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Unter uns „Still und heimlich durch die Gärten verdrückt“
Thema Specials Unter uns „Still und heimlich durch die Gärten verdrückt“
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Wird heute 80 Jahre alt: Adolf Freiherr von Wangenheim aus Waake. Quelle: Pförtner

Der Lebenslauf im „Handbuch des Niedersächsischen Landtages“ von 1990 liest sich bodenständig. Stichworte über den CDU-Landtagsabgeordneten von Wangenheim: geboren am 8. Februar 1927, Schulbesuch in Waake und Göttingen; ab 1943 Luftwaffenhelfer, Reichsarbeitsdienst, Wehrmacht, britische Kriegsgefangenschaft; von 1945 bis 1949 Ausbildung in der Land- und Forstwirtschaft, dann Besuch der Höheren Landbauschule in Witzenhausen. „Seit 1950 Bewirtschaftung des 1947 vom Vater geerbten Land- und Forstwirtschaftsbetriebes in Waake“, schließt der kurze Text.

Von Wangenheim selbst erzählt ebenso schnörkellos. Abstecher erlaubt er sich nur in Erinnerung an die von 1975 an fast 20 Jahre lang betriebene Landespolitik – unter den Ministerpräsidenten Alfred Kubel, Ernst Albrecht und Gerhard Schröder. Auch beim Betrachten der Ahnenbildnisse in seinem Haus gerät er ins Erzählen: Die Familiengeschichte in Waake reicht lange zurück – bis in das Jahr 1700, als Hartmann Ludwig von Wangenheim den dortigen Gutshof erwarb. Aus der Zeit davor, als das Rittergeschlecht noch in Thüringen lebte, gibt es weitere Überlieferungen. Von seinem Vorfahren Melchior etwa, dessen Testament im 16. Jahrhundert für Ärger sorgte: „Er besaß schöne spanische Röcke, hatte aber leider mehr Söhne, als er Röcke vererben konnte.“

Seine Kindheit verbrachte Adolf von Wangenheim in Waake. „Dass ich nach 80 Jahren immer noch in meinem Geburtshaus wohne, empfinde ich als ungewöhnliche Bevorzugung.“ Drei Schuljahre absolvierte er im Dorf, nahm dann bis zum Wechsel an das Staatliche Gymnasium Göttingen – heute Max-Planck-Gymnasium – am Hauslehrerunterricht seiner Schwestern teil. Beinahe wäre er, wie der gleichaltrige Günter Grass, mit 16 Jahren von der Waffen-SS rekrutiert worden. „Das wollte ich unter keinen Umständen“, erinnert sich von Wangenheim. Die Musterung fand in einem Gasthaus in Ebergötzen statt, „ich bin hinten wieder raus und habe mich still und heimlich durch die Gärten verdrückt“, erinnert sich der 80-Jährige.

Rückkehr nach Waake

Als er 17 wurde, war es dennoch aus mit der Schulbildung: Von Wangenheim wurde Luftwaffenhelfer und Soldat. „Wir waren 18 Jungen meines Jahrgangs. Sechs sind gefallen, mit den anderen habe ich nach dem Krieg alle runden Geburtstage gefeiert. Heute sind nur noch drei übrig.“ Er selbst kehrte nach Waake zurück, „das Haus war voller Flüchtlinge“. 1947 erbte er das Gut und übernahm 1950 die Leitung des landwirtschaftlichen Betriebes bis 1975, als er für einen verstorbenen Christdemokraten in den Landtag nachrückte. Auch aus gesundheitlichen Gründen verpachtete er die Ländereien. Behalten hat er allerdings die Forsten und zählt zu den Waldbesitzern, die sich nach Sturm Kyrill um die Vermarktung umgewehter Bäume sorgen müssen. „Beim letzten großen Sturm gab es Riesenschäden in der Lüneburger Heide. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas noch einmal erlebe.“

Sein politisches Engagement startete der Waaker nicht als Christdemokrat. Als jüngstes Mitglied im Gemeinderat, vor Gründung der Samtgemeinde Radolfshausen, gehörte er einer Wählergemeinschaft an. Von 1956 bis 1991 arbeitete er in dem Gremium mit. „Der CDU bin ich erst für das Mandat im Samtgemeinderat beigetreten“, erzählt der 80-Jährige. Von 1973 bis 1976 engagierte er sich dort. Von den Mandaten hat er sich mittlerweile verabschiedet. Kulturförderung ist heute sein Arbeitsschwerpunkt – als Vorsitzender des Südniedersächsischen Landschaftsverbandes sowie der ersten Kurie der Calenberg-Grubenhagenschen Landschaft, einer im Mittelalter gegründeten Körperschaft von adeligen, kirchlichen, kommunalen und sonstigen Landeigentümern. Für sein Engagement im politischen und kulturellen Bereich wurde er vor knapp neun Jahren ausgezeichnet – mit dem Großen Verdienstkreuz des Niedersächsischen Verdienstordens.

Von Katharina Klocke

Folge vom 8. Februar 2007

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