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Warum Helene Fischer eine ganz Große sein könnte

Auf allen Kanälen Warum Helene Fischer eine ganz Große sein könnte

Helene Fischer ist auf allen Kanälen – dabei hätte sie das doch gar nicht nötig. Eine Art Liebeserklärung an eine, die völlig zu Recht Stadien füllt. Warum polarisiert sie trotzdem?Der Grund könnte ein Schlüsselerlebnis vor langer Zeit sein.

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Immer wieder dieses Fieber: Helene Fischer beim „CD-Releasekonzert“ in München.

Quelle: dpa

München. Beginnen wir mit zwei komplizierten Wörtern aus der Biologie. Das eine lautet: Ubiquist. Es bezeichnet Lebewesen, die in diversen Lebensräumen sehr gut zurechtkommen – wie der Kleine Kohlweißling zum Beispiel, ein hübscher Schmetterling. Oder Helene Fischer, ein anderer hübscher Schmetterling. Letzterer kommt sehr gut zurecht in Lebensräumen wie Film, Funk und Fernsehen, Internet, Konzertarenen, Regenbogenmagazinen und Werbespots für Kräuterbutter, Kaffee, Autos, Lammnappa-Lederjacken, Haarzeug, Uhren und Wollmützen.

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Helene Fischer ist auf allen Kanälen – dabei hätte sie das doch gar nicht nötig. Eine Art Liebeserklärung an eine, die völlig zu Recht Stadien füllt.

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Das andere Wort lautet: Euryökie. Es bezeichnet die Fähigkeit, viel auszuhalten, also sehr tolerant zu sein. Das sind wir alle. Wir halten viel aus, was Helene Fischers Ubiquität angeht in Film, Funk und Fernsehen, Internet, Konzertarenen, Regenbogenmagazinen und Werbespots für Kräuterbutter, Kaffee, Haarzeug ...

Die Dosis macht das Gift

Irgendwann jedoch gerät auch der euryökste Entertainmentkonsument an seine Grenzen. Dann nämlich, wenn er überfüttert wird. Wenn er immer wieder nicht dieses Fieber spürt. Sondern dieses diffuse Unwohlsein ob der medialen Allgegenwart des Schlagerschmetterlings, der Sterilität ihrer Lieder und der stumpfen Pennälerlyrik ihrer Texte („Ich traf dich auf der Straße / Im Anzug, frisch rasiert / Dein Blick war ganz verlegen / Was ist mit dir passiert?“). Die Dosis macht das Gift. Aber es gibt noch ein ganz anderes Problem: Künstlerisch steht der allseits beliebte „deutsche Volkskörper“ („Christ & Welt“) unter dem feuilletonistischen Dauerverdacht, aus Gründen der besseren Vermarktbarkeit unter seinen Möglichkeiten zu bleiben.

Das ist das Verwirrende an der faszinierenden Künstlerin Jelena Petrowna Fischer, die aus guten Gründen Stadien füllt: dass man ständig das Gefühl hat, es gehe der Welt etwas verloren, weil sie sich gegen Pop entschieden hat. Nicht, dass die Stammkundschaft sich darum scheren würde. Mario Barth macht Witze über Männer und Frauen. Helene Fischer singt unterkomplexe Lieder über Herzmenschenlebentanzenwelt. Punkt. Das Album „Farbenspiel“ verkaufte sich fast 2,5 Millionen Mal. Piccolöchen?

Makellos wie eine neue Küche

Seit ihrem ersten Fernsehauftritt am 14. Mai 2005 wirkt die Sirene aus Krasnojarsk so perfekt und engelsgleich, als hätte sie nie Schnupfen, Rücken, Schluckauf oder auch nur eine Fluse auf dem Body. Sechsstündige Liveaufzeichnungen zieht sie mit der Disziplin einer Musiksoldatin eisern durch. In jeder Sekunde topfit. Ein äußerlich bruchfreies Leben, makellos wie die spiegelglänzende Arbeitsfläche in einer neuen Küche mit automatischem Schubladeneinzug. Ihre Gelüste halte sie mit Reiswaffeln im Zaum, meldet AFP. „Professionell“, staunt die Kundschaft.

Heute Abend gibt’s den Profi Helene wieder zwei Stunden lang im Fernsehen. In „Helene Fischer – Die neuen Lieder“ geht’s in der ARD um Helene Fischers neue Lieder. Es ist eine 105-minütige Aufzeichnung des „CD-Releasekonzerts“ Ende Mai im Münchner Kesselhaus vor 800 Zuschauern. Eine öffentlich-rechtliche Werbeshow für Helene Fischers insgesamt 15. Album „Helene Fischer“. Sie trat im Begleitprogramm zum Eurovision Song Contest auf, in der „NDR-Talk Show“, im ZDF bei Carmen Nebel, bei Pro7 beim Finale von „Germany’s Next Topmodel“ und bei RTL in Thomas Gottschalks gefloppter Show „Mensch, Gottschalk“.

