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Unter uns Gefäße aus dem Mittelalter, Scherben aus der Steinzeit
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Ur- und Frühgeschichte ist seine Passion: Günter Merl. Quelle: CH

Als er noch als Lateinlehrer am Northeimer Corvinianum unterrichtete, hat es ihn immer in die Länder gezogen, „wo die Römer einmal waren und wo sie ihre Ruinen hinterlassen haben“. Aber dann, sagt Günter Merl lachend, sei ihm klar geworden, dass er „hier wahrscheinlich keine römischen Ruinen entdecken werde“. – An ein Römerlager bei Hedemünden hätte da auch noch „kein Mensch gedacht.“

Aber für seine Passion, die Zeit von den Anfängen menschlicher Besiedlung bis in die frühe Neuzeit, hat Merl längst ein weites Betätigungsfeld gefunden: Seit 36 Jahren ist er Stadtarchäologe in Northeim. „Vor 1971 gab es hier nichts. Wenn etwas passiert ist, dann nur seitens der Universität Göttingen“, erinnert sich Merl, der sich auch in einem Zweitstudium an der Uni Göttingen der Volkskunde sowie der Ur- und Frühgeschichte gewidmet hat. So nahm er damals, „um nicht in Verdacht geraten, ein heimlicher Schatzsucher“ zu sein, Kontakt mit der Bezirks- und der Landesregierung auf. Und im Northeimer Rathaus bot er an, ehrenamtlich aktiv zu werden. Zu einer Zeit, als es noch kaum Interesse für Archäologie gegeben habe und zudem auch noch nicht die Bezeichnung Stadtarchäologe.

Im Stadtgebiet samt der Dörfer ist Merl seither im Einsatz, wenn Funde entdeckt werden oder es eine Spur zu verfolgen gilt. Und bis Kreisarchäologin Petra Lönne kam, sei er auch der Einzige gewesen. So manches ist über die Jahre zusammengekommen: In der Innenstadt vor allem Gefäße aus dem Mittelalter, in der Umgebung zumeist Scherben aus der Jungsteinzeit. Und wenn Merl erzählt, kann man sich gut vorstellen wie er nach einem Anruf, dass bei Bauarbeiten oder auf einem Feld etwas entdeckt wurde, lossaust, um die Entdeckung fachkundig in Augenschein zu nehmen. Nicht immer zur Freude von Bauherrn, die mitunter auch Unverständnis zeigten.

Funde im Brunnen

Gerne erinnert sich der agile 77-Jährige, der aus dem Sudetenland stammt, an die Entdeckung eines Brunnens in der Innenstadt „voller mittelalterlicher Sachen“. Der Finder habe sogar seinen Urlaub damit verbracht, der Bergung beizuwohnen. „Es ist eine Ausnahme, dass man so begeisterte Leute findet“, ist Merl überzeugt, dass vieles nicht gemeldet werde und „den Bach runter geht“.

Das „Größte und Tollste“, was der Stadtarchäologe erlebt hat, war der Höckelheimer Münzschatz, den Bauarbeiter 1991 beim Baggern entdeckten. Um den Schatz, rund 14700 Münzen zu sichern, habe er sich vor Ort noch Plastiktüten organisiert. Und weil es auf die Schnelle keine Lagermöglichkeit gegeben habe, habe er sie unter sein Bett gelegt „und darüber geschlafen“. Allerdings sei er doch enttäuscht, dass über den „größten Münzfund Norddeutschlands“ bislang nichts in einem Buch veröffentlicht wurde, wie man ihm einst im Braunschweigischen Landesmuseum zugesagt habe.

Seit vielen Jahren befasst sich Merl, der auch regelmäßig Aufsätze für Fachpublikationen schreibt und Vorträge unter anderem zur Heimatgeschichte hält, mit einem Feld nahe Nörten-Hardenberg. Seit 1991 habe der Nörtener Helmut Hummels, den Merl unter seinen Helfern hervorhebt, zahlreiche prähistorische Funde wie Felsgesteingeräte aus der Jungsteinzeit ausgemacht. Trotz geomagnetischer Messungen sei hier allerdings noch „nichts weiter passiert“.

Darüber hinaus ist der 77-Jährige derzeit unweit des Gesundbrunnens auf der Suche nach der Bomenenburg, die „zur Frühgeschichte Northeims gehört“. Auch wenn bei jüngsten geomagnetischen Untersuchungen „herzlich wenig herausgekommen“ sei und Mauerlinien fehlten, bleibe er weiter am Ball. Denn alte Landkarten sprächen dafür, dass es eine Burg gibt. „Solange ich die Kräfte habe, mache ich noch weiter“, sagt Merl. „Ich wüsste auch nicht, wer das in Northeim sonst machen könnte.“

Karola Hoffmann

Folge vom 17. August 2007

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