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Prophet im 
eigenen Land?

Der "Gerd" wird 70 Prophet im 
eigenen Land?

Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder wird 70 – gemessen an seinem Parteigenossen 
Helmut Schmidt ist das kein Alter. 
Der Hannoveraner hätte nichts dagegen,
 auch noch zum Elder Statesman zu werden.

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"Acker", Kanzler und nun Elder Statesman? An Gerhard Schröder scheiden sich stets die Geister.

Quelle: reuters

Berlin/Hannover. Dem Privatmann Gerhard Schröder kann man, selbst wenn man es nicht darauf anlegt, hin und wieder in Hannover begegnen. Früh morgens streift er bisweilen mit Terrier Holly um den Maschsee, sorgsam darauf bedacht, dass sich der Hund und die allgegenwärtigen Kampfradler nicht zu nahe kommen. Auch wundert sich niemand im Viertel über den Kanzler a. D. in der Schlange vor der Supermarktkasse oder beim mittäglichen Schülertransport von und nach Waldhausen, zumal seine Ehefrau Doris vielerorts zu verstehen gegeben hat, dass sie als aktive Politikerin einen Anspruch erhebt auf eine gerechte Arbeitsteilung in der Kleinfamilie.

Es lässt sich freilich auch ein vollkommen anderes Bild von Gerhard Schröder zeichnen. Wie er so dasitzt, grauer Maßanzug, Seidenkrawatte, der Teint vielleicht eine Spur zu dunkel, die Fingerspitzen sanft aneinander getippt im Rhythmus der Argumente, immer bereit, das Wolfslächeln anzuschalten – der könnte schon noch Kanzler. Nun gut, das haben manche in der SPD vor nicht allzu langer Zeit auch über Helmut Schmidt noch gesagt, aber das spiegelte bloß die schiere Verzweiflung über die augenblickliche Parteiführung wider. Bei Schröder ist das etwas anderes. Er ist ein Vierteljahrhundert jünger als der Elder Statesman aus Hamburg, könnte seiner Partei also durchaus helfen, aber er strebt nicht zurück in die Politik. Freilich, mit bald Siebzig jetzt in die Rolle des Weltendeuters, des ökonomischen Gewissens, des Propheten à la Schmidt zu schlüpfen, das würde ihm schon gefallen.
Dafür tut der Altkanzler, den man in seinem Beisein tunlichst nicht so nennen sollte, einiges. Er setzt sich auf Podien mit Wirtschaftslenkern und Großpublizisten, stellt Bücher vor, hält Vorträge, auch gegen Honorar, das er häufig spendet für einen guten Zweck.

„Wenn Sie mal Kanzler waren, können Sie keinen anderen Politikberuf mehr ergreifen“, sagt Schröder in dem kürzlich erschienen Interviewbuch „Klare Worte“ (Herder-Verlag). Damit spricht er ein Phänomen an, mit dem umzugehen die deutsche Politik noch wenig Übung hat. In der Zeit der Bonner Republik waren die Spitzenämter von Persönlichkeiten besetzt, die am Ende ihrer Amtszeit ohne Weiteres in ein Rentnerdasein hinübergleiten konnten. Man muss nicht immer gleich das Beispiel Konrad Adenauer heranziehen, der in dem Alter, das Gerhard Schröder jetzt erreicht hat, noch lange nicht Kanzler war und es dann vierzehn Jahre lang blieb. Aber es ist auch niemand auf die Idee gekommen, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Willy Brandt, Helmut Schmidt oder Helmut Kohl am Ende ihrer Amtszeit zu fragen, welchen Beruf sie denn nun ergreifen würden. Schröder, und nach ihm Bundespräsident Christian Wulff, waren am Ende ihrer Amtszeit in einem Alter, das ein Leben im Stil von Waldorf und Statler, den beiden nörglerischen Alten im Muppet-Show-Theater, nicht für erstrebenswert erscheinen ließ.

Das abrupte Ende seiner Politikerkarriere nach der – freilich absehbaren – Wahlniederlage 2005 hat Schröder genutzt für einen Seitenwechsel. Seine politische Karriere sollte ihm, das hat er sich nie gescheut, offen zu sagen, endlich auch einen finanziellen Ertrag bringen. Zwar gibt der frühere Bundeskanzler als Beruf wieder Rechtsanwalt an, doch das heißt nicht, dass er auch beruflich in seine früheren hannoverschen Kreise zurückgekehrt ist. Schröder ist als Wirtschaftsmanager ein Global Player. Unter anderem leitet er den Aufsichtsrat, den Aktionärsausschuss, wie man in der Schweiz sagt, der Nord Stream AG. Das Unternehmen mit Sitz im Schweizer Kanton Zug bildet das Betreiberkonsortium der Ostseepipeline. Die Gasleitung zwischen dem russischen Wyborg und Lubmin bei Greifswald in Vorpommern ist seit gut zwei Jahren ohne nennenswerte Vorfälle in Betrieb.

