt sich tief in die dicke Matte, an der die Scheibe hängt. „Der Pfeil musste einst die Lederrüstung eines gegnerischen Kriegers, eines Samurais, durchschlagen“, führt Neubauer aus.

Mit 18 Jahren las er das erste Mal vom Kyudo, wie das Bogenschießen heißt. Autor Eugen Herrigel, ein Philosophieprofessor, war in den 20er-Jahren einige Zeit in Japan gewesen. 40 Jahre später gewann die Sportart in Deutschland an Popularität. Neubauer lernte 1977 in Göttingen einen Kyudoka kennen. Der gründete im Jahr darauf den Verein Kyudo Gesellschaft Leine Dojo. In ihm ist Neubauer bis heute aktiv.

Kyudoka Neubauer verdankt seine Kenntnisse nicht zuletzt Professor Genshiro Inagaki. Der Japaner kam seit 1969 regelmäßig nach Europa, um Seminare zu geben. Er war eigentlich Ingenieur, wurde später aber ordentlicher Professor für Kyudo. In Japan mussten Studenten eine der traditionellen Kampfsportarten erlernen. Inagaki wurde 86 Jahre alt. Bis kurz vor seinem Tod 1995 schoss er täglich 100 Pfeile. „Das ist eine ordentliche körperliche Leistung“, meint Neubauer anerkennend. Den Bogen zu spannen, ist wie das Training mit einem Expander.

Kyudo hat auch einen meditativen Aspekt. Wie andere japanische Kampfsportarten greift es Elemente des Zen auf. Der Ablauf des Schießens ist streng ritualisiert. Nicht Ehrgeiz bringt den Schüler weiter, sondern stetes Üben, Gelassenheit und Konzentration. Für andere Gedanken bleibt kein Platz. „Ich schalte beim Training ab“, sagt Neubauer, der in Göttingen als Urologe praktiziert.

Neubauer gehört der Heki-Schule des Kyudo an. Es gibt weitere Schulen wie Honda oder Ogasawara. Sie unterscheiden sich etwa in der Art, wie der Bogen gehoben wird, erläutert der Kyudoka. Heki legt Wert auf Schüsse mit hoher Durchschlagkraft. „Je weiter man fortschreitet, um so ähnlicher werden sich die Schule allerdings“, betont Neubauer.

Von Michael Caspar

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