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Kommentar: Paris trägt Trauer

Stille Fassungslosigkeit Kommentar: Paris trägt Trauer

Dieser Ort, der sonst zu den quirligsten von Paris gehört, er ist an diesem grauen Samstagmorgen still und bedrückt. Mit blassen Gesichtern machen ein paar Menschen ihre Wochenendeinkäufe beim Bäcker, dem Metzger und dem Käseladen im Viertel, das östlich vom Platz der Republik und dem Kanal Saint-Martin liegt.

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Quelle: afp

Paris.  „Es sind weniger Leute unterwegs als sonst an einem Samstagvormittag“, sagt ein Zeitungsverkäufer in seinem Kiosk. „Eigentlich sieht man mehr Journalisten als Passanten. Ja, die Stille ist eigenartig...“

In der Stille drückt sich die Fassungslosigkeit nach diesem schwarzen Freitag, dem 13., aus, an dem islamistische Terroristen Frankreich tief getroffen haben – bereits zum zweiten Mal in nur einem Jahr nach den Anschlägen vom Januar auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt. Indem sie auf Karikaturisten, Polizisten und Juden feuerten, suchten sich die Attentäter damals ihre Opfer gezielt aus. Nun wurden nach dem Zufallsprinzip Menschen ermordet, die sich amüsieren wollten.

Die Erschütterung war und ist jeweils enorm – aber die Beliebigkeit und die deutlich höhere Zahl der Opfer – man ging am Nachmittag von mindestens 128 Toten und 257Verletzten aus – nach den Anschlägen an diesem Freitag vermittelt noch stärker das Gefühl allgegenwärtiger Gefahr. Und damit wohl genau das Gefühl, das die Terroristen schaffen wollten. Die ganze Nacht und den laufenden Samstag hindurch standen die Menschen per SMS-Nachrichten, Anrufen und über die sozialen Netzwerke in Kontakt, um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung ist. Denn es hätte jeden treffen können – auf der Straße, im Restaurant, im Konzert.

Die Gegend gilt als jung und hip, Kneipen und Cafés reihen sich aneinander und hier steht auch die Konzerthalle „Bataclan“. Nun umzäunen sie Absperrungen der Polizei. Hinter ihnen haben sich internationale Kamerateams aufgebaut, während Journalisten warten, Menschen befragen, die Stimmung zu greifen versuchen. Medienberichten zufolge gab es bereits 2011 Terror-Drohungen gegen die Einrichtung, weil deren Besitzer jüdisch seien. Fortan ist er weltweit bekannt, seit in der Nacht während eines Konzerts der US-Band „Eagles of the Metal“ mindestens 82 Menschen im Kugelfeuer starben.

Vier Islamisten waren kurz vor halb zehn Uhr in die Halle eingedrungen, schossen wahllos um sich, nahmen Menschen als Geisel und sprengten sich schließlich selbst in die Luft oder wurden von Polizei-Einsatzkräften getötet. Augenzeugen berichten von einem „wahren Gemetzel“. „Es dauerte mindestens zehn, 15 Minuten“, beschreibt der Journalist Julien Pearce, der vor Ort war, die Szene. „Sie haben ihre Waffen erneut geladen, sie hatten alle Zeit dafür. … Als die Schüsse aufhörten, liefen wir den Notausgang hinaus und dort haben wir lauter Leute auf der Straße gesehen, die über und über mit Blut bedeckt waren, die Schusswunden.“

Weitere Terror-Aktionen unternahmen Komplizen zeitgleich an fünf anderen Orten, in einem kambodschanischen Restaurant, in einer Bar, auf der Straße. Abgesehen vom Fußballstadion Stade de France in Saint-Denis nördlich der französischen Hauptstadt liegen alle im näheren Umkreis des „Bataclan“.

Dass es sich eben um ein so belebtes Szeneviertel handelt, in dem sie unterwegs waren, wurde den Opfern wohl zum Verhängnis. Die Terrororganisation des selbsternannten Islamischen Staates (IS) erklärt jedenfalls in einem Kommuniqué, in dem sie sich zu den Attentätern bekennt, sie habe auf „gründlich im Vorfeld ausgewählte Orte im Herzen der französischen Hauptstadt“ gezielt, die die „Hauptstadt der Abscheulichkeiten und der Perversion“ sei. In einem drohenden Tonfall heißt es, Frankreich und alle, die ihm folgten, blieben die Hauptziele des IS – und es handele sich „erst um den Anfang des Gewitters“.

Und so bleibt ein diffuses Gefühl der Angst und Unruhe. Ist die Ruhe nach dem Sturm also zugleich eine Ruhe vor dem nächsten? Soll man sich nun nicht mehr aus dem Haus wagen, wie es zunächst empfohlen wurde? Die Regionalwahlen wie auch die große UN-Klimakonferenz im Dezember sollen, unter erneut verstärkten Sicherheitsauflagen, trotzdem stattfinden. Nun werden die Grenzen kontrolliert, Präsident François Hollande hat den Ausnahmezustand verhängt und eine dreitägige Staatstrauer angekündigt. Er beklagt einen „Akt der absoluten Barbarei“ und spricht drastisch von „Krieg“ gegen den Terror.

Große Einkaufszentren wie die Galéries Lafayette, Kinos und Museen blieben am Samstag geschlossen, Touristenmagnete wie der Eiffelturm gesperrt. Doch schon seit den Attentaten vom Januar herrscht ständig höchste Alarmstufe, patrouillieren nicht nur Soldaten, sondern auch Polizisten schwer bewaffnet durch die Straßen, werden besonders sensible Orte, wie jüdische Einrichtungen oder auch Medienhäuser, verstärkt bewacht. Kann eine Stadt in ständiger Furcht und Alarmbereitschaft leben?

„Natürlich muss es weitergehen, das tat es ja auch seit den Anschlägen gegen Charlie Hebdo“, sagt Emmanuelle, eine Mittdreißigerin aus dem Viertel.„Aber heute bin ich nur unterwegs, weil ich einen Arzttermin habe, der schon lange vereinbart war.“ Ja, ihr sei unwohl – „und das ist genau, was sie erreichen wollten, diese Mistkerle“.
Anders als nach den Anschlägen im Januar, wo sich jeden Abend tausende Menschen auf dem Platz der Republik einfanden, um ihre Solidarität mit den Opfern auszudrücken und wo in einem Trauermarsch vier Millionen Personen auf die Straße gingen, gibt es diesmal keine gemeinsamen Gedenkveranstaltungen. 

Bis Mittwoch sind alle Demonstrationen verboten, um größere Menschenansammlungen zu vermeiden. Derweil meldeten die Zentren für Blutspenden Überfüllung. Paris gebe nicht klein bei, hat Bürgermeisterin Anne Hidalgo erklärt. „Paris steht aufrecht.“ Aber die sonst so stolze und strahlende Stadt ist blass; Paris trägt Trauer.

Von Birgit Holzer

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©dpa

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