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Flüchtiger JVA-Insasse wollte nicht hinter Gittern sterben

„Das gibt wieder 'ne Kollektivstrafe“ Flüchtiger JVA-Insasse wollte nicht hinter Gittern sterben

Die Flucht eines Insassen der Justizvollzugsanstalt Rosdorf bei Göttingen hat Folgen – nicht nur für die Behörden. „Das gibt wieder 'ne Kollektivstrafe“, fürchtet Mithäftling Arne A. Am Donnerstag war der 63 Jahre alte Verbrecher Fritz S. während eines begleiteten Freigangs in Hannover im Gedränge der Einheitsfeierlichkeiten verschwunden.

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Flucht eines Insassen der Justizvollzugsanstalt Rosdorf bei Göttingen.

Quelle: Hinzmann

Rosdorf. Er wurde von einer Justizbeamtin begleitet, die ihn aber allein auf die Männertoilette gehen lassen musste. Seitdem wird S. gesucht. Der Geflohene gilt unter den derzeit 37 Sicherungsverwahrten in Rosdorf als Einzelgänger. Im Mai war er nach Verbüßung einer vierjährigen Haftstrafe in den JVA-Trakt für Sicherungsverwahrte aus ganz Niedersachsen gezogen.

Er sei „nicht mehr voll auf der Höhe, auch gesundheitlich“, sagt der Mitgefangene Helmut E. über ihn. Man könne es ihm nicht verdenken, dass er „von der Fahne geht“. Schließlich gelte S. als „ungefährlich“. Dennoch lasse man ihn nicht frei. S. habe „nur die Aussicht, hinter Gittern zu sterben“ und sei damit kein Einzelfall.

Tatsächlich ist nur schwer nachvollziehbar, dass das niedersächsische Justizministerium einerseits erklärt, von S. gehe nach gutachterlicher Einschätzung keine größere Gefahr aus, ihn zugleich aber in der Sicherungsverwahrung lässt. Er ist mehrfach vorbestraft, saß aber zuletzt wegen räuberischen Diebstahls, hat also mit Gewalt versucht, Diebesbeute zu behalten, jedoch niemanden verletzt.

Dass seine Mitinsassen nun fürchten, kollektiv unter der Flucht zu leiden, beruht auf Erfahrung: Arne A. etwa, wegen sexuellen Missbrauchs hinter Gittern, lebte nach verbüßter Haft in der JVA Lingen in der Sicherungsverwahrung, hatte vier Jahre Therapie hinter sich und genoss bis Ende Mai zehn Freigänge im Monat.

„Kollektivbestrafung“

Als am 30. Mai ein Mitgefangener bei einem Freigang ein 13-jähriges Mädchen missbrauchte, seien ihm und allen anderen Sicherungsverwahrten sofort sämtliche Vergünstigungen gestrichen, erzählt A. Bis heute habe er keinen einzigen Freigang mehr erhalten. Er wurde zudem nach Rosdorf verschoben. Mit Klagen und Beschwerden kämpft er gegen die „Kollektivbestrafung“, die dem Resozialisierungsgedanken widerspreche.

Arne A. und Helmut E. versuchen, aus der Sicherungsverwahrung heraus eine Diskussionsveranstaltung zu organisieren, bei der sich Forensiker und Kriminologen äußern sollen. Das Forum werde zeigen, „dass das System darauf angelegt ist, dass hier niemand mehr rauskommt“. Denn „80 Prozent der Gefährlichkeitsgutachten sind falsch“, behauptet A.

Das dürfte aber mit jüngsten Forschungsergebnissen kollidieren: Der forensische Psychiater Georg Stolpmann hat soeben eine Studie der Universitätsmedizin Göttingen abgeschlossen, die über 70 Monate das Bewährungsverhalten aller nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte aus nachträglicher Sicherungsverwahrung Freigelassenen untersucht.

Das Ergebnis der noch unveröffentlichten Studie ist ernüchternd: Ehemalige Sicherungsverwahrte werden deutlich häufiger als Haft- oder Maßregel-Entlassene rückfällig. Allerdings: Etwa ein Drittel von ihnen hat auch gar keine Straftat mehr begangen.

CDU verlangt Antworten zur Flucht

Die Flucht eines Straftäters während eines Freigangs beim Einheitsfest in Hannover wird auch den Landtag beschäftigen. Die CDU-Landtagsfraktion verlangte am Sonntag eine Unterrichtung im Rechtsausschuss.

„Man muss sich schon fragen, warum der Freigang eines Sicherungsverwahrten ausgerechnet im Getümmel der größten Veranstaltung Niedersachsens der vergangenen Jahre stattfinden muss“, sagte Vize-Fraktionschefin Mechthild Ross-Luttmann.

„Es gab an diesem Tag sicherlich keinen unübersichtlicheren Ort für einen Freigang.“ Von dem 63-jährigen Flüchtigen fehlt nach Polizeiangaben weiter jede Spur.

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©dpa

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