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Die Untoten von Fukushima

Fünf Jahre nach Reaktorkatastrophe Die Untoten von Fukushima

Fünf Jahre nach der Reaktorkatastrophe behandeln viele Japaner die Menschen aus Fukushima wie Aussätzige. Sie nennen sie Hibakusha, wie früher die Opfer von Hiroshima. Ein Besuch in der Strahlungszone.

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Neue Straßen werden gebaut, die Strahlenangst bleibt: Ein Dorf in der Region Fukushima heute (rechts) und vor fünf Jahren.

Quelle: dpa

Fukushima. Wenn Yuuya Kamoshita von Fukushima berichtet, spricht er fast nur in der Vergangenheit.

"Die Früchte dort schmeckten so gut."

"Nie musste ich Fisch kaufen. Ich fischte selbst."

"Unser Haus war viel größer als das heute."

Meistens blickt der Familienvater dabei auf den Boden. Er hat es sich ja nicht ausgesucht. Die kurze Version seiner Geschichte erzählt er so: "Das Erdbeben und den Tsunami hatten wir noch überdauert, unser Haus war nicht beschädigt. Aber als die Kernschmelzen begannen, packten wir Klamotten und Proviant für einen Tag und fuhren zu den Eltern meiner Frau nach Yokohama."

Schlimmer als jede Naturkatastrophe vorher

Die Kamoshitas dachten damals, es werde nur ein kurzer Trip werden, um die zwei jungen Kinder in Sicherheit zu bringen. Nun sind fünf Jahre vergangen und das Haus in Iwaki, einer Großstadt 40 Kilometer südlich des havarierten Atomkraftwerks Fukushima Daiichi, steht noch immer leer. Ein Käufer dafür findet sich nicht. Zu viel hat sich verändert, seit Japan am 11. März 2011 zuerst von einem Erdbeben der Stärke 9,0 erschüttert, dann von einem bis zu 20  Meter hohen Tsunami überschwemmt und einen Tag später auch noch von drei atomaren Kernschmelzen verstrahlt wurde.

An der Ruine des Atomkraftwerks steigt die Strahlenanzeige auch heute noch auf über 200 Mikrosievert pro Stunde – zu gefährlich, um sich dort lange aufzuhalten. Vor fünf Jahren lag der Wert noch einige Hundert Male höher. Keine Naturkatastrophe in der Geschichte des Landes hatte schwerere Folgen. 300.000 Menschen mussten evakuiert werden, 100.000 Japaner leben bis heute fern von ihrer einstigen Heimat. Erdbeben und Tsunami forderten 20.000 Tode.

 

Japan will trotzdem an der Kernkraft festhalten

Das Atomunglück hat offiziell bisher keinen einzigen Menschen getötet. Auch deshalb erklärte Ministerpräsident Shinzo Abe nun, zum fünften Jahrestag der Katastrophe, erneut, an der Nuklearenergie festhalten zu wollen. An indirekt durch den Super-GAU erklärten Todesfällen aber, wie depressionsbedingte Selbstmorde oder Folgen von Evakuierungen, zählt die Regierung mehr als 2000 Fälle.

Und dann sind da Menschen wie Yuuya Kamoshita, seine Frau und die zwei Kinder. Sie könnten sich glücklich schätzen, mit dem Leben davongekommen zu sein. Aber nach einigen Tagen merkten sie, dass die Katastrophe auch ihre alten Leben hatte verschwinden lassen. "Man sieht uns wie Untote", flüstert Kamoshita.

In einem altmodischen Café im Zentrum Tokios, leise Jazzmusik spielt, die Wände sind hellbraun, sitzt Kamoshita mit dem Rücken zur Wand. Der Biologe will lieber nicht erkannt werden, schließlich kommt er öfter hierher. "Ich hatte damals Glück, in Tokio schnell einen neuen Job als Universitätsdozent zu finden", sagt er. "Aber Freunde habe ich hier keine."