Schröder hatte den Job 2006 übernommen – wenige Monate nachdem er als Bundeskanzler mit Russlands Präsident Wladimir Putin die Absichtserklärung zum Bau der Pipeline unterzeichnet hatte. Seither leitet er die Sitzungen des etwa viermal im Jahr tagenden Gremiums. Die finden in der Regel am Flughafen in Zürich statt. Schröder habe Probleme, die zwischen den Vertretern der Anteilseigner Gazprom, Wintershall, e.on, Gasunie und GDF Suez aufgekommen seien, „extrem gut gemanagt“, berichtete dieser Tage Nord-Stream-Sprecher Ulrich Lissek. „Wir wären ohne ihn an vielen Punkten heute nicht da, wo wir sind.“ Schröder habe außerdem bei Nord Stream kein weiteres Aufsichtsratsmandat, heißt es in seinem Berliner Büro, das ihm als Kanzler a.D. zur Verfügung steht. Im Wirtschaftsteil der Zeitungen tauchen immer einmal wieder Meldungen auf, dass er hier und dort als Lobbyist und Berater unter anderem für Auftraggeber aus China, Libyen und der Schweiz tätig sei. ­Natürlich erhält er die gesetzlich vorgesehene Kanzlerpension.

Es liegt nahe, dass Schröder bei seinen öffentlichen Auftritten in diesen Tagen häufig angesprochen wird auf das Verhältnis zu seinem Duzfreund Wladimir Putin. Vor allem das Bonmot vom „lupenreinen Demokraten“ hängt ihm an, nur scheinbar rückt er davon ab. Der Begriff sei nicht von ihm gewählt worden, sagt Schröder, sondern von dem Fernseh-Talkmaster Reinhold Beckmann. Vielleicht hätte er den Ausdruck damals so nicht stehen lassen sollen, aber im Übrigen habe er einen Menschen klassifiziert, und kein System. Zwischen Schröder und seine Freunde soll eben kein Blatt Papier passen.
Bei den Sozialdemokraten fangen sie gerade an, „unseren Gerd“ wieder mehr zu mögen. Vor Monaten noch hatte der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel in einem Interview gesagt, die „Agenda 2010“ passe „nicht zu den Genen der SPD“. Das muss wehtun, wenn man von der amtierenden Bundeskanzlerin noch heute in Regierungserklärungen Dankesbezeugungen dafür bekommt, dass die Reformen während der eigenen Kanzlerschaft den deutschen Sozialstaat modernisiert und überlebensfähig gemacht haben. Und das tut doppelt weh, wenn man überall in der Welt zu Vorträgen darüber eingeladen wird, wie man das gemacht hat. Mit seiner zweiten großen Lebensleistung, die Deutschen herausgehalten zu haben aus dem Irak-Krieg, haben sich die Genossen schnell verbunden gefühlt. Dass auch die „Agenda“ ein politisches Meisterstück – mit Webfehlern – gewesen ist, wird eines Tages auch die SPD noch begreifen.

Eine deutsche Illustrierte hat sich vor Kurzem auffällig große Sorgen gemacht: Eines der vielfältigsten politischen Talente dieses Landes könnte ungenutzt verkümmern. Eine in Jahrzehnten erprobte Schröder-Beobachterin und erfahrene Gesellschaftsreporterin hat, um der Sorge Ausdruck zu verleihen, ein Porträt verfasst, so schwärmerisch, dass man schon wieder Mitleid haben muss mit dem Kanzler a. D. Es habe etwas Verlorenes, stand da zu lesen, wie der Großpolitiker mit seinem Charisma, seinem Mutterwitz, seinen rhetorischen Gaben und seiner Intelligenz um Zuwendung buhlen müsse auf politisch zweitrangigen Veranstaltungen. Wenn er nicht Zeit mit seiner Familie verbringen müsse in Hannover-Waldhausen, im Ferienhaus auf Borkum oder an der türkischen Mittelmeerküste, wo er neuerdings ebenfalls ein Feriendomizil besitze, dann hetze er in Privatfliegern, die seinen besten Freunden gehörten, durch die Welt, um Vorträge zu halten und Firmen zu beraten. Da blühe der Mann dann regelrecht auf. Wenn er aber, was er tue, für einen Kindergeburtstag oder einen Elternabend einen lukrativen Redeauftritt sausen lasse, dann wirke er regelrecht traurig, verdüstert.

Ganz so schlimm wird es wohl nicht sein. Wenn nicht alles täuscht, dann hat Schröder den Weg eingeschlagen, künftig häufiger den Elder Statesman zu geben. Bis Helmut Schmidt hat er noch 25 Jahre. Die Gene dazu hat er. Seine Mutter ist 99 Jahre alt geworden.

Feier im Rathaus

Der rote Teppich wird nicht ausgerollt, wenn Gerhard Schröder am Montag, an seinem 70. Geburtstag, das Rathaus der Landeshauptstadt Hannover betritt. Der Tag ist jedoch, wie stets, wenn Ehrenbürger der Stadt runde Geburtstage feiern, Anlass für Oberbürgermeister Stefan Schostok, den früheren Bundeskanzler mit einem Empfang zu ehren. Etwa 180 Gäste werden im Foyer erwartet. Die Stadt verrät die Gästeliste noch nicht. Es wird aber viel Stadtprominenz erwartet. Scorpions-Sänger Klaus Meine, Chirurg Madjid Samii und Carsten Maschmeyer zählen dazu. Ministerpräsident Stephan Weil hält die Laudatio, Sozialdemokraten erwarten, dass unter den Zuhörern unter anderen Peer Steinbrück, Peter Hartz und Walter Riester sein werden. Die Kanzlerin ist zwar am Montag auf der Hannover-Messe, aber kaum auf Schröders Geburtstag. Auch in Berlin feiert der Bundeskanzler a. D. Am Sonntagabend bittet SPD-Chef Sigmar Gabriel ins Restaurant von Sarah Wiener.

gum

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©dpa

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