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Wie Edward Snowden Journalisten über die NSA-Spähtechnik berichtete

Protokoll einer Enthüllung Wie Edward Snowden Journalisten über die NSA-Spähtechnik berichtete

Zuerst flog Laura Poitras nach New York. Die Journalistin wollte ihren Informanten treffen – von dem sie bislang wenig wusste. „Ich dachte, ich fahre von da mit dem Zug zum Treffpunkt weiter, vielleicht in irgendeinen anonymen Vorort von Washington D. C.“, sagt Poitras und lacht.

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„Es geht hier nicht um mich. Diese Sache geht uns alle an“: Edward Snowden scheint der Rummel um seine Person eher unangenehm – er nimmt ihn in Kauf, um vor Gefahren der Überwachungsmaschinerie zu warnen.

Quelle: Praxisfilms

New York. Es kam anders: Ihrem Informanten war eine Begegnung innerhalb der USA zu gefährlich. Er lotste sie über geheimnisvolle Erkennungszeichen, wie sie sonst nur in Spionage­romanen üblich sind, in ein Hotelzimmer in Hongkong.
Dort trifft Poitras auf einen Mann mit seltsamen Gewohnheiten: Er zieht das Telefonkabel aus der Wand, bevor er offen redet. Seinen Kopf steckt er mitsamt Laptop unter eine Art Vorhang, wenn er tippt. Wer weiß schon, welcher Geheimdienst in den Hotelturm hineinspäht! Und trotzdem wirkt der Mann auf Poitras alles andere als paranoid. Er kennt bloß die technischen Möglichkeiten der anderen Seite – schließlich hat er bislang selbst für seine jetzigen Gegner gearbeitet.

Der Mann spricht ruhig, entschlossen, abgeklärt. Er weiß offenbar, welche Konsequenzen sein Handeln für ihn hat: Gerade ist er dabei, die seiner Ansicht nach potenziell größte Unterdrückungsmaschinerie aller Zeiten zu enthüllen – die massenhafte Überwachung digitaler Daten durch die US-Geheimdienste. Der Mann heißt Edward Snowden, für Freunde einfach Ed.

Der Zuschauer wird Zeuge eines historischen Moments

Nun endlich lernen wir Edward Snowden näher kennen – weißes T-Shirt, barfuß, mit Bartstoppeln im jungenhaften Gesicht. Die Dokumentarfilmerin Poitras war acht Tage lang mit der Kamera dabei, als der Geheimdienstler zum Whistleblower wurde. Wir werden Zeuge eines jener Momente, die man historisch nennt. Edward Snowden hat mit seinen Enthüllungen die Welt verändert – in diesem Film kommt man ihm so nah wie nie zuvor.

In einem Büro in einem Hinterhof in Berlin-Friedrichshain gibt Poitras nun Auskunft über ihren Film „Citizenfour“  – so lautete Snowdens Deckname. Gezielt hatte er sich die 52-Jährige als Kontaktperson ausgesucht. Poitras war ihm mit ihren kritischen Filmen über die Folgen des 11. September aufgefallen, Filme wie „Irak – Mein fremdes Land“ und „Der Eid – Einblicke in das Al-Kaida-Netzwerk“.  Seitdem stand Poitras auf einer staatlichen „Watchlist“ und wurde an jedem US-Flughafen einer Spezialkontrolle unterzogen – bis sie 2012, also noch vor dem ersten Snowden-Kontakt, nach Berlin umzog, um nicht ständig befürchten zu müssen, dass ihr Filmmaterial konfisziert wird. Die deutsche Hauptstadt kannte sie von der Berlinale, und die deutschen Gesetze schienen ihr sicherer als die amerikanischen. Von Berlin aus flog sie auch nach New York.

In der ersten E-Mail hatte Citizenfour geschrieben: „Ich verspreche Ihnen, dass das keine Zeitverschwendung für Sie ist.“ Er sollte recht behalten. Mit im Zimmer in Hongkong saßen zwei Journalisten des britischen „Guardian“. ­Einer von ihnen war Glenn Greenwald. Seine Berichte bestimmten im Juni 2013 sämtliche Schlagzeilen und TV-Nachrichten.

Snowden hockt im Film meist auf dem Bett. Er sagt: „Es geht hier nicht um mich. Diese Sache geht uns alle an.“ Er will verhindern, dass seine Person für die Medien wichtiger wird als die Inhalte, die er mitzuteilen hat. Er weiß aber auch, dass sein Name früher oder später enthüllt wird. Deshalb tritt er die Flucht nach vorn an und fordert die Journalisten auf, seine Identität preiszugeben.

Ein packender Thriller

So will er die Personen in seinem Umfeld schützen, vor allem seine Freundin Lindsay Mills. Auffallend unauffällige Baufahrzeuge stünden vor seiner Wohnung herum, mailt Mills ihm nach Hongkong. Mills wurde verhört. Nun verliert Snowden doch seine Ruhe. „Was geschieht, das soll geschehen“, sagt er. Die Lawine ist ins Rollen gekommen.

„Citizenfour“ ist ein packender Thriller, den John Le Carré nicht besser hätte erfinden können. Wenn das Hotel den Feueralarm testet, rechnen die vier in Hongkong mit einer Falle. Und das tut auch der Zuschauer, egal, wie unaufgeregt Poitras filmt. Was in der Watergate-Affäre um Richard Nixon die Tiefgarage war, ist hier dieses Zimmer: ein konspirativer Ort, an dem staatliche Verbrechen ungeheuerlichen Ausmaßes an die Öffentlichkeit kommen. „Snowden ist ein enttäuschter Idealist“, sagt Poitras. Er habe darauf gehofft, dass Barack Obama die Geheimdienste in ihre Schranken weisen würde – aber das ist nicht geschehen. Das Internet, einst begrüßt als Ort der hierarchiefreien Kommunikation, hat sich für den Whistle­blower ins Gegenteil verkehrt.

