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Tanzt der „Tatort“ zu oft aus der Reihe?

Grusel-Krimi Tanzt der „Tatort“ zu oft aus der Reihe?

Am Sonntagabend zeigte die ARD - passend zu Halloween am Dienstag - eine Art Horrorfilm als Sonntagskrimi. Der Frankfurter „Tatort“ mit Margarita Broich und Wolfram Koch hieß „Fürchte dich“ und drehte sich um ein Spukhaus samt Geist. Geht das zu weit? Ja, finden viele Tageblatt-Leser. Selbst ARD-intern sehen das einige genauso.

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Der Tatort "Fürchte dich" polarisiert im Netz.

Quelle: Benjamin Dernbecher/HR/Pressestelle/dpa

Wird der „Tatort“ immer weniger den Zuschauererwartungen gerecht? Fällt er zu oft aus der Rolle? Ja, finden selbst ARD-intern einige Verantwortliche. Ein paar Fragen und Antworten:

Was sagen die Macher beim Hessischen Rundfunk zu ihrem Gruselkrimi?

Die hr-Fernsehspielchefin Liane Jessen hält Krimis generell für eine „säkularisierte Form des Horrorfilms“. Deshalb sei der Horror-„Tatort“ gar nicht so ein großes Experiment. Redakteur Jörg Himstedt spricht von einem sogenannten Hybrid-„Tatort“, der den klassischen Ermittler-„Tatort“ mit dem Genre des Horrorfilms verbinde und beide Genres ernstnehme. Horrorfilm und Kriminalfilm seien eine Art Fortführung des Märchenerzählens.

Gab es schon mal übernatürliche oder schräge Phänomene im „Tatort“?

Nicht nur einmal. Am verrücktesten war wohl ein Film vor 20 Jahren. In der paranormalen Folge „Tod im All“ (1997) mit Ulrike Folkerts als Lena Odenthal sowie Gastrollen für Anke Engelke, Ingolf Lück, Dietmar Schönherr und Nina Hagen entpuppte sich am Schluss ein Wasserturm als Ufo mit Außerirdischen. Alles klar? Gar nichts klar!

Welche Folgen spielten noch mit Übersinnlichem?

Zu nennen sind laut Tatort-Experte François Werner (Tatort-Fundus.de) beispielsweise der Schweizer Fall „Zwischen zwei Welten“ (2014), in dem ein Medium Kontakt zu Toten aufnahm. Außerdem ist fast jeder Krimi mit Kommissar Murot, gespielt von Ulrich Tukur, seit dem Jahr 2010 eher außergewöhnlich. So hatte dieser Ermittler mal Sinnestäuschungen, die auf einen Hirntumor zurückgingen, oder aber die Krimifigur traf den Schauspieler, der sie spielt. In Erinnerung blieb zudem der Berliner Thriller „Vielleicht“ (2014), der letzte Fall mit Boris Aljinovic als Kommissar Stark. Darin hatte die norwegische Psychologiestudentin Trude seherische Fähigkeiten. 2009 gab es auch einen Münchner Esoterik-Film („Gesang der toten Dinge“).

Gibt es heute weniger klassische „Tatorte“ als früher?

Er halte es für „wahrscheinlich“, dass es immer öfter verrückt wird, sagt Tobias Gostomzyk, Professor für Medienrecht an der TU Dortmund, der schon mehrere Studien zum „Tatort“ verfasste. Es gebe im „Tatort“ immer wieder mal Verschwörungstheorien, unerklärliche Phänomene und unaufgelöste Fälle, warum nicht auch Geister? Die Sonntagskrimis haben sich seiner Ansicht nach „weiter differenziert“, das liege an der Vielzahl der „Tatort“-Teams, jede beteiligte ARD-Anstalt wolle noch mehr ihr eigenes Profil schärfen.

Was macht den „Tatort“ eigentlich aus?

