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Drei Millionen Griechen ohne Krankenversicherung.

Griechische Woche Drei Millionen Griechen ohne Krankenversicherung.

Welche Sorgen und Hoffnungen haben die Rentner, Lehrer und Studenten in Griechenland, während die Mächtigen Europas über die Zukunft ihres Landes entscheiden? Unsere Reporterin Marina Kormbaki ist eine Woche vor Ort und berichtet jeden Tag aus dem Alltagskrimi. Heute: Die Klinik der Idealisten – drei Millionen Griechen ohne Krankenversicherung.

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Blick in die Apotheke Boteas des Krankenhauses.

Quelle: Kormbaki

Athen. Man kann das Meer sehen von hier aus. Eine frische Brise vertreibt die Mittagshitze aus dem weiten Gelände am Rande Athens, im gelb getünchten Flachbau schlagen die Menschen in diesen dröhnend lauten griechischen Tagen einen überraschend leisen, freundliche Umgangston an.

Es ist kein Feriendomizil, es ist ein Krankenhaus – eines für die Ärmsten und Bedürftigsten. Petros Boteas bemerkt die Verwunderung der Besucherin. „Wir sind ein Beweis dafür, dass es anders zugehen kann in Griechenland. Gut organisiert, fair und solidarisch.“

Zu den vielen Leidtragenden der griechischen Schuldenkrise zählt ganz besonders das Gesundheitssystem des Landes. Die aus Einsparungen und Stellenstreichungen zusammengesetzte Krisenpolitik der vergangenen fünf Jahre hat dramatische – manche sagen auch: tödliche – Auswirkungen. Tausenden Ärzten und noch mehr Pflegerinnen wurde gekündigt, viele sind von sich aus gegangen, ins Ausland.

Die Folge sind überbelegte Zimmer, ein katastrophaler Betreuungsschlüssel des Pflegepersonals – eine Schwester für 40 Patienten ist keine Seltenheit – und die unzureichende technische Ausstattung der Kliniken mit Vorräten an Medikamenten.

Auf der anderen Seite, der Seite der Patienten, hat die mit 27 Prozent bedrückend hohe Arbeitslosigkeit weite Teile der Bevölkerung in eine Notlage gebracht. Drei Millionen der 10,8 Millionen Griechen haben heute keine Krankenversicherung und sind somit ausgeschlossen von der Gesundheitsversorgung, können keinen Arzt aufsuchen und keine Medikamente kaufen.

Hinzu kommen die vielen Einwanderer aus den Staaten Afrikas und des Nahen Ostens, die keinerlei Anspruch auf eine Gesundheitsversorgung haben. Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ hat schon vor einiger Zeit Personal aus Krisengebieten in Afrika und Asien nach Griechenland beordert.

„Im Jahr 2011 haben wir erkannt, dass die Finanzkrise im Land dramatische Folgen für die Gesundheit der Menschen haben würde“, sagt Petros Boteas, „und wir haben reagiert.“ Sechs Ärzte haben damals die Klinik Elliniko gegründet, sie wollten ihre Hilfe anbieten – ehrenamtlich und ganz ohne staatliche, privatwirtschaftliche oder parteipolitische Einflussnahme.

Inzwischen arbeiten 250 Menschen stunden- oder tageweise für die Einrichtung – davon 110 Ärzte jeglicher Fachbereiche (zurzeit fehlt bloß ein Lungenarzt), viele Pfleger, Pharmazeuten, Psychologen, aber auch Nicht-Mediziner. Petros Boteas zum Beispiel ist Maschinenbauingenieur im Ruhestand. Er kümmert sich um die Verwaltung der Krankenakten, um die Medikamentenausgabe, um alles Mögliche, worum er sich kümmern kann.

Denn es fällt viel Arbeit an. Die Klinik zählt 1200 Krankenbesuche pro Monat. Die Tendenz ist leider steigend. Immer wieder müssen Patienten abgelehnt werden, weil es Menschen gibt, die der Hilfe der Freiwilligen dringender bedürfen. „Besonders schlimm ist“, sagt Petros Boteas, „dass uns inzwischen auch immer mehr staatliche Krankenhäuser um Unterstützung bitten, wir helfen ihnen mit Medikamenten aus.“

Die Klinik ist in einer ehemaligen US-Streitkräftebasis untergebracht, es gibt einige Lagerräume und mehrere Behandlungszimmer: für Gynäkologen, Herzspezialisten, Pathologen, Zahnärzte, Psychologen. Die Professionalität der Einrichtung hat sich inzwischen europaweit herumgesprochen. Privatpersonen, aber auch Firmen und gemeinnützige Initiativen stellen Spenden, medizinische Geräte und Medikamente zur Verfügung, ohne Gegenleistung. Auf der Website der Klinik ist zu lesen, woran es gerade mangelt. Ein Österreicher fuhr jüngst in einem Transporter voll mit Medikamenten vor, Deutsche lieferten ein Spezialgerät für Kardiologen an.

„Wissen Sie, wir wollen keine Philanthropen sein – Philanthropen geben anonym und sind damit zufrieden. Wir wollen eine Beziehung zu den Menschen aufbauen, die misstrauisch und in gebückter Haltung unsere Praxis betreten.“ Petros Boteas lebt sein Ideal von einer gerechten Welt, man hört das aus beinah jedem seiner Sätze heraus.

„Wenn Menschen ohne Bezahlung ihrer Berufung nachgehen, ohne Hierarchien und ohne die Einmischung von Parteien, haben Sie gleich ein ganz anderes Klima. Unsere Ärzte hier haben eine beinah freundschaftliche Beziehung zu den Patienten. Es geht uns um Menschen, nicht um Symptome.“

Den Einsatz der Freiwilligen ehrte jüngst auch das EU-Parlament mit einem Preis für Zivilcourage – doch die Klinik Elliniko lehnte ab und teilte schriftlich mit: „Die beste Ehrung für unsere Klinik wäre, wenn das Europäische Parlament gegenüber der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfond darauf hinwirkt, dass das griechische Gesundheitssystem aus den Verhandlungen um ein Kreditprogramm für Griechenland herausgehalten wird und stattdessen mehr Geld in diesen Bereich fließt, um der humanitären Krise im Land etwas entgegensetzen zu können.“

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