Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Der Letzte seiner Art

Krisenmanager, Weltökonom und mehr Der Letzte seiner Art

Er war Hanseat durch und durch, vielfach erprobter Krisenmanager (Elbe-Hochwasser, RAF), Weltökonom, passionierter Raucher und schließlich Herr über die "Zeit": Stationen aus dem Leben von Helmut Schmidt.

Voriger Artikel
Zschäpe-Aussage wird verschoben
Nächster Artikel
Mitte-Rechts-Regierung in Portugal gescheitert

Krisenmanager und Weltökonom: Nur zwei der Etiketten für Helmut Schmidt.

Quelle: dpa

Der Hanseat

Mit Hamburg konnte er fast spielen. Wenn es ihm passte, kehrte Helmut Schmidt den Hanseaten kräftig heraus, dann stolperte er beim Reden über den spitzen Stein und trug die Lotsenmütze sogar bei Staatsbesuchen. Dass sie nach dem preußischen Prinzen Heinrich benannt war, spielte keine Rolle, und dass er sie erst als Kanzler für sich entdeckte, auch nicht. Schmidt sah Politik gern als „Kampfsport“ – und er wusste früher als andere, wie wichtig Bilder in dieser Auseinandersetzung sein können. Da war die Weltstadt Hamburg als Passepartout nicht die schlechteste Wahl. Seine Liebe zur Heimatstadt an der Elbe jedoch lag tiefer. Und sie hatte wenig mit den müden Klischees von näselnden Großbürgern in Goldknopfblazern zu tun. Im Zweifel machte er sich über sie lustig. Schmidt war kein Hanseat von der Alster, sondern einer von Herzen. Mit ihrer kühlen Strenge wie mit ihrer Liberalität hat die Stadt ihren Ehrenbürger (seine Ehefrau Loki war das auch) lange geprägt und nie ganz losgelassen. „Das ist unser Wille zu sein: Hamburg“ – so pathetisch hat es der Dichter Wolfgang Borchert in den Trümmern der unmittelbaren Nachkriegszeit geschrieben. Trotz allem. Helmut Schmidt gefiel das. So sah er es auch.

Der Krisenmanager

Es war die wohl schwierigste Phase seiner Amtszeit als Kanzler, der Herbst 1977. Die Mordserie der RAF hatte schon kurz vor Ostern begonnen, die Opfer waren Generalbundesanwalt Siegfried Buback und zwei seiner Begleiter. Im Juli töteten die Terroristen dann den Vorstandschef der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, und im September folgte die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Die Täter forderten die Freilassung der in Stuttgart-Stammheim einsitzenden RAF-Führung. Sie veröffentlichten Videos, in denen der entführte Schleyer – wohl unter Druck oder Einfluss von Drogen – darum bat, die Bedingungen der Entführer zu akzeptieren.

Schmidt berief den Krisenstab ein, die Oppositionsführung um Helmut Kohl und Franz Josef Strauß saß mit am Kabinettstisch. Vielen ist noch in Erinnerung, wie konsequent und eindringlich Schmidt damals ein Entgegenkommen an die RAF ablehnte. Seine Fernsehansprache am Abend der Entführung ist ein rhetorisches Meisterstück, er sprach über den „tiefen Zorn, über die Brutalität und den verbrecherischen Wahn der Terroristen“, der Staat müsse „mit aller notwendigen Härte antworten“. Schmidt wirkte über Wochen hart, unerschütterlich und geradlinig – und am Ende wurde er auch deshalb als vorbildlicher Krisenmanager gefeiert, weil er in der weiteren Eskalation den Einsatz einer Spezialeinheit der Polizei anordnete und damit Erfolg hatte. Die Terroristen hatten eine Lufthansa-Maschine entführt, um ihre Forderungen zu unterstreichen. Schmidt gab sein Okay zur gewaltsamen Befreiung der 82 Geiseln in der Maschine, die in Mogadischu gelandet war. Der Flugkapitän war von den Terroristen ermordet worden, alle anderen Geiseln konnten gerettet werden. Schleyer aber wurde von seinen Entführern umgebracht – Schmidt, der schon bei der großen Hamburger Flut 1962 als Krisenmanager gekonnt agiert hatte, festigte dennoch seinen Ruf als starker, unerschütterlicher Kanzler.