Als Grundsätze gelten Realismus, Lokalkolorit oder auch gesellschaftliche Relevanz. Der ARD-„Tatort“-Koordinator Gebhard Henke sagt dazu: „Vom "Tatort"-Erfinder Gunther Witte stammten aus der Gründerzeit des "Tatorts", also aus den frühen 70er Jahren, klare Regeln. Nach diesen soll ein "Tatort" ein eindeutiger und dem Realismus verpflichteter Ermittlerkrimi sein, soll keine Rückblenden enthalten, und der Fall soll realistisch sein und muss absolut im Mittelpunkt stehen.“ Fazit: Wenn der „Tatort“ also un-realistisch wird, ist das eine gezielte Grenzüberschreitung der Macher.

Wird darauf geachtet, dass es nicht zu oft „Tatort“-Experimente gibt?

Nachdem es ARD-intern spätestens seit „Babbeldasch“, dem umstrittenen Laien- und Dialekt-„Tatort“ von Axel Ranisch Anfang 2017 zwischen den Sendern intensive Diskussionen gab, bestätigte jetzt ARD-Fernsehfilmkoordinator Jörg Schönenborn Informationen der Seite „Tatort-Fundus“, nach denen die Zahl der „Experimente“ beschränkt werden soll: „Zur Erfolgsgeschichte des "Tatort" gehört, dass er sich über Jahrzehnte filmisch und dramaturgisch ständig verändert hat und dabei oft an der Spitze der Entwicklung stand.“ Es solle weiterhin überraschende Filme geben, aber nur noch „zweimal im Jahr auch "experimentelle" Krimis“. „Darüber stimmen wir uns in der Koordination Fernsehfilm frühzeitig ab, damit die Filme entsprechend geplant und später dann sinnvoll platziert werden können.“

dpa

"Kein Tatort" - So reagieren Leser auf den Grusel-Tatort 

Gelungenes Experiment oder am Thema vorbei? Auf den Social-Media-Plattformen wird der Grusel-Tatort "Fürchte dich" heiß diskutiert. Auch viele Tageblatt-Leser lässt die Episode nicht kalt. Am Montagmorgen machten einige ihrem Ärger auf den Facebook-Seiten des Tageblatts Luft. "Schwachsinn", findet Katrin Hardies und bringt damit den Unmut über die Episode auf den Punkt, der in den meisten Kommentaren zum Ausdruck kommt. Einige Leser sind enttäuscht in ihren Erwartungen an einen typischen Sontagsabend-Krimi: "Was ist bloss aus dieser Kultserie geworden!", fragt sich Marita Wortmann.

"Voll daneben. Für mich wird es in nächster Zeit kein Tatort mehr geben. Diese Experimentalkrimis kann die ARD behalten", schreibt Mar Tina Ke. Das Grusel-Experiment scheint nicht nur bei dieser Leserin gescheitert. Alexandra Zeise schreibt: "Der schlechteste von vielen anderen auch seit einiger Zeit! Komplett unrealistisch! Gehört eher in ne andere Kategorie Film!" Nüchterner drückt es Lothar Golla aus: "Kein Tatort". Der Ausflug ins Grusel-Gengre kommt bei den meisten Lesern nicht gut an. Ein Kommissar, ein Fall, ein Happy-End: Viele Leser sehnen sich nach dem klassischen Krimi zurück. Guido Sigges schreibt: "Ich vermisse die Tatorte der 80er und 90er Jahre. Polizisten ohne Probleme jagen Mörder, Entführer und Erpresser... Schön war die Zeit."

Positive Reaktionen sind deutlich in der Unterzahl. "Ich fand den gut. Nicht immer der gleiche Mist. War auf jeden Fall spannend", schreibt Andreas Bleeke. Verhaltener drückt es Sigrun von Berg aus: "Naja um Halloween herum kann man das mal bringen. Ich bin nicht eingeschlafen. Aber es sollte eine Ausnahme bleiben. Ist Geschmackssache...".

Die meisten Leser dürften wohl aufatmen: Ein Tatort wie "Fürchte dich" wird künftig die Ausnahme. Nur noch höchstens zweimal im Jahr sollen "experimentelle" Krimis am Sonntagabend laufen, kündigte Jörg Schönenborn, ARD-Koordinator Fernsehfilme, an.

vsz

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