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Sicherheitsgefühle

Wätzolds Woche Sicherheitsgefühle

Jede Woche schreibt Comedian eine Kolumne über ein aktuelles (Aufreger-)Thema. Diesmal: ein Ratsantrag zum „Sicherheits- und Ordnungskonzept“.

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Wer ist Kultur?

Ort für Trinkgelage? Das Alpenmax.

Quelle: Christina Hinzmann

Göttingen. Wenn man jugendliche Teilnehmer des Aggressions-Kontroll-Trainings fragt, warum sie gewalttätig geworden sind, bekommt man regelmäßig zur Antwort, dass sie nur zugehauen hätten, wenn sie zuvor provoziert wurden; wenn zum Beispiel ein Wildfremder sie angesprochen hatte, um ihre Mutter zu beleidigen. Das finde ich erstaunlich, weil mich noch nie ein Fremder angesprochen hat, um meine Mutter zu beleidigen.

Daran musste ich spontan denken, als ich den jüngsten CDU-Ratsantrag las, den sich offenbar Ratsherr Marcel Pache ausgedacht hat und in dem es um ein neues „Sicherheits- und Ordnungskonzept“ geht. Denn unter anderem wird dort ein Vorgehen gegen zunehmendes „aggressives Betteln“ gefordert und seltsamerweise wurde ich, ganz anders als Pache, in Göttingen noch nie aggressiv angebettelt, wobei natürlich auch die Frage zu klären wäre, wo eigentlich die Aggressivität beim Betteln beginnt. Die einzigen, die mich blöd anquatschen, sind einige der organisierten Spendensammler, die ihre Stände vor dem Alten Rathaus aufbauen. Aber vielleicht spüren die Aggro-Bettler auch einfach schon von weitem, dass bei mir nichts zu holen ist, ebenso wie Mama-Beleidiger, dass der Mutterschutztrieb bei mir nur rudimentär ausgeprägt ist. Und vielleicht kommt ihnen Pache andererseits wie ein menschgewordenes Sparschwein vor. Kann ja sein.

Der CDU-Antrag stützt sich aber auch auf „zahlreiche Beobachtungen und Beschwerden von Bürgern“ und bei besorgten Bürgern ist es mit der Objektivität natürlich so eine Sache. Jedenfalls bleiben die Vorwürfe im Antrag völlig unkonkret. Vielleicht hätte Pache besser mal bei der Polizei diesbezüglich nachfragen sollen, statt Hörensagen zu kolportierten. Ebenso pauschal beklagt Pache neben aggressivem Betteln auch „öffentliche Trinkgelage mit darauf folgenden Belästigungen“. Da wiederum weiß natürlich jeder, was er meint; doch ich finde, Pache übertreibt. Denn so schlimm war die letzte O-Phase nun auch wieder nicht. Besorgniserregend stimmte mich schließlich die abschließende Ausführung Paches, „dass man sich teilweise zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten nicht oder nur noch mit Pfefferspray aufhalten möchte“. Das klingt verstörend und ich frage mich, welche Orte zu welchen Zeiten Pache bloß meint. Einen verregneten Novembersonntag in der „Kinderstadt“? Schlagerparty im „Alpenmax“? Festkommers in einer schlagenden Burschenschaft?

Von Lars Wätzold

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