Es war ein Lernprozess. Zwei Jahre zuvor, bei der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz, hatte der Staat noch nachgegeben – auch unter Schmidts Verantwortung. Außerdem gab es bei der Schleyer-Entführung gravierende Pannen, wie später bekannt wurde. Ein Hinweis auf das Versteck in Köln versandete im Informationssystem der Polizei. Schmidt selbst konnte das nichts mehr anhaben.

Der Weltökonom

In den Siebzigerjahren trat Helmut Schmidt gerne als „Weltökonom“ auf. Der Diplom-Volkswirt war im Juli 1972 als Nachfolger von Karl Schiller Finanz- und Wirtschaftsminister geworden, nach der Bundestagswahl 1972 wurde dieses Superministerium aufgelöst, Schmidt blieb Finanzminister. Als er 1974 Kanzler wurde, erschütterten Ölkrise und weltweite Rezession Deutschland. Manche loben, es sei seiner Weitsicht zu verdanken, dass die Bundesrepublik die Krisen besser als andere Länder überstanden habe. Andere kritisieren, seine wirtschaftspolitischen Maßnahmen seien weitgehend wirkungslos geblieben, milliardenschwere Konjunkturprogramme seien verpufft.

Doch viele Leistungen sind unbestritten: Zusammen mit dem französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing initiierte er die Weltwirtschaftsgipfel, um künftigen Krisen effektiv begegnen zu können. Zugleich nahm er die politische und wirtschaftliche Ordnung Europas in den Blick: Wieder gemeinsam mit den Franzosen gelang in seiner Amtszeit die Einführung des Europäischen Währungssystems und der Europäischen Währungseinheit. Das waren die Grundlagen für die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion, die Europa den Euro brachte – und Deutschland nach Einschätzung Schmidts wirtschaftliche Stabilität bescherte.

Auch nach seiner politischen Karriere ging er Debatten um die globalen Wirtschaft nicht aus dem Weg. Im Gegenteil, er suchte sie. Vor einigen Jahren sorgte er mit einem Rundumschlag gegen Hedgefonds und andere Heuschrecken für Aufsehen: All diese Großspekulanten müsse man stärker kontrollieren, forderte Schmidt. Damit traf er die Stimmung sehr vieler Menschen, manch ein Kritiker fand jedoch, dass nun der „Weltökonom“ in Gestalt des „Besserwissers“ zurückgekehrt sei.

Die Marke

Der Dunstkreis aus Zigarettenqualm war seine Korona, ließ ihn im Alter weltentrückt wirken, über den Dingen schwebend wie der Geist Gottes über den Wassern. Das exzessive Rauchen – entgegen dem asketischen Furor unserer Zeit – verstärkte noch den Eindruck, Helmut Schmidt sei der Letzte seiner Art. Am Ende dürfte es um die eine Million Zigaretten gewesen sein, die Schmidt in seinen 96 Lebensjahren geraucht hat. 200 Stangen „Reyno Menthol“ habe er gebunkert, als die EU 2013 Mentholzigaretten verbot, erzählte Peer Steinbrück mal. 38 000 Zigaretten, das hätte bis zu seinem 100. Geburtstag gereicht.

Es waren die kleinen Symbole der Unbeugsamkeit, die ihn zur Autorität machten, im hohen Alter behutsam umschwärmt von vertrauten Journalisten wie Sandra Maischberger oder Giovanni di Lorenzo. Der tiefe Seufzer vor jedem Satz. Der Luxus, sich der allgemeinen Hektik zu verweigern. Die leicht nölige Sprache, von Loriot in jenem berühmten „Zeit“-Werbespot zähnefletschend parodiert („Ich verstehe wie gesagt meine Wasserrechnung nicht“). Die konsequente Ablehnung von Unfug, die erst mit der Altersmilde aufweichte.

