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Im TV-Sommer 2017 läuft das Beste von Gestern

Fernsehen: Die Sommerpause Im TV-Sommer 2017 läuft das Beste von Gestern

Das Fernsehen macht wieder Urlaub – Höhepunkt der Sommerpause sind die „Tatort-Classics“ im RBB mit restaurierten Versionen uralter Sonntagskrimis. Es gibt ein Wiedersehen mit Kommissaren, an die sich kein Mensch mehr erinnert. Und mit Horst Schimanski, der die Ganoven im Ruhrpott noch mal die Faust des Gesetzes spüren lässt.

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Schimmi macht den Sommer ruppig: Mit „Duisburg – Ruhrort“ begann der Kultkommissar (Götz George) 1981 sein beherztes „Tatort“-Ermitteln.

Quelle: dpa

Berlin/Mainz. Bei den Fernsehsendern, hieß es früher, arbeiten im Sommer nur zwei Leute: der Pförtner und ein Techniker, der die Videokassetten mit den Wiederholungen wechselt. Der Scherz belegt, dass es die Sommerpause schon seit Jahrzehnten gibt; trotzdem haben sich die Sender stets gegen den Vorwurf gewehrt, sie würden den Betrieb in dieser Zeit rigoros reduzieren. Tatsächlich erfreuen zum Beispiel ARD und ZDF in ihren Reihen „Sommerkino im Ersten“ (ab 3. Juli), „Premierenkino im Ersten“ (ab 18. Juli) sowie „Montagskino Fantasy“ (ab 3. Juli) mit richtig guten Spielfilmpremieren. Im ZDF gibt es zudem ab dem 18. Juli eine neue Staffel „Shooting Stars“ mit Werken junger deutscher Filmemacher.

Neu ist nur die „Mordkommission Königswinkel“

Bei den Fernsehfilmen jedoch sind Erstausstrahlungen in den nächsten Wochen Mangelware; eine der wenigen Ausnahmen ist „Mordkommission Königswinkel“, mit dem das ZDF am 10. Juli eine neue Krimireihe eröffnet. Ansonsten nutzen die Sender die Sommerzeit, um zu sparen; sie hätten gar nicht das Geld, um ihre Filmtermine 52 mal im Jahr mit Erstausstrahlungen zu bestücken.

Außerdem ist das Fernsehen, ansonsten die bevorzugte Freizeitbeschäftigung der Deutschen, im Sommer nur noch zweite Wahl: Bei schönem Wetter sinkt die durchschnittliche tägliche Nutzung um fast eine Stunde. Im Winter liegt die Zahl aller Zuschauer zwischen 20 und 21 Uhr bei rund 35 Millionen. Im Sommer verschiebt sich der Spitzenwert um eine Stunde nach hinten, aber selbst dann sind es weniger als 30 Millionen Menschen.

Wiederholungen haben zuweilen mehr Zuschauer

Mit Statistik rechtfertigen die Programmplaner auch die vielen Wiederholungen: Wenn ein Fernsehfilm bei der Erstausstrahlung 20 Prozent Marktanteil hatte, bleiben 80 Prozent, die ihn noch nicht kennen. Mitunter haben Wiederholungen tatsächlich mehr Zuschauer als die Erstausstrahlung.

Bestes Merkmal für die Sommerpause ist der Sonntagskrimi im „Ersten“: Die nächste Premiere gibt es nach derzeitigem Stand erst am 27. August mit einem „Tatort“ aus Wien („Virus“). Zum Glück hat der RBB für Ersatz gesorgt und erfreut die Krimifans ab dem 26. Juni in seinem dritten Programm montags um 22.15 Uhr mit 14 Filmen, die so gut wie neu sind. Die Werke stammen aus den Jahren 1971 bis 1994, waren aus technischen Gründen seit vielen Jahren nicht mehr sendbar und sind nun restauriert worden. Es handelt es sich ausnahmslos um „Tatort“-Beiträge des ehemaligen Sender Freies Berlin, die ein Wiedersehen mit zum Teil längst vergessenen Kommissaren bescheren.

