Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Wätzolds Woche Alte Männer
Thema Specials Wätzolds Woche Alte Männer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 01.06.2018
Wolfgang Thielbörger hält sich fit. (Archivbild) Quelle: Harald Wenzel
Göttingen

Wolfgang Thielbörger, 84-jähriges Göttinger FDP-Urgestein, ist empört und fühlt sich wegen seines Alters diskriminiert, weil er nicht mehr Schöffe werden kann; das darf man nämlich nur bis 70. Ich kann seinen Ärger absolut verstehen und finde diese Regel auch nicht in Ordnung, zumal Thielbörger ja fit wie ein Turnschuh ist und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Man nennt ihn ja nicht umsonst den Mick Jagger der Göttinger Leichtathletik, und ich würde mich scheuen, im Zehnkampf gegen diesen rüstigen Rentner anzutreten, weil ich mich nämlich vermutlich blamieren würde. Und in einem gesunden Körper haust bekanntlich auch ein gesunder Geist. Natürlich ist nicht jeder 84-Jährige in dieser Verfassung, aber es will ja auch nicht jeder 84-Jährige Schöffe werden. Außerdem unterstellt diese Regel ja, dass Leute über 70 nicht mehr richtig unterscheiden können, was vor Gericht strafwürdig ist und was nicht. Dann müsste man ihnen aber auch konsequenterweise die Strafmündigkeit absprechen, so dass sie für nichts mehr belangt werden können.

Ich solidarisiere mich so ausdrücklich mit Thielbörger, weil ich auch bald Betroffener bin - ich hatte nämlich letzte Woche Geburtstag. Bekanntlich verläuft das Leben in Siebenjahresschritten und ich bin jetzt sieben mal sieben Jahre alt, und das ist noch viel schlimmer als 50, denn ein halbes Jahrhundert hat ja wenigstens eine gewisse Würde; aber den Fünfzigsten muss man erstmal schaffen. Die 49 aber steht für Midlifecrisis und den Anfang vom Ende. Alles, was jetzt noch kommt, betrachte ich als Bonustrack, denn ich trainiere nicht so hart wie Wolfgang Thielbörger, der sicher ein biblisches Alter erreichen wird. Genau genommen trainiere ich gar nicht und so fühlte ich mich auch schon beim Aufstehen ziemlich zerknittert, so wie Yoda ohne Jedikräfte. Als meine siebenjährige (!) Tochter mich dann noch mit den Worten beglückwünschte: „Du bist jetzt zwar schon alt, aber immer noch voller Lebenslust“, da hätte ich meinen Kaffee am liebsten aus der Schnabeltasse getrunken.

Um auf andere Gedanken zu kommen und zur Erinnerung an bessere Zeiten wollte ich Schokoküsse essen. Nun war aber Feiertag, und ich klapperte vergeblich drei Tankstellen und sieben Kioske ab. Bei meinem letzten Versuch sagte ich entsprechend verzweifelt zum Kioskmann an der Nikolaistraße: „Ich suche was, und wenn ich es hier auch nicht kriege, dann ist mein Tag echt im Arsch“, worauf er lapidar erwiderte: „Ich hab’ kein Gras.“ Und so ging ich zwar ohne Schokoküsse heim, fühlte mich aber immerhin kurzzeitig 30 Jahre jünger.

Den Autor erreichen Sie per E-Mail an redaktion@goettinger-tageblatt.de

Von Lars Wätzold

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Wätzolds Woche Wätzolds Woche - Autos raus

Viele Göttinger Radfahrer scheinen schlicht nicht zu wissen, dass sie ihre Geschwindigkeit in der äußeren Fußgängerzone an die Fußgänger anpassen müssen und nicht umgekehrt und sind dort unterwegs wie Speedy Gonzales auf Ecstasy.

28.05.2018
Göttingen Wätzolds Woche - Wie verstörend...

...dachte ich letzte Woche, als ich in dieser Zeitung las, dass ein Landwirt beim Wiesemähen mehrere Rehkitze zerschreddert hat, die von ihren Müttern dort abgelegt worden waren.

21.05.2018
Wätzolds Woche Wätzolds Woche - Leerstand

Schön, dass Besetzer und Polizei bei der Räumung des besetzten Noch-Goethe-Instituts offenbar recht umsichtig miteinander umgegangen sind. Die Reaktionen auf die Besetzung fielen erwartungsgemäß aus.

15.05.2018