Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Bildungsnotstand

Wätzolds Woche Bildungsnotstand

Bisher dachte ich, es sei bloße Panikmache, aber seit letzten Freitag weiß auch ich: Mit dem deutschen Bildungssystem geht es rapide bergab. Denn letzten Freitag trat die Schlagersängerin Franziska im Real-Kauf am Lutteranger auf.

Voriger Artikel
Fällt heute aus
Nächster Artikel
Geschmackssache

Schlagersängerin Franziska bei ihrem Auftritt im Real-Markt in Göttingen.

Quelle: Hinzmann

Dort sang sie das Lied „Zünd’ die Sterne an“, das sie diesen Sommer aufgenommen hat, als sie ihr Musikstudium beendete. Ich habe es mir angehört und bin zutiefst erschüttert, dass sowas im Lande Beethovens und Bachs im Jahr 2017 am Ende eines Musikstudiums rauskommt. Da will sich eine junge Frau eine fundierte musische Bildung angedeihen lassen und was ist das Ergebnis? Eine primitive Tonfolge, die über das Zusammenspiel von Tonika, Dominante und Subdominante nicht hinausgeht und kein Nachname. Das ist etwa so, als ob ein Physiker namens Siggi nach seiner Masterprüfung mit der Erkenntnis aufwartet, dass es dunkel wird, wenn er das Licht ausknipst.

Aber was will man auch erwarten, wenn deutsche Studenten ihr Studium mit einer Woche Dauersuff beginnen? Da ist natürlich schnell ein guter Teil der Gehirnzellen abgängig, die man eigentlich zum Studieren braucht. Immerhin war dieses Jahr in der Göttinger Orientierungsphase wohl kein Schnaps im Spiel. Aber warum Neu-Studenten zu diesem Anlass überhaupt schon ab vormittags Alkohol trinken, ist mir ein Rätsel. Ich bin betrunken jedenfalls deutlich schlechter in der Lage, mich zu orientieren, als wenn ich nüchtern bin. Nun bin ich allerdings auch schon 48 und vielleicht ist die Evolution in dieser Hinsicht heute einfach weiter als vor 26 Jahren; schließlich haben Meisen in den letzten Jahrzehnten auch
eine Nikotintoleranz entwickelt, weil sie immer mehr Kippen zum Nestbau verwenden. Man müsste dazu mal einen Biologen befragen. Aber bitte keinen, der erst jüngst seinen Abschluss gemacht hat und unter dem Namen Bernd firmiert. Denn dann ist wohl kaum eine fundierte Antwort zu erwarten.

So bleibt mir kurz nach dem Jubiläumsreformationstag nur ein bundespräsidentenmäßiger Thesen-Appell hinsichtlich der Gestaltung studentischer Orientierungsphasen: „Es muss ein Muckefuck durch Deutschland gehen!“

Von Lars Wätzold

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Wätzold steht nicht nur auf dem Sockel, sondern auch auf der Bühne - bei der Comedy Company. mehr