Das Publikum liebte ihn für seine Haltung, für die Tatsache, dass er bis zuletzt mit großer Selbstverständlichkeit die Richtlinienkompetenz für sich beanspruchte, als sei er noch Kanzler. Sonderrechte inklusive: Nach einer OP wurde er im Krankenhaus um 6 Uhr geweckt. Empörung. Die Folge: eine bundesweite Debatte über die Weckzeiten in Kliniken. Schmidt darf bis sieben schlafen. 1980 gibt’s ein Knöllchen für den Kanzler-Daimler. Schmidt lässt prüfen. Ergebnis: Der Kanzlertransport ist eine hoheitliche Aufgabe. Er darf überall parken.

Unverwechselbarkeit verschaffte ihm Narrenfreiheiten. Schmidt war Maßstab seiner selbst, als Stilikone bewundert auch vom jungen Harald Schmidt. „Das ging so weit, dass ich Ihre Frisur haben wollte“, sagte der eine Schmidt in seiner Laudatio zum 90. Geburtstag des anderen Schmidt – „diesen präzisen Scheitel. Das habe ich dann aufgegeben.“ Ob er mal eine elektronische Zigarette probiert habe, fragte Sandra Maischberger. „Hab’ ich nicht“, sagte Schmidt. „Warum sollte ich Dummheiten machen?“ Es war das Credo seines Lebens, das ihn zur Marke machte.

Von Hendrik Brandt, Klaus Wallbaum, Udo Harms und Imre Grimm

Ein Mann geht mit der „Zeit“

Es gibt viele Journalisten, die Politiker wurden, aber relativ wenige, die den umgekehrten Weg gegangen sind. Helmut Schmidt war hierzulande der prominenteste Vertreter dieser Spezies. Mit der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ hatte er als Herausgeber eine Bühne und ein intellektuelles Umfeld, um seine Thesen zu Wirtschaft und Politik unters Volk zu bringen.

Reibungslos verlief der Wechsel 1983 nicht. Manch ein selbstbewusster „Zeit“-Redakteur befürchtete die Sozialdemokratisierung seines Blattes – ein Trugschluss, wie sich rasch herausstellte. Helmut Schmidt verstand es zu überzeugen. Theo Sommer, sein Weggefährte bei der „Zeit“, schildert im Buch „Unser Schmidt: Der Staatsmann und Publizist“, wie der Altkanzler in einer „hochemotionalen Konferenz“ so argumentierte, dass einige Redakteure am Ende etwas ganz anderes vertraten als zu Beginn. „Er kam mir vor wie ein Adler, der eine Maus in die Ackerfurche jagt“, kommentierte anschließend Mitherausgeberin Marion Gräfin Dönhoff den Vorfall.

Wann immer er konnte, nahm der Altkanzler an den Konferenzen teil. Legendär waren im holzgetäfelten Konferenzraum seine Beiträge zur Weltlage, manchmal langatmig ausschweifend, aber immer kenntnisreich und – als elder statesman konnte er sich stets auf Informationen aus erster Hand berufen.

Schmidt wurde mit der Zeit omnipräsent: Vorträge, TV-Talkshows und schließlich die „Zeit“-eigene Gesprächsreihe „Auf eine Zigarette mit...“, in der Chefredakteur Giovanni de Lorenzo kongenial die Stichworte lieferte. Nur dem Internet konnte Schmidt nichts abgewinnen. „Ich empfinde es als bedrohlich.“ Aber er sagte auch: „Es hat Zukunft.“

Von Rüdiger Ditz

Kondolenzbuch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Anschläge in Paris

©dpa

Die Karikatur des Tages

Zum Schmunzeln und Kopfschütteln: So sehen Karikaturisten die Welt.