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Sylvia Madsack verteidigt ihren Vater

Verlegerin wehrt sich Sylvia Madsack verteidigt ihren Vater

Hat sich die hannoversche Verlegerfamilie Madsack an jüdischem Eigentum bereichert? Und hält Erbin Sylvia Madsack deswegen sogar eine fertige Chronik zurück? Der „Spiegel“ bringt solche Gerüchte in den Umlauf – doch die Akten der Familie zeigen ein anderes Bild.

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Pressegeschichte im hannoverschen Anzeiger-Hochhaus: Verlagserbin Sylvia Madsack und ihr Vater Erich (1889–1969). Die Madsack Mediengruppe gibt auch diese Zeitung heraus.

Hannover. Der letzte Brief war eine Bitte. Sie würde wirklich gern erfahren, ließ die hannoversche Verlegerin Sylvia Madsack über ihren Anwalt ausrichten, ob der Australier mit dem Namen Paul Foulkes jener Mann sei, der am Ende einer jahrzehntelangen Suche nach einem früheren Geschäftspartner stehen könnte. Das war im Dezember 2009. Die zweitgrößte Anteilseignerin der Mediengruppe, die ihren Namen trägt, wollte endlich wissen, woran sie war. Und hoffte auf den Abschluss einer ebenso verworrenen wie verwirrenden Geschichte, die über ein Jahrhundert zuvor begonnen hatte. In ihr spiegelt sich ein Stück deutscher Medienhistorie – in vielen Farben und Facetten.

Das Hamburger Magazin „Der Spiegel“ hat jüngst einen einzelnen Stein aus diesem großen Mosaik zugespielt bekommen – und ihn nach Art des Hauses auch gleich in Richtung Sylvia Madsack geworfen, eingeleitet mit rüden Attacken auf deren schriftstellerische Arbeit. Hält die Verlagserbin eine Familienchronik unter Verschluss, weil ihr der Umgang mit einer „jüdischen Beteiligung“ am Unternehmen ihres Vaters „zu heikel“ ist?, fragt der „Spiegel“. Und suggeriert damit einen doppelten Vorwurf. Im Kern lautet er: Auch die Verlegerfamilie Madsack habe sich in der NS-Zeit am Eigentum früherer jüdischer Geschäftspartner bereichert und verschweige dies bis heute. Kann das sein?

Ein Geschäft kommt in Schwung

Die Suche nach dem ganzen Bild beginnt nicht 2009, nicht im Dritten Reich, sondern im Dezember 1892. In der Zeit der Stehkragen und Ballonärmel. Einer wirtschaftlichen Boom-Ära, in der sich das noch junge Kaiserreich sprunghaft in die kapitalistische Moderne entwickelt. Ein gutes Klima für Start-ups, die damals noch nicht so heißen, aber nicht selten das gleiche Problem haben wie Unternehmensgründungen heute: Ideen gibt es genug, Startkapital indes nicht immer. Daher ist der eben nach Hannover gekommene August Madsack froh, als er die Frankfurter Bankiers Koch, Sichel und Herzberg für eine Beteiligung an seinem neuen Verlagshaus (der „Kommanditgesellschaft Hannoverscher Anzeiger A. Madsack & Co.“) gewinnen kann. 65 000 Reichsmark steuern die drei Herren bei – in einer damals üblichen Konstruktion: Koch hält die Beteiligung allein, räumt Sichel eine sogenannte Unterbeteiligung am Gesamtkapital von 12 Prozent ein, an der Herzberg sich wiederum mit 50 Prozent beteiligt. Fachleute sprechen von einer „doppelstöckigen Unterbeteiligung“, die das Kapital der Banker arbeiten ließ, ohne ihnen ansonsten Arbeit zu machen. Ob die Religionszugehörigkeit der Geldgeber für August Madsack irgendeine Rolle spielt, ist nicht überliefert. In jedem Fall ist dies – in Zeiten wachsenden Antisemitismus im Kaiserreich – der Beginn der „jüdischen Beteiligung“ bei Madsack.

Das Geschäft mit der neuen Zeitung kommt in Schwung, die Beteiligungen wechseln und werden zum Teil auch schon vererbt. Nachfahren der Familie Koch sind bis lange nach dem Krieg im Unternehmen engagiert. Die gemeinsame Geschichte der Familien Sichel und Madsack verläuft anders.

