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„Sie haben das Menschenmögliche getan“

Familie dankt Helfern „Sie haben das Menschenmögliche getan“

Nico Tolomeo-Stolze ist vergangene Woche Montag im Silbersee bei Langenhagen ertrunken. Jetzt haben sich die Eltern und Freundin des 20-Jährigen an die HAZ gewandt, um sich bei den Helfern für deren Einsatz zu bedanken. „Sie haben das Menschenmögliche getan“, sagt Stiefvater Michael Stolze.

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Nach anderthalb Stunden finden die Retter den leblosen Körper von Nico im Silbersee. Für den 20-Jährigen kommt aber jede Hilfe zu spät. Fotos: Elsner, Neander, privat

Quelle: Foto:Christian Elsner HAZ / NP

Hannover. Die Rettungskräfte kämen nach solchen schrecklichen Einsätzen immer zu kurz, „sie werden nie genannt“, sagt Mutter Katharina Stolze.

Besonders bedanken möchte sich die Familie bei Notfallseelsorger Tim Kröger. Der Pastor aus Neustadt unterstützte die Hinterbliebenen schon am Silbersee, als sie von dem Unfall erfuhren und zum Strand geeilt waren. „Er war in der Situation ganz wichtig“, sagt Nicos Mutter Katharina Stolze. Kröger spendete Trost, hörte zu und begleitete die Familie in den schweren Stunden bis in die Medizinische Hochschule. Der Notfallseelsorger war auch an ihrer Seite, als dort alle über Nicos Tod informiert wurden.

Nico ging plötzlich unter

Der 20-Jährige wollte am Abend des bislang heißesten Tages in diesem Jahr im Silbersee zur etwa 125 Meter entfernten Badeinsel schwimmen, das war gegen 21.30 Uhr. Zwei Freunde waren mit im Wasser. Auf dem Weg zur Badeinsel ging Nico plötzlich unter, seine Begleiter riefen um Hilfe. „Es war wohl Erschöpfung, und er hat sich überschätzt“, sagt Michael Stolze. Diese Information erhielten sie von der Polizei.

Sieben Taucher suchten nach Nico, dazu sechs Rettungsschwimmer und zwei Menschenketten. Etwa 100 Einsatzkräfte waren am Silbersee, fünf Boote auf dem Wasser. Erst gegen 23 Uhr, anderthalb Stunden nach Nicos Verschwinden, entdeckten sie den leblosen Körper in drei bis vier Metern Tiefe. Der Notarzt begann mit den Reanimationsmaßnahmen, doch dort und auch später in der MHH gelang es nicht, Nico ins Leben zurückzuholen. „Wir gehen nie wieder an den Silbersee“, sagt Michael Stolze.

Alexandra Lassak, Freundin des Ertrunkenen, beschreibt den 20-Jährigen als „besonderen Menschen“. Elf Jahre war sie an seiner Seite, zunächst als gute Freundin, später wurden beide ein Paar. Die gesamte Familie trauert nun. In ihrem Haus in Vahrenheide versuchen Verwandte und Bekannte, mit Nicos Tod fertig zu werden. Einer der Freunde, mit denen Nico im Silbersee schwamm, übernachtet seitdem in Nicos Zimmer. „Wir stützen uns alle gegenseitig“, sagt seine 45-jährige Mutter. Für Ende nächster Woche ist die Beisetzung geplant.

Tod beschäftigt auch die Helfer

„Wir haben alles in die Waagschale geschmissen“, sagt Marcel Hofmann von der Feuerwehr Langenhagen, und Einsatzleiter bei der Suche nach Nico. Leider hätten sie nichts mehr für den 20-Jährigen tun können. Solch ein Vorfall beschäftige natürlich auch die Helfer. „Sicherlich machen wir uns abends Gedanken“, sagt Hofmann. Nach dem Einsatz hätten alle Beteiligten zusammengesessen und geredet. „Es ist in gewisser Weise beruhigend, dass wir alles getan haben, was wir tun konnten“, sagt Hofmann.

Genau das sei auch der Grund, warum Familie Stolze ihren Dank ausrichten will. „Es ist ein kleiner Trost, dass alles versucht worden ist“, sagt Katharina Stolze. „Die Helfer haben vollen Einsatz gezeigt.“ Einsatzleiter Hofmann erlebt es gelegentlich, dass sich Gerettete oder Angehörige später bei den Helfern melden. „Der Dank baut uns auf“, sagt der Feuerwehrmann. „Er gibt das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.“

Notfallseelsorger Tim Kröger wiederum musste nach dem Erlebten selbst Hilfe in Anspruch nehmen. „Es war eine außergewöhnliche Situation“, sagt der Pastor. „Dass das eigene Kind stirbt, ist das Schlimmste, was Eltern erleben können.“ Zwar sei Kröger als Seelsorger speziell geschult und vorbereitet. Doch so ein plötzliches Ereignis sei dennoch etwas anderes. Während des Einsatzes könne er zwar eine professionelle Distanz wahren. Wenn zu Hause aber die Ruhe einsetze, ändere sich das. „Ich trage den Fall auch mit mir herum.“ Daher freue er sich über den Dank von Familie Stolze besonders. „Solch eine Rückmeldung tut sehr gut“, sagt Kröger.

Immer weniger Schwimmunterricht

Im vergangenen Jahr sind 537 Menschen in Deutschland beim Baden ertrunken. In Niedersachsen starben 58 Personen. Unterdessen rettete die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) im gleichen Zeitraum bundesweit insgesamt 542 Menschen vor dem Ertrinken – 162 weniger als noch im Jahr zuvor. In 39 Fällen brachten sich die Helfer selbst in Gefahr, um die Opfer an Land zu bringen. Darüber hinaus mussten die Rettungsschwimmer 163 Tiere aus Notlagen befreien.

Die Gefahren in Seen, Flüssen und im Meer sind plötzliche Kaltzonen im Wasser. Während es im Uferbereich ausreichend warm ist, kann es weiter draußen oder in größerer Tiefe Kaltwasserbereiche geben. Darin kann es geschehen, dass Schwimmer schneller erschöpft sind als in warmem Wasser. Hinzu kommen gegebenenfalls Strömungen, die die Menschen weit abtreiben oder sogar unter Wasser ziehen.

Die DLRG schlägt Alarm bei der Zahl der Nichtschwimmer. Laut einer aktuellen Studie sind 59 Prozent der Zehnjährigen keine sicheren Schwimmer. Als sicher gilt derjenige, der die Anforderungen für das Jugendschwimmabzeichen in Bronze (Freischwimmer) erfüllt. „Die Schwimmfähigkeit der Kinder im Grundschulalter ist weiterhin ungenügend“, warnt DLRG-Vizepräsident Achim Haag. Gerade einmal 36 Prozent lernen nach DLRG-Angaben das Schwimmen in der Grundschule.

pah

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