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Das sagen die Griechen: „Während ich mit Ihnen spreche, geht das Land pleite“

Griechische Woche Das sagen die Griechen: „Während ich mit Ihnen spreche, geht das Land pleite“

Welche Sorgen und Hoffnungen haben die Rentner, Lehrer und Studenten in Griechenland, während die Mächtigen Europas über die Zukunft ihres Landes entscheiden? Unsere Reporterin Marina Kormbaki ist eine Woche vor Ort und berichtet jeden Tag aus dem Alltagskrimi. Heute: „Während ich mit Ihnen spreche, geht das Land pleite“ –  Das sagen die Griechen.

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„Während ich mit Ihnen spreche, geht das Land pleite“ –  Das sagen die Griechen.

Quelle: dpa

Wann man mit den Griechen auf den Straßen von Athen spricht, dann hört man durchaus unterschiedliche Meinungen zur aktuellen Lage in Griechenland, zu, Umgang der EU mit dem krisengebeutelten Staat und zum Referendum am Sonntag.

Areti Parisi, 47, Optikerin

„Diese Tage sind Tage der Lähmung. Ich weiß nicht, ob ich beim Referendum mit Ja oder Nein stimmen soll. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich weiß, worum es da eigentlich geht. Sachliche Argumente bekommt man ja nicht zu hören. Ich weiß nur, dass ich meine Lieferanten nicht bezahlen kann, denn die verlangen die Rechnungen in bar, während meine Kunden meist mit Karte zahlen. Es ist alles so verfahren, eine ernsthafte Lösung für unser Geldproblem ist  nicht in Sicht. Die EU ist schuld, unsere Politiker sind schuld, vor allem aber sind wir griechische Bürger schuld an unserer Lage.“

 

Jannis Psomopoulos, 81, Rentner

„Ich habe lange anstehen müssen, um mir 120 Euro von meiner Rente auszahlen zu lassen. Eine Strapaze. Aber Tsipras kann nichts dafür, er ist ein guter Junge. Er will das Beste für sein Volk. Die anderen Regierungschefs  vor ihm haben doch diese unwürdigen Verträge mit den Gläubigern unterschrieben. Tsipras muss jetzt für deren Fehler büßen.“

 

Niki Panagopoulou (links), 35, Evi Moutsopoulou, 33, Bankangestellte

Evi: „Ich kann gut verstehen, dass die Europäer genug von uns haben. Wann immer unsere Regierung nach Brüssel kommt, brennt sie ein neues Feuerwerk ab. Sie hat offenbar keinen Plan, keine langfristige Strategie. Das macht mir große Sorge.“
Niki: „Es gibt keine Kultur der Kontinuität. Unsere Politiker sind nicht fähig zur Zusammenarbeit. Das sind schlechte Voraussetzungen zur Lösung eines wirklich großen Problems.“

 

Nikos Ikonomou, 27, Archäologe, zurzeit im Wehrdienst

„Ich fürchte, die meisten meiner Landsleute haben noch nicht verstanden, worum es bei den Verhandlungen mit den Geldgebern geht. Stattdessen macht sich jetzt, vor dem Referendum, eine gefährlich trotzige Stimmung breit. Jeder entdeckt plötzlich den Revolutionär in sich, meint mit einem ,ja‘ oder ,nein‘ eine ernst zu nehmende, fundierte Meinung zu vertreten. Argumente? Fehlanzeige. Das beunruhigt mich.“

 

Konstantinos Papadimitriou, 25, studiert europäische Geschichte

„Klares Nein zum Referendum, klare Verweigerung. Griechenland hat keine Zukunft im Euro und auch keine in der EU. Dort werden wir bloß hineingezogen in den globalen, kriegerischen Wettstreit der großen Volkswirtschaften. Lasst uns unsere eigene kleine Wirtschaft aufbauen und die Gewinne den Krankenhäusern, den Schulen, den Bedürftigen zuführen. Das sind vielleicht keine rosigen Aussichten, aber allemal besser als das, was wir jetzt haben. Lasst es uns versuchen.“

 

Nikolaos Karageorgopoulos, 73, Rentner, Vizevorsitzender des Verbandes griechischer Rentner

„Das Referendum wird überschätzt. Jetzt, während ich mit Ihnen spreche, geht das Land pleite. Die entscheidende Frage ist, wie wir das Vertrauen der Europäer wiedergewinnen können – für einen Neuanfang mit einer anders zusammengestellten Regierung. So geht's nicht  weiter. Ich habe 37 Jahre lang für eine große US-Bank in Athen gearbeitet. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass Menschen – Rentner – zur Bank gehen, stundenlang anstehen und oftmals ohne ihr Geld heimkehren. Das macht mich fassungslos."

 

Jannis, 37, Polizist

„Eins verstehe ich nicht. Noch bis vor kurzem jammerten die Griechen, sie hätten kein Geld, seien schlimm dran – und jetzt stehen sie Schlange am Geldautomaten. Arm oder nicht, was denn nun? Die Lüge ist das größte Problem dieses Landes, hier sind viele Lügen in Umlauf, angefangen bei den Politikern. Aber ich bleibe Optimist. Die Geschichte der Griechen steckt voller Tragödien, aber nie haben sie sich unterkriegen lassen.“

 

Jiorgos Christodoulopoulos, 25, Lieferant

„Ach, dieses ganze Gerede um Politik. Ich bin einfach nur froh, dass ich Arbeit habe. Ich liefere auf meiner Vespa Kaffee an Cafés. Das wirft natürlich nicht viel ab. Daher gehe ich am Sonntag auch nicht wählen – ich müsste dazu von Athen aus zu meinem Dorf auf der Peloponnes fahren, wo ich registriert bin. Aber ich kann keine 60 oder 70 Euro für Benzin aufbringen. Volksabstimmung ohne mich.“

 

Marie Boussart, „etwas über 70“, Rentnerin aus Frankreich

„Mein Mann ist Künstler, es war sein Wunsch, aus Frankreich nach Griechenland zurückzukehren. Seit einigen Jahren leben wir nun schon hier. Aber ehrlich gesagt sehne ich mich nach Frankreich. Das Leben hier ist schwer, die Menschen sind so durcheinander. Die Mächtigen spielen mit ihren Gefühlen, und vielen mangelt es an Bildung, um die Spielchen zu durchschauen. Aber die EU trägt zu diesem Wirrwarr bei. Sie hätte nicht zulassen dürfen, dass der Internationale Währungsfonds hier das Sagen hat.“

 

Alexandros Tsichlakis, 22, studiert Betriebswirtschaftslehre

„Ich bin besorgt, beunruhigt – ja: Ich habe Angst. Was, wenn die Leute hier am Sonntag mit Nein stimmen? Lassen uns dann die Europäer dann fallen? Für uns junge Menschen ist es doch jetzt schon schlimm, kaum wer hat Arbeit. Ich habe nächstes Jahr meinen Abschluss. Ich hätte dann schon gern eine andere Arbeit als meinen jetzigen Kellnerjob.“

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