Maximale Wirkung mit minimalen Mitteln

Die Wirtschaftskunde lehrt, dass jedes Überangebot die Nachfrage verringert. Willst du was gelten, mache dich selten, sagt der Volksmund. Zwar ist es nicht so, dass Platten- und Ticketgeschäft nicht laufen würden. „Helene Fischer“ war in Deutschland das sich am schnellsten verkaufende Album seit Herbert Grönemeyers „Mensch“ (2002). Korbgersterbrot verkauft sich ja auch gut. Man weiß als Kunde einfach, was man bekommt. Man darf die Pfiffe beim DFB-Pokalfinale nicht überbewerten. Es ging schon hauptsächlich um Kritik an der Eventisierung des Fußballs. Aber viele dürften auch gespürt haben, dass die 32-Jährige da unten in diesem Rollkragenpulli auf dieser lausigen Bühne, umtänzelt von ein paar übermotivierten Hüpfern, versuchte, mit minimalen Mitteln maximale Wirkung zu erzielen. Dabei hat sie solch lieblose Baumarkteröffnungsästhetik, solch halb gare Marketingstunts doch gar nicht nötig.

Für Fischerfans sind Fischer-Kritiker bloß Neider, Nörgler, Niederschreiber. Sie sehen Fischer als duldsame Schmerzensfrau des Schlagers, die sich mit heiliger Askese auf dem Altar der leichten Muse opfert. Die herabgestiegen ist aus dem Olymp der Kunst zu den „Menschen im Lande“. Und deren Dankbarkeit dafür, dass Fischer sich zu Schlager nicht zu fein war, ist grenzenlos. Die Folge: Es ist „ihre“ Helene, die sie mit Zähnen und Klauen verteidigen. Helene Fischer – die Rita Süssmuth der arbeitenden Bevölkerung.

Als Carolin Kebekus beim Deutschen Comedypreis an der Decke baumelnd im roten Glitzereinteiler Fischers „Atemlos“-Stunt parodierte, kam es zu wütenden Attacken von „Helene-Fischer-Ultras“ (Kebekus). Satire ist eben „eine Kunst von Leuten, die darauf trainiert sind, für Leute, die darauf trainiert sind“, wie Harald Schmidt mal sagte. „Ich habe Angst vor der“, sagt Kebekus über Fischer. „Die ist so perfekt. Ist das das neue Frauenbild? Dass man nur noch süß und perfekt ist?“

„Und dann habe ich geheult im Auto“

Niemand muss Angst vor Helene Fischer haben. Eher muss man Angst um Helene Fischer haben. In der Dokumentation „Allein im Licht“ erzählt sie von einem Schlüsselerlebnis in der Frühphase ihrer Karriere: Nach einem Gespräch mit dem Schlager-Übervater und Produzenten Jean Frankfurter alias Erich Ließmann, in dem der ihr riet, Schlager zu singen, habe sie einen „nachdenklichen Moment gehabt“, sagt sie da. „Ich saß im Auto und dachte so: Ist das wirklich meine Musik?“ Sie habe mit sich „gehadert“, erzählt sie. „Und dann kam auch noch ein Song im Radio, ein Lied, das mich immer berührt hat, eine schwere, schöne Ballade, und ich hatte Angst, dass ich diese Lieder, die ich so gerne singe, nicht mehr haben darf. Und dann habe ich geheult im Auto.“ Es war – so ehrlich muss man sein – die Entscheidung für den Kommerz und gegen die Kunst. Sie habe den Schlager dann aber lieb gewonnen. Doch, echt.

Es gibt für erfolgreiche Künstler immer zwei Möglichkeiten: Entweder wagen sie den behutsamen Vorstoß in neue Gefilde, ohne die treue Altkundschaft zu verschrecken. Oder sie melken die Kuh mit Variationen des Immergleichen, bis sie keine Milch mehr gibt. Es sieht so aus, als habe Helene Fischer sich entschieden. Man würde ihr wünschen, sich noch mal an das heranzutasten, was da möglicherweise an alten Wünschen in ihr schlummert. Stattdessen nimmt sie mit, was geht. Atemlos. Die Hölle morgen früh ist ihr egal.

Von Imre Grimm/RND

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