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Unter uns Müllsammler: „Ein Freund hat mich schon dumm genannt“
Thema Specials Unter uns Müllsammler: „Ein Freund hat mich schon dumm genannt“
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Carsten Bromm: Camping-Fan und Müllsammler seit zehn Jahren. Quelle: Mischke

Es ist ein bewölkter Tag. Am Rosdorfer Baggersee sind nur vereinzelt Menschen unterwegs. Am Ufer tummelt sich eine Schar Graugänse. „Ganz harte kommen auch bei diesem Wetter zum Baden“, meint Carsten Bromm. Der Arbeitslose geht seiner abendlichen Routine nach. Mit dem selbst organisierten Ein-Euro-Greifer und schwarzen Müllsäcken sammelt er – heute nur mit einem schmalen Streifen Badehose bekleidet – an einem Uferstück den Müll der See-Besucher auf. Seit zehn Jahren betätigt er sich als ehrenamtlicher Müllsammler. Er wolle nicht, dass es am See irgendwann „aussieht wie in Neapel“.

Müll liegt genug herum am beliebten Ausflugsziel: Tetra-Packs, Flaschen (ganz oder in Scherben), Grillgut-Verpackungen und Kronkorken. Für Letztere arbeitet der Lebenskünstler, der seit der Geburt auf dem linken Ohr taub ist, an einer Erfindung, die es ihm ermöglichen soll, gleich mehrere der scharfkantigen Gefahrenquellen auf einen Griff zu beseitigen. Schließlich könnten sich Kinder an ihnen die Füße verletzen. Serienreif sei das aber noch nicht.

Vor 32 Jahren hat sich der „Alt-Göttinger“, der in Reyershausen aufwuchs, „in den See verliebt“. Denn hier könne man „Boot fahren und baden“ – und die Wasserqualität sei auch gut. Im vergangenen Jahr hat er sogar am See gezeltet – sein täglicher Weg vom damaligen Wohnort Elliehausen mit dem Dreirad war zu weit. Den ungewöhnlichen Drahtesel braucht er seit einem Unfall, der seinen Gleichgewichtssinn beeinträchtigte. Seit diesem Jahr wohnt der Camping-Fan mit den vielfältigen Hobbys – „Leidenschaften“, wie er sie nennt – in einem kleinen Ein-Zimmer-Apartment in Rosdorf. – Zum See ist es jetzt nur noch ein Katzensprung.

„Den kenne ich, der sammelt immer den Müll auf“, meint ein Passant auf dem Weg zum Baden. So mancher schätzt das Engagement des „Engels vom See“ („einige nennen mich so“). Ein Stückchen Kuchen bekomme er hin und wieder oder Leergut. Einmal sogar ein halbes Hähnchen. Jugendliche hingegen können mit dem Don Quixote vom Baggersee weniger anfangen. „Die machen sich lustig, weil ich das umsonst mache. Daran sieht man die Kinderstube“, resümiert er. Die meisten Gäste hätten aber Verständnis. Sogar die Gruppe, die er davon abhielt, mit der Motorsäge einen ganzen Baum für ihr Lagerfeuer zu zerkleinern. Sogar ein gefundenes „1000-Euro-Handy“ hat er zurückgegeben. „Ein Freund hat mich schon dumm genannt.“

Dichtender Gärtner

Wenn er gerade nicht am Baggersee ist, bessert er seine Grundsicherung mit Nebenjobs auf. „Gärtner, Miet-Weihnachtsmann und Gedichteschreiber“ zählt er auf und gibt eine Kostprobe: „Ein Vogel zwitschert, ein Hündchen bellt, Glück ist das Schönste auf der Welt. Ob Sonne scheint, ob Regen fällt, heut träum ich glücklich von der Welt.“
Auch seine Freundin hat er am Baggersee kennengelernt: „Als ich die blauen Augen gesehen habe, wusste ich: Festhalten und nicht mehr loslassen!“ Nur habe sie leider selten Zeit für ihn. Für einen Moment öffnet sich ein Fenster in die Vergangenheit, über die der sonst so Mitteilsame wenig spricht. Vor gut 20 Jahren habe er schon fast vor dem Traualtar gestanden. Seine Braut sei kurz vor der Hochzeit tödlich verunglückt. „Doch am Ende jedes Tunnels ist ein helles Licht“, sagt er.

Bromm hat sich in seiner Nische eingerichtet. Nur ein Lotto-Gewinn, der hätte etwas. „Jeden Samstag entrichte ich meine Idiotensteuer.“ Was er mit einem Gewinn wie dem 147-Millionen-Jackpot in Italien machen würde? Bromm antwortet schnell: „Einen eigenen Baggersee ausheben.“

Von Erik Westermann

Folge vom 16. September 2009

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