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Grande Dame der Göttinger Bridge-Szene

Gisela Greiner Grande Dame der Göttinger Bridge-Szene

Unter uns leben viele interessante Menschen. Einer davon ist Gisela Greiner. Die 93-Jährige gilt trotz ihres hohen Alters als beste Bridge-Spielerin Göttingens. Regelmäßig gewinnt sie Turniere. Zuletzt wurde sie mit ihrem Partner Rainer Freitag Clubmeister des Bridgeclubs Göttingen-Uni. Heute will sie Stadtmeisterin werden – dieser Titel fehlt ihr noch.

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„Krone des Kartenspiels“: Gisela Greiner (rechts) mit ihrem Spielpartner Rainer Freitag und Gegenspielerin Dagmar Staron.

Quelle: Vetter

Göttingen. Gisela Greiner ist vom Teufel besessen, genauer gesagt: vom Bridge-Teufel. „Wenn der einen gebissen hat, lässt er keinen mehr los“, sagt die 93-Jährige. Sie weiß, wovon sie spricht. Schließlich hat sie bereits mit elf Jahren das komplizierte Kartenspiel erlernt – und spielt es noch heute.

Greiner, krauses graues Haar, sitzt im Berliner Hof, der Club-Gaststätte, an einem einfachen Eichentisch und schaut durch ihre großen runden Brillengläser. Für eine 93-Jährige hat sie auffallend ebene Haut. Immer wieder umspielt ein feines Lächeln ihre Mundwinkel. Beinahe die einzige Regung, wenn sie von ihrer großen Leidenschaft, dem Bridge, erzählt.

Als Geistestraining beschreibt sie das Kartenspiel und tippt sich an den Kopf. „Man muss das System beherrschen und die Karten behalten“, erklärt sie. „Man muss behalten, was raus ist und durch Reizung versuchen, herauszufinden, welche Karten Gegner und Partner haben.“ Aha. Spielpartner Rainer Freitag, der gerade eine Frikadelle verspeist, kommt ihr zur Hilfe. „Bridge ist – analog dem Schach – die Krone des Kartenspiels.“ Wichtig sei vor allem analytisches Denken, wirft Greiner ein, die früher als Chefsekretärin unter anderem in einem Forschungsinstitut arbeitete. „Mit viel Verantwortung“, wie sie betont.

Schon seit 55 Jahren spielt sie intensiv in einem Bridge-Club. Intensiv heißt mindestens fünfmal die Woche. Greiner ist in allen drei Göttinger Clubs Mitglied, in zweien amtierende Meisterin. Sie spielte in der Regionalliga und wurde mit dem Team Niedersachsenmeister im Vereinspokal. „Ein schöner Erfolg.“

Greiner ist sozusagen die Grande Dame der Göttinger Bridge-Szene. Auch wenn sie das nicht so gerne hören wird. Unter den Mitspielern gilt sie als überaus bescheiden. Sie wiederum bezeichnet die anderen Club-Mitglieder als „meine Familie, meine Verbindung zur Außenwelt“. Denn immer mehr ihrer Freunde sind mittlerweile nicht mehr da. „Früher hatte ich auch noch eine sehr fröhliche Doppelkopfrunde, aber die Leute sind alle weggestorben“, sagt Greiner. Und ihr Sohn, der mittlerweile auch schon 70 Jahre alt ist, wohnt in London.

Das passt zwar zum Bridge-Spiel, oft sehen sie sich aber nicht. Allerdings ist er wie ihre 96-jährige Schwester ebenfalls ein formidabler Bridgespieler. „Wenn sie mit denen spielt, gewinnt sie immer“, sagt Freitag. Die Greiners hätten einfach sehr gute Gene. Die 93-Jährige nickt: „Mein Sohn und ich haben sogar mal in Nairobi einen Pokal gewonnen, als er dort als Entwicklungshelfer tätig war.“

Jetzt ruft zwar nicht mehr die große weite Welt, aber zu Ligaspielen fährt Greiner noch heute. „Wenn die allerdings schon um 10 Uhr anfangen, macht sie das nicht so gerne“, sagt eine Mitspielerin und lacht. „Ich schlafe eben gerne“, sagt Greiner. „Ich werde erst mittags wach. Irgendwie lebe ich auf der falschen Erdhalbkugel.“ Ins Bett gehe sie meist erst um vier Uhr. „Ich musste immer morgens um 8 Uhr auf der Matte stehen. Seit ich Rentnerin bin, genieße ich es, aufzustehen, wann ich will“, sagt Greiner.

Das Autofahren genießt sie ebenfalls, eine weitere Leidenschaft. „Gehen geht nicht, aber Auto fahren schon“, witzelt sie. Sie fahre ausgesprochen gerne. „Das stimmt“, sagt Freitag. „Und außer einer gelegentlich schleifenden Kupplung fährt sie 1a.“

Ihren Polo wird sie auch heute wieder benutzen. Dann werden in Göttingen die Stadtmeisterschaften im Bridge ausgespielt. Es sieht also nicht so aus, als würde der Bridge-Teufel die 93-Jährige irgendwann noch loslassen. Das sieht Greiner ähnlich: „Bis jetzt funktioniert der Kopf noch tadellos.“

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