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Kommentar zum Anschlag auf "Charlie Hebdo": Wer macht denn hier Witze?

Göttinger Tageblatt Kommentar zum Anschlag auf "Charlie Hebdo": Wer macht denn hier Witze?

Es ist die Zeit von Schock, Fassungslosigkeit und Trauer, von Heuchelei und aufrechten Kommentaren. Wir sind geschockt und fassunglos, dass am hellichten Tage in einer westeuropäischen Metropole solch feige Morde möglich sind. Wir Journalisten trauern um Kollegen, die für ihre Arbeit den höchsten Preis bezahlt haben.

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Stellvertretender Chefredakteur des Göttinger Tageblatts Christoph Oppermann.

Quelle: Heller

Es ist schon aufregend, in gedruckten Ausgaben und auf digitalen Kanälen die Vielfalt an Heuchelei zu verfolgen, die im Zusammenhang mit dem Attentat von Paris veröffentlicht wird.

Mal sehen, wie weit die Solidarität mit Satire wirklich hält.

Die klügsten Kommentare äußern die, die am tiefsten in der Materie stecken: Satiriker, Ausstellungsorganisatoren, Publizisten. 
Die schönsten und beeindruckendsten Kommentare stammen von Zeichnern.

Auf dem offiziellen Twitteraccount der bekanntesten französischen Comicfigur ist eine bereits ältere Zeichnung zu finden, die Asterix und Obelix in stiller Verbeugung zeigt. Grau, traurig und ein wenig demütig. Das Gegenstück dazu stammt von Independent-Zeichner Dave Brown. In dessen Grafik steigt aus dem Titelbild des Charlie Hebdo eine Zeichnerhand empor, die den Mittelfinger zeigt.

Jeder könnte in dieser Situation versuchen, feinziseliert zu analysieren, tatsächlich gibt es aber ein paar simple Wahrheiten:

Vor Irren kann man sich nicht schützen. Es spielt auch keine Rolle, unter welcher Flagge diese segeln. Das Ergebnis ist jedesmal dasselbe, und es ist jedesmal schrecklich.

Es hat keinen Angriff der ganzen islamischen Welt auf das Abendland gegeben. Jedenfalls nicht am Mittwoch in Paris. Nach aller Erkenntnis haben zwei Attentäter die Redaktion des "Charlie Hebdo" überfallen und dessen Zeichner und Redakteure eiskalt und feige ermordet. Kalaschnikows gegen Bleistifte - was für eine Heldentat. Erbärmlich.

Die nächste simple Wahrheit: Auch Toleranz hat Grenzen, und zum Attentat von Paris hat diese der Mitherausgeber und frühere Chefredakteur der Titanic, Oliver Maria Schmitt, im "Journal Frankfurt" auf den Punkt gebracht: "Satire ist Kritik mit komischen Mitteln, sie muss immer alles wollen und dürfen." Es kann keine Rolle spielen, ob sich ein Katholik, Protestant, Jude oder Moslem in seinen religiösen Gefühlen verletzt sieht.

Allerdings hat auch Satire selbstgesetzte Grenzen, und die hat in der Donnerstagsausgabe des Tageblatts der Chef des Frankfurter Museums Caricatura, Achim Frenz, definiert: "Allerdings provozieren wir nicht um des Provozierens willen." Wohlgemerkt: selbstgesetzte Grenzen.

Es gibt keine Witzepolizei. Geben wir auch nur einen Fußbreit der Forderung nach, Rücksicht auf "religiöse Gefühle zu nehmen", verlieren wir die Freiheit, uns zu äußern. Wo wäre dann die Grenze?

Die Gesellschaften in Westeuropa sind säkulär, und Witze zum Thema Religion sind nicht nur erlaubt, sondern auch dringend geboten.

Welche Religion? Spielt keine Rolle, jeder Glaubensansatz bietet in verschwenderischer Fülle Aussagen, die selbst talentierteste Satiriker kaum überhöhen können. Übrigens: Wer schützt eigentlich die "Gefühle" solcher, denen der Glaube ans Jenseits und an Heilige fehlt?

"Komik", hat der derzeitige Titanic-Chefredakteur Tim Wolff zum Attentat geschrieben, "ist zu allererst ein Mittel, dem Ernst des Lebens, der die meisten von uns bedrückt, selbst wenn nicht gerade Raketenwerfer in Redaktionsräumen abgefeuert werden, etwas entgegenzusetzen, im besten Falle seiner Herr zu werden."

Nun aber tun wir das, was uns die beiden eingangs erwähnten Zeichnungen vorgegeben haben: Wir verneigen uns vor den Kollegen, die so feige ermordet worden sind, und gedenken ihrer. Und dann werden wir Witze und Cartoons veröffentlichen, wo immer sich Gelegenheit bietet. So hart und pointiert wie möglich. Das dürfen wir, das können wir, und das wollen wir.

Von Christoph Oppermann
stellvertretender Chefredakteur des Göttinger Tageblatts

PS: Wer sich jetzt wirklich mit Satire solidarisch zeigen will, kann ein Titanic-Abo abschließen oder am Wochenende mal die Caricatura-Galerie in Kassel besuchen. Hätte sich auch ohne Anschlag in Paris gelohnt.

Den Autor dieses Kommentares erreichen Sie über c.oppermann@goettinger-tageblatt.de

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©dpa

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