Er sieht die Privatsphäre eines jeden bedroht – und damit eine beängstigende Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen Regierung und Regierten. Unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit hätten die US-Behörden nach dem 11. September das Kriegsrecht im Cyberspace ausgerufen. Snowden sieht sich nach eigenen Worten nicht als Märtyrer, sondern als Streiter gegen die Beschränkung intellektueller Freiheit. Er hofft, dass ihm andere Enthüller folgen.

Womöglich gibt es ja schon einen. In einer späteren Szene, gefilmt bei einem Treffen in Snowdens aktuellem Moskauer Exil, kritzelt der Journalist Greenwald einen – für den Zuschauer nicht lesbaren – Namen auf einen Zettel. Snowden ist sichtlich überrascht: Nach den Informationen einer neuen Quelle aus dem NSA-Apparat gibt es eine „Watchlist“, auf der die Daten von 1,2  Millionen US-Bürgern vermerkt sein sollen.

Das FBI fahndet inzwischen nach einem zweiten Snowden

Wie wir heute wissen, fahndet das FBI zurzeit tatsächlich nach einem zweiten Snowden. Mehr will Poitras in Berlin über den neuen Informanten nicht preisgeben, von dem Greenwald und sie als Erste berichtet hatten.

Die verschwörerische Filmszene mit dem ominösen Zettel wirkt wie ein Cliffhanger. Will Poitras etwa eine Fortsetzung drehen? „Ich wollte zeigen, dass die Geschichte noch lange nicht vorbei ist“, sagt Poitras. Nun müssten die Bürger entscheiden, wie viel Druck sie auf ihre Regierungen ausüben, um den Überwachungswahn zu stoppen. Bei vielen Menschen sei dank Snowdens Enthüllungen ein Bewusstseinswandel im Umgang mit digitalen Daten erkennbar, in der Politik lasse der noch auf sich warten. Jedenfalls in den USA. Den NSA-Untersuchungsausschuss in Deutschland wertet sie als hoffnungsvolles Zeichen.

Sollte Snowden vor dem Ausschuss aussagen? „Wenn er die nötigen Sicherheiten bekommt, dann ja“, sagt Poitras. Momentan versuche er, den Blick nach vorn zu richten. Seine Freundin ist zu ihm nach Moskau gezogen. Snowden arbeitet an digitalen Werkzeugen, die die Privatsphäre im Internet besser schützen.

Das ist dringend nötig, wie Poitras in Hongkong von dem Mann mit den seltsamen Gewohnheiten gelernt hat: „Paranoia bezeichnet Gefahren, die gar nicht existieren. Wir reden hier aber von Risiken, die ganz real sind.“

Von Stefan Stosch

Der Film „Citizenfour“ kommt am Donnerstag, 6. November, in die Kinos.
 
Wie Snowden die Welt verändert hat – eine Bilanz

Die Empörung war gewaltig: Nach jeder Enthüllung des Whistleblowers Edward Snowden waren sich Bürger und Politiker einig: So darf es nicht weitergehen. Aber was hat sich wirklich verändert? „Der Einzige, der seinen Job verloren hat, ist Snowden selbst“, schreibt der Blogger und Autor Sascha Lobo. Die Schuldigen hingegen machten weiter wie zuvor. Tatsächlich scheint die Bilanz eher bescheiden.
Ein Überblick:

Bürger verschlüsseln mehr: Es gibt Anzeichen dafür, dass das Sicherheitsbedürfnis der Internetnutzer wächst. Immerhin neun Prozent aller Deutschen verschlüsseln inzwischen ihre E-Mails, 13 Prozent surfen sogar anonym. Der Anteil des verschlüsselten Datenverkehrs hat sich im vergangenen Jahr in Europa mehr als vervierfacht – wenn auch von niedrigem Niveau aus. Den meisten Nutzern sind Verschlüsselung und Anonymisierung zu aufwendig.
   
Konzerne werben um Vertrauen: Den großen Internetkonzernen  brachten die Enthüllungen einen mächtigen Imageschaden. Facebook etwa nutzt deshalb für seinen Datenverkehr nun das sicherere HTTPS-Protokoll, auch Google, Microsoft und Apple bauten ihre Verschlüsselungstechniken aus. Die Telekom garantiert ihren Kunden, dass Mails, die innerhalb Deutschlands versendet werden, nicht über Router im Ausland geleitet werden. Der Vorschlag, europäische Daten innerhalb des Schengen-Raums zu belassen, stieß allerdings auf Ablehnung: Kritiker halten die Abschottung für technisch kaum möglich.
   
US-Präsident ändert wenig: Barack Obama hat sich zwar die weitreichenden Vorschläge einer Expertengruppe angehört, aber bislang nur wenig umgesetzt. So sollen die Telefonverbindungsdaten aller US-Bürger nicht mehr durch die NSA, sondern von den Telefonanbietern gespeichert werden. Die NSA soll nur nach einem Gerichtsbeschluss Zugang zu den Daten erhalten. Die Veränderung betrifft also nicht die Speicherpraxis an sich, sondern nur, wer unter welchen Bedingungen Zugang erhält.
   
Bundesregierung kauft Krypto-Handys: Die Bundesregierung reagierte erst, als klar war, dass auch die Kanzlerin abgehört worden war. Als Reaktion wurden mehrere Tausend abhörsichere Mobiltelefone angeschafft. Ein No-Spy-Abkommen mit den USA ist allerdings gescheitert. Beim Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der NSA-Affäre erwarten Teilnehmer erst in zwei Jahren Ergebnisse.
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