Ein Strohmann springt ein

Hermine Sichel (Jahrgang 1858) hält zu Beginn der Nazi-Zeit die Anteile der Bankiersfamilie. Antisemitische Nazi-Gesetze lassen der Jüdin jedoch keine Chance, sich weiter an einem Pressehaus zu beteiligen. Sie verkauft – jedoch nicht an Erich Madsack, der die Leitung des Hauses 1933 übernehmen muss, als sein Vater überraschend stirbt. Die Beteiligung geht vielmehr für 207 600 Reichsmark an einen Rechtsanwalt namens Traudes. Ihn hat Hermine Sichel nach allem, was die Unterlagen zeigen, zusammen mit Madsack und weiteren Kommanditisten als Treuhänder ausgesucht. Ein Strohmann, so scheint es, um den NS-Vorgaben gegen Juden Genüge zu tun. Das geht eine ganze Weile gut; über Umwege erhält Hermine Sichel nach späteren Berichten weiterhin ihre Erträge aus dem Unternehmen. Doch die Zeitzeugen erinnern auch: Der Druck auf den intellektuellen, bei den Machthabern nicht eben beliebten Erich Madsack und seinen „Anzeiger“ wächst. Schließlich wird der Verlag in drei Teile zerschlagen. Eine von den Nazis dominierte Gesellschaft („Vera“) kauft die Mehrheit am „Anzeiger“. Madsack blieben der Spezialverlag „Land und Garten“ und eine Immobilienverwaltung. Damit ist auch die Treuhänderkonstruktion für die Sichels nicht mehr zu halten. Rechtsanwalt Traudes gibt seine pro forma gehaltenen Anteile am „Anzeiger“ für 132 000 Reichsmark an die Nazi-Gesellschaft ab und verkauft im September 1938 auch die Beteiligung an „Land und Garten“ für 131 000 Reichsmark an die Brüder Erich und Paul Madsack. Das Geld landet den verbliebenen Papieren zufolge verschleiert dort, wo es hingehört: auf Konten der Familie Sichel. Doch irgendwann zerreißt das Band. Die Mörder im Staatsauftrag haben längst auch die betagte Hermine Sichel auf ihren Listen. Ihr gelingt 1939 mit einer Tochter noch die Flucht nach Holland, sie stirbt 1943 im KZ Westerbork. Die Tochter wird deportiert und später in Sobibor umgebracht. An beide erinnert heute ein „Stolperstein“ in der Frankfurter Palmengartenstraße.

Und nach dem Krieg? Erich Madsack zögert, als Erben der Familie Sichel Ansprüche geltend machen. Man trifft sich kurz vor Gericht – um am Ende einen einvernehmlichen Vergleich zu schließen, mit dem die Familie Sichel 1952 eine neuerliche von Madsack gewährte Unterbeteiligung von 12 Prozent im Verlag antritt. Begleitet von einem Schreiben Julius Sichels, in dem er auf 2 Prozent gleich wieder zugunsten Madsacks verzichtet – „aus Achtung vor der Leistung“ des Verlegers, der das „Verlagsschiff ...“ „aus dem Sturm in den Hafen gebracht habe“. Auch das Wort „Dankbarkeit“ findet sich in dem Schreiben der jüdischen Erben an Erich Madsack.

Ein Postfach in Australien

Später endet das wirtschaftliche Engagement der Familie Sichel beim Zeitungshaus nach und nach. Immer wieder werden Anteile an die Madsacks verkauft; auch die Unterbeteiligung der Familie Herzberg löst die Verlegerfamilie 1957 ab. Im Jahr 1973 schließlich ist lediglich noch ein Sichel-Erbe bei Madsack beteiligt – Thomas Foulkes. Dem in Melbourne lebenden Nachkommen gehören etwa 0,2 Prozent der Verlagsgesellschaft. Die Distanz ist groß, der Kontakt bleibt spärlich. Zuweilen fehlen sogar Angaben zu Konten, auf die seine Gewinnanteile hätten überwiesen werden können.

Erich Madsacks Witwe Luise legt dennoch jedes Jahr einen „Sichel-Anteil“ aus ihrem Gewinn beiseite, ihre Tochter Sylvia setzt das fort. Einige Jahre und diverse Kontaktversuche später kündigt Madsack 1999 dann die Unterbeteiligung. Ein einziges Mal noch rührt sich Thomas Foulkes: In einem Fax widerspricht er der Kündigung. Dann verliert sich seine Spur.

Sylvia Madsack treibt diese Geschichte, in der Familie und Unternehmen vielfach verzahnt sind, stetig um. Privat beauftragt sie einen Historiker, lässt nach Fakten und Belegen suchen – auch, aber nicht nur zum Umgang mit den jüdischen Partnern ihres Vaters und ihres Großvaters. Doch die Arbeit stockt immer wieder. Jahr um Jahr vergeht, ohne dass sie ein druckbares Ergebnis erhält. Am Ende fließt ein Honorar und man einigt sich auf Stillschweigen – über die Qualität der Forschungsarbeit.

Was blieb von der Familie Sichel? Am Ende der Kette steht nun offenbar der australische Psychiater Paul Foulkes, ein Sohn von Thomas Foulkes. Er ist es, nach dem Sylvia Madsack hat suchen lassen, ihm gilt der Brief aus dem Jahr 2009 an ein Postfach in Melbourne. Doch auch er schweigt, wenn Madsack den Kontakt sucht. Seit Jahren. Sein Geld jedoch liegt bereit. Immer noch und weiterhin.

Von Hendrik Brandt

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