Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 6 ° bedeckt

Navigation:
Senator Kaufmann: Komfortabel wohnen trotz Pleite

Villa Merkelstraße, Teil 3 Senator Kaufmann: Komfortabel wohnen trotz Pleite

Die Villa Merkelstraße 3, in der seit Herbst 2011 der Göttinger Psychologie-Fachverlag Hogrefe untergebracht ist, ist einer der prächtigsten Wohnbauten des späten Kaiserreiches in Göttingen – Anlass, einen Blick in die Geschichte dieses 1907 errichteten Hauses zu werfen. Folge 3: Senator Kauffmann

Voriger Artikel
Erster Bewohner ist Hausmeister Apenberg
Nächster Artikel
Die Hahns: Produzenten der Schuhmarke Gallus

Merkelstraße 3: Grundriss des ersten Obergeschosses (Straßenfront unten).

Quelle: Sammlung Hogrefe

Bevor sich der Fokus auf den nächsten Eintrag im Göttinger Adressbuch richtet, sei der Zuschnitt dieses ungewöhnlich luxuriösen Hauses umrissen. Die Grundfläche einer Etage misst 22,20 mal 24,80 Meter. Von der Haupttreppe gelangt man zunächst in die zentral gelegene Diele mit dem Gardemaß 9,27 mal 6,80 Meter, das sind gut 63 Quadratmeter.

Etwa gleichgroß ist das nach Westen, also zur Merkelstraße hin weisende Speisezimmer mit seinen zwei gewölbten Reihen aus je drei Einzelfenstern, an das sich nach Norden die Wirtschaftsräume (Küche, Speisekammer und Anrichte) anschließen. Diese Wirtschaftsräume sind über ein Nebentreppenhaus – also für das Hauspersonal – so erreichbar, dass die hohen Herrschaften nicht belästigt werden.

Drei großzügige, etwas kleinere Zimmer weisen nach Süden: zur Straße hin eines von rund 40 Quadratmetern mit halbrundem Eck-Erker, ein noch kleineres mit 24 Quadratmetern, vor dem aber zum Ausgleich noch eine Veranda von 26 Quadratmetern liegt, und ein drittes von knapp 30 Quadratmetern, davor ein Süd-Balkon. Die Schlafzimmer, vier an der Zahl, befinden sich, wie es sich für solche Räume gehört, an der Ostseite. Das kleinste, sicher für das jüngste Kind vorgesehen, ist bescheidene 13 Quadratmeter groß, das größte gut 25 Quadratmeter. Bad und WC sind vergleichsweise klein.

Die Brutto-Fläche einer Etage, vom Außenmaß des Hauses aus berechnet, beträgt also stolze 550 Quadratmeter, die pure Wohnfläche gut 400 Quadratmeter. Mit allen Nebenräumen besitzt das dreigeschossige Haus samt Keller und Dachgeschoss eine Gesamtfläche von rund 2300 Quadratmetern. Zum Vergleich: Laut der Zeitschrift Geo (Epoche Heft 12) leben um 1895 in Berlin 43,7 Prozent der Bevölkerung in Wohnungen mit nur einem beheizbaren Zimmer, das in der Regel gleichzeitig als Küche, Wohn- und Schlafstube dient. Die Gemeinschaftstoilette auf dem Treppenpodest oder im Hof wird manchmal von mehr als 40 Personen benutzt.

1912 zieht Bürgermeister a. D. Georg Schlüter ins Erdgeschoss um. Sein Nachfolger in der ersten Etage wird Senator Adolf Kauffmann. Der hatte mit dem Haus eine Menge zu tun, wesentlich mehr, als dort nur zu wohnen – eine Filz-Geschichte zum Ende des deutschen Kaiserreichs. Sie ist, wie es sich für Filz-Geschichten gehört, ziemlich kompliziert. Jan Volker Wilhelm hat sie in seinem 2006 erschienenen, sehr informativen, gründlich recherchierten Buch „Das Baugeschäft und die Stadt“ (Verlag Vandenhoeck & Ruprecht) ausführlich dargestellt. Das Ergebnis sei hier zusammengefasst.

Kauffmann, Seifenfabrikant und seit 1903 (unbesoldeter) Senator in der Göttinger Stadtverwaltung, hatte zusammen mit den Baugeschäfts-Brüdern Krafft eine Firma gegründet, die Göttinger Boden-Gesellschaft m. b. H.. Diese Gesellschaft – bestehend aus den Herren Hannig (wie Krafft ein Baugeschäft), Kauffmann & Krafft – besitzt am 1. Januar 1909 Grundstücke von knapp zehn Hektar Gesamtfläche, belastet mit Hypotheken in Höhe von knapp 600 000 Mark. Hauptgläubiger ist die Göttinger Bank AG, in deren Aufsichtsrat Kauffmann sitzt und zu deren Aktionären Friedrich Krafft gehört.

Die Bank hat sich offenbar ebenso wie ihre Kundschaft verspekuliert: Am 1. Dezember 1911 eröffnet das Amtsgericht Göttingen das Konkursverfahren über die Göttinger Bank AG. Zwei Wochen später wird auch über das Vermögen der Gebrüder Krafft und ihre Grundstückhandelsgesellschaft das Konkursverfahren eröffnet. Kauffmann bleibt Senator nur noch bis Januar 1912. Danach gehört er der Stadtverwaltung nicht mehr an. Aber wenigstens kann er trotz der Pleite komfortabel wohnen – ein Jahr lang. Zum 1. April 1913 zieht er um in den Düstere-Eichen-Weg.

Diese Pleite bleibt in Göttingen unvergessen. Zwar hat auch das Göttinger Stadtarchiv keinen schriftlichen Beleg über den Spitznamen des Hauses Merkelstraße 3 gefunden, aber im kollektiven Gedächtnis der Göttinger ist die Bezeichnung „Drei-Männer-Haus“ verankert, weil es für die Pleite dreier Bauunternehmer steht. Tageblatt-Leser Hans-Jürgen Herbold hat dies der Redaktion schriftlich mitgeteilt mit der Bemerkung: „Ich weiß es von meinem Vater, der 1901 geboren ist.“
Nächste Folge: Die 20er- und 30er-Jahre.

Von Michael Schäfer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Villa Merkelstraße 3, Teil 4

Die Villa Merkelstraße 3, in der seit Herbst 2011 der Göttinger Psychologie-Fachverlag Hogrefe untergebracht ist, ist einer der prächtigsten Wohnbauten des späten Kaiserreiches in Göttingen – Anlass, einen Blick in die Geschichte dieses 1907 errichteten Hauses zu werfen. Folge 4: Die 20er- und 30er-Jahre.

mehr
GT-Nightlounge im Amavi Wild Göttingen am 9.12.2017