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Wätzolds Woche Pulse of Europe
Thema Specials Wätzolds Woche Pulse of Europe
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20:39 01.09.2017
Quelle: Visitlisboa.com (via reisereporter.de)

Selbstverständlich habe ich immer freundlich abgelehnt, denn zum einen bin ich mit der Gesetzeslage in Portugal nicht vertraut und zum anderen ist Drogenkauf nun wirklich Vertrauenssache und diese Leute kannte ich ja gar nicht. Die sprachen ja noch nicht mal Deutsch!
Außerdem war ich auf der Jagd nach einem ganz anderen Leckerli. Die Reisereporter hatten nämlich einen Geheimtipp zum Erwerb der köstlichsten Pastéis de Nata (Blätterteig mit Puddingfüllung) der Stadt veröffentlicht. Als ich dann zur Confeitaria dos Pastéis de Belém kam, war ich allerdings ziemlich ernüchtert. Von wegen Geheimtipp: Da war eine Schlange, als würde im Innenraum der Papst seine Intimpiercings bei freiem Eintritt zeigen. Ich beschloss, demnächst erbost den Reisereportern zu schreiben, aber als ich später noch mal nachlas, war da von mindestens 20.000 Törtchen die Rede, die dort täglich übern Tresen gehen. Ich hätte also durchaus ahnen können, dass da nicht nur die engste Nachbarschaft einkauft. Zum Glück aber gibt es Fähigkeiten, die man nicht mehr verlernt, wenn man sie einmal drauf hat, wie Fahrradfahren und Schwimmen. Ich bin ganz gut in elegantem Vordrängeln; also so, dass niemand sauer wird. Angeeignet habe ich mir diese Fertigkeit in den Neunzigern, als es samstags in der Mensa nur Stamm 2 (300 Meter Schlange) und Eintopf (gar keine Schlange) gab. Der Trick war eigentlich ziemlich simpel. Man stellte sich beim Eintopf an und wenn man das Tablett schon hatte, wechselte man zwischen Besteckaufnahmestation und Essensausgabe rüber zu Stamm 2; am besten vor eine Gruppe Mädchen, denn die sind nicht so auf Krawall gebürstet wie Jungs. Dabei nuschelt man noch irgendwas von "vertan" oder "bin neu hier". Und wenn doch mal "Ey, könnt ihr euch nicht hinten anstellen?!" kam, pflegte mein Kumpel Höppi bedauernd zu antworten: "Wollten wir ja, aber da stand schon jemand."
Das war in Lissabon aber gar nicht nötig - nach wenigen Minuten hatte ich vier Törtchen gekauft, die ich mit Kollege Graën teilte, der gegenüber in einem kleinen Lokal wartete, das sich dann als wirklicher Geheimtipp erwies. Denn im "Adamastor" gibt es frisch gezapftes Sagres zu köstlichen Kabeljaukroketten und der Wirt ist ein äußerst liebenswürdiger Herr, der uns zu einem Streifzug durch sein Likörsortiment einlud. Drogen sind eben Vertrauenssache.

Von Lars Wätzold

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