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Unter uns In Japan als „Mister Pin“ zum Star geworden
Thema Specials Unter uns In Japan als „Mister Pin“ zum Star geworden
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In Japan berühmt geworden: Erhard Brüchert. Quelle: Heller

Würden Sie bitte einen Pin mit mir tauschen?“ ist der einzige Satz, den Erhard Brüchert auf japanisch fehlerfrei sprechen kann. In den vergangenen Monaten auf der Weltausstellung in Aichi hat er diesen Satz unzählige Male gesagt. Der 59-Jährige ist Sammler der kleinen bunten Anstecknadeln. Ein Blick in seine Bovender Wohnung verrät, dass er sein Hobby äußerst erfolgreich betreibt. In Schaukästen, auf Brettern, in Tüten und ausgebreitet auf dem Wohnzimmertisch finden sich tausende verschiedener Exemplare. „Das ist nur ein kleiner Teil“, verrät er. Im Keller sind noch mehr. Wie viele es insgesamt sind, weiß er nicht. „Die Gesamtzahl spielt keine Rolle, das Sammeln macht Spaß, nicht das Verwalten.“

Angefangen hat alles mit einem Carlos Santana-Konzert im Sommer 2000. Aus Kostengründen habe er damals zu dem kleinsten Fan-Artikel im Angebot gegriffen: eine kleine Gitarre mit Schriftzug, die er nach kurzer Suche an einem Strohhut auf der Flurgarderobe findet und stolz vorzeigt. Als er auf dem Heimweg gleich dreimal auf seinen ersten Pin angesprochen wurde, erwachte seine Neugierde. Von der Weltausstellung in Hannover brachte er rund 1600 Anstecker mit nach Hause. Von den 680 originären Expo-Pins der einzelnen Länder fehlen ihm nur zwei Stück.

In der Folge verschlug es ihn an die verschiedensten Orte der Welt, zuletzt 2004 zu den Olympischen Spielen nach Athen. Seine Ausbeute hier: 350 Pins und zahlreiche Kontakte zu Menschen aus aller Welt. Doch sein großes Ziel war, 2005 in Japan mit dabei zu sein. Doch kurz vor dem Start erreichte ihn die Hiobsbotschaft, die seine Pläne in letzter Sekunde zunichte zu machen schien: Sein Arzt riet dringend zu einer Hüftoperation. Doch Brüchert weigerte sich. „Ich habe ihm gesagt: Die Expo ruft mich. Und zwar laut. Die OP wird nichts.“ Und so machte er sich im März auf den Weg nach Aichi, ohne zu ahnen, was ihn dort erwartet.

„Welche Rolle ich in Japan gespielt habe, kann ich selbst noch nicht einschätzen“, sagt er im Rückblick, wieder zurück im heimischen Wohnzimmer. Die vier Monate haben tiefen Eindruck bei ihm Hinterlassen. Sein Plan war ursprünglich, während der Expo eine Sammlung zusammenzustellen, um sie am Ende für die Opfer des Tsunami zu versteigern. Doch während dieses Vorhaben an der mangelnden Hilfsbereitschaft seiner Landsleute vor Ort scheiterte, passierte etwas anderes: Er wurde zum berühmten „Mister Pin“. Wie? – „Keine Ahnung. Ich habe einen hohen Wiedererkennungswert, und die Menschen wohl Spaß am Unangepassten und Besonderen.“ Außerdem sei sein selbstkreierter „Expos 21st Century“-Pin nicht nur bei Sammlern wie eine Bombe eingeschlagen.

„Thank you Mr. Pin“

Zu Weihnachten erreichten ihn unzählige Karten, Briefe und Fotos, die er in der Küche gestapelt hat. Oft heißt es dort: „Thank you Mr. Pin.“ Ein japanischer Freund schreibt: „Der deutsche Pavillon war gut, aber Du warst besser.“ Das fanden auch die Veranstalter und widmeten Brüchert eine eigene Seite im offiziellen Fotoband zur Expo 2005. Auch Fernsehsender entdeckten den stets lächelnden und etwas rundlichen Deutschen für sich und begleiteten ihn über das Expo-Gelände. Ständig scharten sich Menschen um ihn und seine Sammlung, tauschten Pins und ließen sich mit ihm fotografieren. Andere luden ihn sogar zu sich nach Hause ein, wurden zu Freunden.

„Ich habe mich nicht als Botschafter meines Landes gefühlt, ich wurde dazu gemacht“, sagt Brüchert. Er werde noch lange von den vielen Erlebnissen und Kontakten zehren. Dabei steht die nächste Veranstaltung schon vor der Tür: die Fußballweltmeisterschaft 2006. Und ein Traum sei „bei der Weltausstellung in Saragossa 2008 meinen eigenen Pavillon“ zu haben, sagt Mister Pin und lächelt verschmitzt.

Von Markus Scharf

Folge vom 13. Januar 2006

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