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Göttingerin schildert ihre Eindrücke aus Paris

Terror-Angriffe am Freitag Göttingerin schildert ihre Eindrücke aus Paris

Die Göttinger Studentin Inken Schroeder war zur Zeit der Anschläge zu einem Auslandsaufenthalt in der französischen Haupstadt. Die Französisch- und Theologiestudentin besucht dort derzeit die Uni Sorbonne Nouvelle. Für das Tageblatt schildert sie ihre Eindrücke vom Freitag.

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Die Göttinger Studentin Inken Schroeder hat die Nacht der Terror-Angriffe in Paris miterlebt.

Quelle: EF

Ich wollte mit Freundinnen ins Stadion gehen, wir haben es abgesagt, weil meine Freundinnen krank waren. Stattdessen sind wir im Wohnheim geblieben und haben einen Film geschaut. Gegen 22 Uhr bekomme ich eine Nachricht per Spiegel-Alert: In Paris gibt es eine Schießerei. Wir sind traurig, betroffen, denken aber nicht, dass es solche Ausmaße haben würde. Wir sehen den Film weiter. Immer wieder schaue ich auf mein Handy, ob es Neuigkeiten gibt. Leider gibt es welche, die Schießereien haben sich ausgeweitet, sie finden an mehreren Orten statt. Im Fußballstadion soll es Explosionen gegeben haben, keiner weiß, ob es Tote gegeben hat, oder ob das Stadion evakuiert wird.

 

Wir fangen an, unsere Freundinnen anzurufen, die überall in Paris verteilt in Restaurants arbeiten. Zum Glück erreichen wir alle, sie machen sich mit der Metro auf den Weg.

 

Mittlerweile sind wir auf französische Liveticker umgestiegen, sie veröffentlichen die betroffenen Straßennamen. Die Bars, in denen geschossen wird, befinden sich in unmittelbarer Nähe zu unserer nächstliegenden Metrostation. Wir rufen unsere Freundinnen an, die sich noch auf dem Weg befinden – sie sollen an einer anderen Station aussteigen, bloß nicht an unserer. Die Geräuschkulisse wird unerträglich: Sirenen, Krankenwagen, aufgeregte Menschen. Minütlich kommen neue Berichte über Tote, Schießereien, die Geiselnahme im Bataclan.

 

Wir haben Angst, suchen die Nähe zueinander und liegen uns irgendwann weinend in den Armen, wir können das Ganze nicht fassen und erreichen eine Freundin nicht, deren Handy-Akku aufgegeben hat. Wir wissen nur, dass sie in einer Metrostation hängengeblieben ist, um die herum alles abgesperrt wurde. Erst um 4 Uhr nachts ist sie eingetroffen. Wir sind erleichtert, dass sie unversehrt nach Hause gelangt ist, und erschüttert, dass so viele Menschen es nicht geschafft haben.

 

Im Gemeinschaftsraum sehen wir uns alle zusammen die Nachrichten an. Es sind fast alle Bewohner des Foyers angekommen, die anderen haben durch die Aktion #PortesOuvertes eine Unterkunft in sicheren Arrondissements gefunden.

 

Zwischendurch sehen wir uns die Rede von Francois Hollande an, er kündigt den Notstand an und schließt die Grenzen. Wir fühlen uns verunsichert, sind in einem Land, das nicht unser Heimatland ist, und die Grenzen sind zu. Erst dann werden wir uns der Tragweite der Lage bewusst. Wir hören die Reaktionen aus Deutschland, England und Amerika. Viele der Worte stärken uns. Als die schrecklichen Meldungen abklingen, beschließen wir gegen 4.30 Uhr, dass wir schlafen wollen. Noch nie waren wir über ein Viererzimmer so dankbar, so müssen wir wenigstens nicht alleine schlafen.

 

Wir können aber nicht schlafen, bei jeder Sirene denken wir, dass es nun in unserer Straße ist, wir sind alle aufgewühlt. Die ganze Nacht antworte ich auf Nachrichten aus Deutschland, die mich von besorgten Freunden oder Verwandten erreicht haben...

 

Die folgenden Tage:

Wir folgen der Empfehlung der Regierung, nicht auf die Straße zu gehen, den Sonnabend verbringe ich mit meinen Freunden und Verwandten telefonierend. Am Nachmittag schaffe ich es, zwei Stunden zu schlafen. Wir teilen unsere Vorräte, weil wir nicht auf die Straße wollen und die Supermärkte ohnehin geschlossen haben. Im ganzen Wohnheim herrscht eine angespannte Stimmung, die ersten sind schon am Morgen abgereist. Wir sitzen im Gemeinschaftsraum und tauschen uns über unseren Freitagabend aus, aber auch über die Geschehnisse. Wir können nicht glauben, dass Menschen einander so etwas antun können. Die Stadt, die uns gestern tagsüber noch so hell und leuchtend erschien und in der es so viele Möglichkeiten gab, erscheint uns dunkel und Furcht einflößend. Wir fragen uns: „Können wir je wieder so selbstbewusst durch die Straßen gehen, wie wir es vorher getan haben?“ „Es ist notwendig, wir müssen selbstbewusst und stolz sein. Sonst haben die Terroristen gewonnen, das ist genau das, was sie wollen.“ - das hört man als Ratschlag, das sieht man in den sozialen Netzwerken, das höre ich Sonntag auf der Straße und am Montag in der Uni.

 

Aber es ist schwer. Erst am Sonntagmorgen verlasse ich das Wohnheim, um in den Supermarkt zu gehen. Es sieht nicht mehr so gespenstisch aus, wie ich es am Sonnabend aus dem Fenster gesehen habe. Die Restaurants und Brasserien, in denen man sich trifft, um brunchen zu gehen, sind halb voll (sonst sind sie brechend voll), aber wenigstens sind Menschen auf der Straße. Viele wirken abwesend, manche haben einen leeren Blick, aber der Pariser Stress geht weiter. Es tut gut zu sehen, dass das Leben weiter geht. Trotzdem fällt es schwer, nicht jeden Moment an das Attentat zu denken.

 

Am Sonntag gehen manche Mitbewohner auf den Place de la République, um dort Blumen niederzulegen. Gegen 19 Uhr kommen sie zurück und zittern am ganzen Leib, sie können sich kaum hinsetzen. Jemand habe „Attentat, Attentat“ geschrien, und es sei eine Massenpanik ausgebrochen. Sie haben die Anweisung bekommen, sich in einem McDonald's zu verbarrikadieren, sich auf den Boden zu legen und sich hinter und unter den Tischen zu verstecken. Die Metro wurde daraufhin in dem Bereich ausgesetzt, Busse fuhren auch nicht mehr, auch keine Taxen. Sie sind den ganzen Weg nach Hause gerannt.

 

Am Montagmorgen bin ich wieder zur Uni gegangen. Dort war eine große Präsenz an Militär und Polizei, weil die Bildungsministerin sich in Bezug auf die Attentate an die Studenten gewandt hat. Eine große Menschenmenge hat sich vor der Uni angesammelt, spontan wurde die Marseillaise angestimmt. Die Schweigeminute habe ich zusammen mit den Studenten der Sorbonne Nouvelle Paris III erlebt, es war sehr bewegend. Jeder denkt an die Attentate, die Straßen sind vergleichsweise leer.

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©dpa

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