Berliner „Tatort“-Krimis: Obskur und unterhaltsam

Interessant ist vor allem das Frühwerk. Der Reihenauftakt „Der Boss“ (1971), erster Berliner „Tatort“ überhaupt, erweist sich gemessen an heutigen TV-Gewohnheiten trotz seiner Kürze von nicht mal sechzig Minuten allerdings als echte Geduldsprobe: Die Geschichte über jugendliche Pelzräuber kann ihre Verwurzelung in der klassischen Fernsehspieltradition nicht verleugnen, Krimispannung kommt kaum auf.

Der zweite SFB-„Tatort“ (3. Juli), „Rattennest“ (1972), hat dagegen Kinoqualität, und das nicht nur wegen seines Stars: Neun Jahre vor Schimanski bot Götz George in der Hauptrolle das sehenswerte Porträt eines Gangsters, der am Ende zum kleinen Würstchen wird. „Transit ins Jenseits“ (10. Juli) aus dem Jahr 1976 erzählt eine packende deutsch-deutsche Fluchthilfegeschichte, erneut mit George als Ganove, aber die Hauptrolle spielt Marius Müller-Westernhagen, der kurz drauf mit „Theo gegen den Rest der Welt“ zum Kinostar wurde. In den späteren Krimis rückten dann die Kommissare ins zentrum, allen voran Günther Lamprecht als Franz Markowitz (ab 1991).

Der Krimi, in dem Schimi erstmals die Faust ballte

Natürlich füllen auch die anderen „Dritten“ ihre Sendezeit mit „Tatort“-Wiederholungen, aber eine verdient eine besondere Erwähnung. Anlässlich des ersten Todestages von Götz George (19. Juni) zeigt der WDR heute (Dienstag, 20. Juni), noch mal jenen Film, der den Schimanski-Mythos begründete: „Duisburg-Ruhrort” (22.10 Uhr) markierte 1981 den Einbruch der Wirklichkeit ins öffentlich-rechtliche Krimifernsehen. Ein Hauptkommissar, der flucht, poltert und säuft, dessen Ermittlungsmethoden kein bisschen staatstragend sind und der irgendwie nie richtig erwachsen geworden ist: Aus heutiger Sicht lässt sich kaum noch ermessen, wie revolutionär Horst Schimanskis Debüt 1981 war. Weil die jungen Regisseure des Neuen Deutschen Films keine Verwendung für den Star aus „Papas Kino“ hatten, war das Raubein mit Herz für George der Beginn einer zweiten, noch großartigeren Karriere. Im Anschluss wiederholt der WDR die auch gut vierzig Jahre nach ihrer Entstehung noch höchst eigenwillige „Tatort“-Episode „Tote Taube in der Beethovenstraße“ von Sam Fuller.

Aber auch jenseits von „Tatort“ gibt es interessante Sendetermine. Sat.1 zum Beispiel strahlt immer montags in Doppelfolgen eine Neuauflage des Actionkrimiklassikers „MacGyver“ aus; das Original genießt bis heute bei Menschen, die in den späten Achtzigern jung waren, Kultstatus. Die vermutlich rund zehn Jahre älteren Fans von Terence Hill können sich auf die Erstausstrahlung der italienischen Erfolgsserie „Die Bergpolizei – Ganz nah am Himmel“ (ab 28. Juli) im BR Fernsehen freuen. Der einstige Filmpartner des verstorbenen Bud Spencer spielt in den Abenteuern den Kommandanten einer Forstwache in den Südtiroler Alpen.

Keine erkennbare Sommerpause in den dritten Programmen

Andernorts erfreut man das Publikum im Sommer mit Quiz- und Spielshows, RTL zum Beispiel mit einer von Frank Buschmann moderierten deutschen Version des internationalen Erfolgsformats „The Wall“ (ab 30. Juni) und neuen Staffeln von Shows wie „500 - Die Quiz-Arena“ oder „Das Sommerhaus der Stars“. In den dritten Programmen soll es dagegen keine erkennbare Sommerpause geben. Der SWR geht mit „Lecker aufs Land“ auf Sommertour, der WDR setzt auf seinen üblichen Mix aus Essen, Ausflug und Gesundheit und nennt das Ganze „Sommer im Westen“, der MDR stellt Schlager- und andere Sendungen unter das Motto „Sommer bei uns“, und das NDR Fernsehen ruft den „Quizsommer“ aus.

Von Tilmann P. Gangloff/ RND

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