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Wätzolds Woche IGitt
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20:16 12.05.2017
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Göttingen

Anscheinend ist es einfach lukrativer, ungebeten Imbiss-Prospekte, Papiersammlungs-Ankündigungen oder Krankengymnastik-Reklame bei uns einzuwerfen, oder jemand kassiert zwar fürs Austragen von "Blick" und "Extra-Tip", tut es aber nicht. Heute war eine Werbung im Briefkasten mit dem Titel "Kann ich leben, wenn ich sterbe?" Eigentlich keine uninteressante Frage; und vielleicht geht das ja tatsächlich, wenn man sich direkt vor dem Abnippeln einen Hochspannungsdraht an die Rübe oder in den Pöter hält.

Den Slogan als Teil der Kampagne eines Energieversorger fand ich dann aber doch unwahrscheinlich. Also dachte ich, es handele sich wohl um einen Aufruf zur Organspende. Stimmte aber auch nicht, denn beim zweiten Hinsehen entpuppte sich das Heftchen als geistiger Erguss eines alten Bekannten, nämlich des kreationistischen Prof. a.D. Dr.-Ing Werner Gitt, der immer im Juni bei kostenlosem Eintritt in der Stadthalle "wissenschaftlich" zu beweisen versucht, dass jedes Wort der Bibel wahr ist und damit einen guten Grund für den ersatzlosen Abriss der Stadthalle liefert.

Gleich auf der ersten Seite teilt Gitt die Menschheit in zwei Gruppen ein, nämlich in diejenigen, die denken "Mit dem Tod ist alles aus, und es gibt auch keinen Gott", während die anderen meinen, dass ein "Schöpfer uns gewollt und uns zielgerichtet geschaffen hat", weil er nach unserem Ableben "mit uns Gemeinschaft im Himmel haben möchte".

Selbstverständlich glaubt Gitt an Gott, weil so etwas komplexes wie das menschliche Gehirn nämlich nicht zufällig entstanden sein könne. Wir müssen aber, laut Gitt, Gott als unseren Vater annehmen, sonst ist nach dem Tod nämlich nix mit Gemeinschaft im Himmel, sondern "ewiger Tod - Hölle" angesagt. Allerdings finde ich den Gedanken geradezu psychotisch, dass ein Gott, der sich Menschen mit hochkomplexen Gehirnen baut, nur damit die ihm nach ihrem Ableben Gesellschaft leisten, dann moralisch derartig grob agiert, dass er sie wegen mangelndem Bekenntnis nach der Aufzucht ersatzlos verbrennt. Und deshalb werde ich den Eindruck nicht los, dass das Gehirn von Werner Gitt nur aus einem saudummen Zufall entstanden ist.

Von Lars Wätzold

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