Japaner haben Angst vor den Überlebenden

Ein paar Mal erlebte Yuuya Kamoshita, wie neue Bekannte zurückschreckten, als doch rauskam, dass er ein Evakuierter aus Fukushima ist. "Die Menschen haben Angst vor der Strahlung. Sie haben Angst vor uns." Jetzt meidet er soziale Anlässe. Der ältere Sohn wechselte schon die Schule, weil er gehänselt wurde.

Die Nuklearkatastrophe hat so etwas wie eine neue Schicht geschaffen. Menschen, die aus Angst vor Diskriminierung ihre Heimat verheimlichen und sich so zu Außenseitern machen. Sie haben ihre Biografie umgeschrieben, schon Kinder verschleiern ihre Herkunft.

Die Hibakusha fanden selten Jobs

In Japan kennt man das Problem mit den Aussätzigen aus der Geschichte, sie haben sogar einen Namen. Hibakusha nannte man nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Überlebenden der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki.

Zeitungen druckten Bilder von Hautverbrennungen der Opfer, in der ersten Generation von Kindern gab es ein erhöhtes Vorkommen strahlungsbedingter Krankheiten. Diejenigen, die nicht betroffen waren, mieden die Hibakusha, diese neue Gruppe, die oft keine Jobs und keine Partner fand. Viele zogen in andere Städte, verschwiegen dort ihre Erlebnisse, nahmen die Geheimnisse ihrer Herkunft mit ins Grab. Wiederholt sich diese Geschichte gerade?

Eine Million Einwohner durften bleiben

In Hiroshima und Nagasaki ist die Sache der Hibakusha längst ein Forschungsfeld. Seit dem Super-GAU vor fünf Jahren unterhält auch die Universität Fukushima ein neues Institut. Es liegt im Zentrum von Fukushima-City, 80 Kilometer westlich der Atomruine.

Fuku­shima-City wurde nie evakuiert, wenngleich auch hier hohe Werte gemessen wurden. Böse Zungen vermuten eine pragmatische Entscheidung – um große Evakuierungen zu vermeiden: Kurz hinter dem 30-Kilometer-Radius des Kraftwerks, innerhalb dessen überall Zwangsevakuierungen durchgeführt wurden, liegen mit Fukushima-City, Koriyama und Iwaki drei Großstädte, die gemeinsam eine Million Einwohner zählen. Sie durften bleiben, obwohl niemand weiß, wie sicher es ist.

Menschen legen großen Wert auf Ruhe

So ist auch in Fukushima-City, der Hauptstadt der Präfektur, Angst ein häufiger Begleiter. Forscher wollen dabei helfen, zumindest die aus wissenschaftlicher Sicht überzogenen Sorgen zu lindern. In einem tiefen Sessel sitzt Sura Nakata, die Leiterin des Uni-Instituts für die Erholung von der Katastrophe. "Von den Erfahrungen aus Hiroshima und Nagasaki könnten wir viel lernen", sagt die Frau im schwarzen Kostüm. "Wir suchen hier nach Wegen, den jungen Menschen beizubringen, was Strahlung bedeutet und warum die betroffenen Menschen nicht ausgegrenzt werden sollten."

Einfach ist das nicht. Die Bilder im Fernsehen sind dramatisch, die überlieferten Geschichten aus Hiroshima und Nagasaki tragisch. Sie stören die harmonische Ruhe des Alltags, auf die man in Japan großen Wert legt. "Menschen, die Strahlung ausgesetzt wurden, bekommen nicht automatisch Krebs oder werden krank", beteuert Sura Nakata. "Einige Menschen können bei geringer Strahlung krank werden, Anderen tun höhere Werte nichts an. Und Menschen sind nicht automatisch in Gefahr, wenn sie jemandem gegenüberstehen, der Strahlung ausgesetzt war." Das müsse die Gesellschaft lernen.

