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Wer ist Kultur?

Wätzolds Woche Wer ist Kultur?

Was wir nicht alles sind. Wir sind Weltmeister, Papst und das Volk. Und letzte Woche hieß es absolutistisch „Wir sind Kultur!“ Aber keine Sprachkultur, möchte man erwidern. Unter dem semantisch fragwürdigen Motto veranstaltete der Kulturverbund Göttingen e.V., der nicht müde wird, Grundsatzkritik an der städtischen Kulturförderung zu üben, das „Festival der freien Kulturschaffenden“; und die Kritik ist grotesk.

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Sicherheitsgefühle

"Wir sind Kultur": Festival der freien Kulturschaffenden in der Stadthalle Göttingen

Quelle: Heller/Archiv

Der Kulturverbund, das sind vor allem Klaus Wißmann mit seinem Verein „Kreuzberg on KulTour“ und die Musikschule „Musikuss e.V.“, wo der Kulturverbund auch ansässig ist. Wißmann poltert etwa, dass das gesamte Fördergeld für den Jazzbereich „für das Jazzfestival ausgegeben wird - daneben bleibt nichts für die Breitenförderung“. Das ist Quatsch, denn das hieße ja, dass es einen fixen Betrag im Kulturetat für Jazz gibt. Dabei steht doch erstmal jedem frei, einen Jazzprojekt-Antrag zu stellen. Und gerade das Jazzfestival stellt ja eine gelungene Mischung aus internationalen Hochkarätern und lokalen Musikern dar; allein im Deutschen Theater gab es 20 Auftritte von Göttinger Bands und (Schüler-)Bigbands. Wo sonst bekommen die denn so ein Forum geboten? Weiterhin stört Wißmann, dass der Rockbüro e.V. die städtischen Zuschüsse für den Rock-Pop-Bereich verteilt und dabei das vom Rockbüro betriebene Nörgelbuff bevorzuge. Dabei wollte die Stadt ja gerade das von Schließung bedrohte Nörgelbuff erhalten, weil es eine beliebte Spielstätte unter Göttinger Musikern und eine tolle Nachwuchs- und offene Bühne ist. In 2017 fließen 9000 Euro vom Rockbüro ins Nörgelbuff (bei 75 geförderten Veranstaltungen), während private Konzertveranstalter über 20 000 Euro vom Rockbüro erhalten. Der Kreuzberg on KulTour e.V. selbst bekommt davon übrigens 4500 Euro bei 25 geförderten Veranstaltungen, ohne eigene Spielstätte. Wißmanns eigentliches Problem scheint also eher in seinem Ego begründet zu sein als in der kommunalen Förderpolitik. Seltsam auch der Vorwurf, dass private Musikschulen „so wie z.B. der Musikuss e.V. überhaupt nicht gefördert werden“. Aber warum sollte die Stadt denn auch privaten Musikunterricht bezuschussen, der doch von den Kunden bezahlt wird? Wenn das so kommt, gebe ich auch Flötenunterricht. Aber dann bei mir zuhause und nicht im Auftrag von musikuss an der Reinhäuser Landstraße. Ich habe ein einladendes Esszimmer, bin Diplom-Pädagoge und musikalisch wie Sau. Angesichts dieser Qualifikationen behalte ich dann natürlich den Zuschuss, anstatt damit zum Unterhalt der Immobilie der Musikuss-Vorsitzenden beizutragen.

Von Lars Wätzold

Den Autor erreichen Sie per Mail an redaktion@goettinger-tageblatt.de

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