Eine Frau wird als Strahlenschmutz beschimpft

Wie kann das gelingen? Eine Autostunde entfernt von Fukushima bestellt Miyoko Watanabe mit gebücktem Rücken das Feld vor ihrem Haus. Sie baut Kohl an, wie früher schon, bevor sie aus ihrem Heimatdorf evakuiert wurde. Mit der Entschädigungszahlung der Regierung baute sie sich ein neues Haus in Tamura, einer nahen, bergigen Kleinstadt, 50 Kilometer von der Atomruine.

Tamura selbst wurde erst vor Kurzem nach schweren Dekontaminierungsarbeiten zur Rücksiedlung freigegeben. Trotzdem ist Miyoko Watanabe, die aus einem weiterhin evakuierten Dorf kommt, in Tamura eine Außenseiterin. "Die Leute sagten, der Strahlenschmutz solle dort bleiben, wo es schmutzig ist. Sie meinten mich."

"Ich traute der Regierung nicht"

Als sie ihre Heimat verließ, reiste die Großmutter gemeinsam mit ihrer damals zehnmonatigen Enkelin nach Hiroshima, um sich über die Bedeutung radioaktiver Strahlung zu informieren. "Ich traute den Angaben der Regierung nicht. Die sagten immer, es gebe keine Probleme."

Miyoko Watanabe besuchte die Ausstellung über Radioaktivität in Hiroshimas Friedensmuseum und hörte die Zeugnisse der Hibakusha nach den Atombomben an. "Das bereitete mich darauf vor, was kommen könnte", sagt sie heute. Zurück in Fukushima lief sie mit einem Geigerzähler durch die Dörfer ihrer Nachbarschaft, um ihre eigenen Messungen zu machen, weil sie denen der Regierung nicht traute.

Plastiksäcke voller verstrahlter Erde

Ihr heutiges Grundstück war auch deshalb günstig zu haben, weil es zu den verstrahlten Gebieten nicht weit ist. Das Gemüsefeld mit dem Kohl liegt direkt vor einem Berg, der Tamura vor der Radioaktivität in anderen Orten beschützt.

Ob sie Angst hat? "Nicht mehr um mich selbst. Ich will meine Geschichte auch nicht mehr verheimlichen, um anderen zu gefallen", sagt sie mit Stolz in ihrer Stimme. Wenn sie dadurch weniger Freunde hat, sei Miyoko Watanabe das egal. "Aber um meine Enkeltochter mache ich mir Sorgen. Ich hoffe, dass sie viele Freunde findet. Aber es kann sein, dass sie es nicht leicht haben wird."

Auch in der Präfektur Fukushima selbst fällt die ökonomische Erholung aus. Ganze Landschaften sind auch nach fünf Jahren übersät mit großen schwarzen Plastiksäcken voller verstrahlter Erde. Es gibt Berichte über Säcke, die schon gerissen sind, auch hier geht die Angst um. Diejenigen, die trotzdem in die evakuierten Gebiete zurückziehen wollen, sind vor allem Ältere. An Investoren, Betrieben, jungen Menschen mangelt es. Viele werden nie zurückkommen.

"Unser Leben in Fukushima ist vorbei"

"Seit unserer Flucht bin ich nur alle paar Monate mal im alten Haus, um noch Dinge zu holen", sagt Yuuya Kamoshita leise im Café, um die Klänge der Jazzmusik nicht zu übertönen. "Unser Leben in Fukushima ist vorbei."

Bald muss Yuuya Kamoshita wieder hin. Trotz der hohen Strahlungswerte und trotz der vielen freiwilligen Evakuierungen aus der Stadt hat die Regierung den Ort für bewohnbar erklärt. Neben Yuuya Kamoshitas altem Haus wurden temporäre Unterkünfte für Zwangsevakuierte aus unmittelbarer Nähe zum Kraftwerk gebaut. Und als Grundstückseigentümer muss man in Japan regelmäßig den Gehweg fegen. Für die gute Nachbarschaft.

Von Felix Lill

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