Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
„Sie sind auch eine Dame“

Opfer-Mutter fleht Zschäpe um Aufklärung an „Sie sind auch eine Dame“

Der NSU-Prozess spielt auf zwei Ebenen: Die juristische Ebene beherrscht der Vorsitzende Richter tadellos. Wenn es aber um den Schmerz und die Trauer der Angehörigen geht, wirkt er oft unsicher.

Voriger Artikel
Ein emotionaler Zeugenauftritt
Nächster Artikel
Ukrainischer Regierungschef bleibt im Amt

„Denken Sie bitte immer an mich, wenn Sie sich ins Bett legen“: Ayse Yozgat, Mutter des Kasseler NSU-Opfers Halit Yozgat appelliert an Beate Zschäpe.

Quelle: dpa

München. Manchmal scheint es, als fänden zwei Prozesse gleichzeitig statt im Saal A 101 des Münchner Strafjustizzentrums: In dem einem Prozess geht es um Indizien, Protokolle, Gutachten - um ein kleinteiliges Mosaik, aus dem irgendwann ein Bild des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) werden soll. In dem anderen Prozess geht es um Schmerz, Trauer, Schuld, Sühne - vielleicht auch um Verarbeitung und Wiedergutmachung. Der erste Prozess soll zu einem Urteil führen, das der Prüfung durch den Bundesgerichtshof standhält. Der zweite Prozess könnte den Angehörigen helfen, etwas Frieden zu finden.

Am Dienstag trat Ismail Yozgat als Zeuge vor das Oberlandesgericht - doch das, was er sagte, war weit mehr als die Schilderung von Tatsachen: Yozgat legte Zeugnis ab für seinen Sohn, für Halit, den die Terroristen im Alter von 21 Jahren ermordeten, am 6. April 2006 in seinem Internetcafé in Kassel.

Yozgat erzählte nicht einfach, wie er seinen Sohn fand - in seinem Blut hinter dem Tresen liegend, niedergestreckt mit zwei Schüssen in den Kopf - der Vater schrie seinen Schmerz hinaus, er sprang von seinem Stuhl auf, immer wieder rief er: „Er hat keine Antwort gegeben!“ Und als er schildern sollte, in welcher Position sein Sohn lag, da legte er sich selbst auf den Boden des Gerichtssaals, das Gesicht auf den Teppich gedrückt, zu Füßen der Richter, aber auch der Angeklagten.

Am Mittwoch sprach die Mutter von Halit Yozgat. Es wurde ein Appell an die Hauptangeklagte Beate Zschäpe - und Ayse Yozgat sprach sie so an, wie noch niemand in diesem Prozess Zschäpe angesprochen hat. „Sie sind auch eine Dame“, begann sie. „Ich spreche als Mutter von Halit Yozgat. Ich bitte Sie, dass Sie all diese Vorfälle aufklären. Weil Sie eine Frau sind, denke ich, dass die Frauen sich gegenseitig verstehen.“

Seit dem Mord an ihrem Sohn könne sie immer nur zwei Stunden lang schlafen. „Ich habe immer gedacht, warum ist das geschehen. Sie müssen nicht die Sünden anderer auf sich nehmen. Aber ich bitte Sie um Aufklärung.“ Ayse Yozgat sprach Türkisch, ein Dolmetscher übersetzte: „Denken Sie bitte immer an mich, wenn Sie sich ins Bett legen. Denken Sie daran, dass ich nicht schlafen kann.“

Die Aufteilung des Gerichtssaals verhindert, dass Angeklagte und Nebenkläger allzu direkt miteinander konfrontiert werden. Aber das Gesicht von Ayse Yozgat, die im hinteren Teil des Saals saß, wurde groß auf eine Leinwand projiziert. Und Zschäpe, die oft genug in diesem Verfahren völlig unbeteiligt wirkt, hörte aufmerksam zu. Stocksteif saß sie auf ihrem Stuhl, den Blick auf die Leinwand gerichtet. Als Ayse Yozgat ihren Appell beendet hatte, blieb Zschäpe noch einen Moment wie erstarrt sitzen.

Vielleicht wäre das der Moment gewesen, in dem der Vorsitzende Richter das Wort an Zschäpe hätte richten können. Vielleicht hätte er sie einfach fragen müssen, ob sie ihr bisheriges konsequentes Schweigen nun brechen und etwas sagen will. Doch Manfred Götzl mag ein Meister des ersten, des formaljuristischen Prozesses sein - die zweite Ebene, mit den Gefühlen der Angehörigen, mit dem Schmerz und der Trauer, diese Ebene scheint ihm fremd.

Vielleicht ist es für Götzl auch nicht so wichtig, ob Zschäpe aussagt, so lange sich die Tatvorwürfe mit anderen Beweismitteln klären lassen. Für ein Urteil sind Sachbeweise ohnehin eine viel wichtigere Grundlage. Jedenfalls fragte er Zschäpe nicht, ob sie etwas sagen wolle.

Stattdessen rief Götzl den nächsten Zeugen auf, einen BKA-Beamten. Dann folgten zwei Rechtsmediziner und Ausführungen über „Schwellungen und Verschiebungen der Hirnsubstanz“. Es ging um die Obduktion von Halit Yozgat. Seine Mutter hatte den Saal da schon verlassen.

Jochen Neumeyer/dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
41. Verhandlungstag im NSU-Prozess
Foto: Ismael Yozgat, Vater des NSU-Opfers Halit Yozgat, sagt am Dienstag im NSU-Prozess aus.

„Er hat keine Antwort gegeben.“ Sehr emotional schildert Halit Yozgats Vater vor dem NSU-Prozess, wie er seinen Sohn fand, als dieser von den NSU-Terroristen in seinem Internet-Café erschossen worden war.

  • Kommentare
mehr
Mehr aus Politik
Anschläge in Paris

©dpa

Die Karikatur des Tages

Zum Schmunzeln und Kopfschütteln: So sehen Karikaturisten die Welt.

25. April 2017 - Alev Doğan in Allgemein

Welches Glück müssen wir jahrzehntelang gehabt haben, dass wir in Frieden und relativ sicher in Deutschland leben konnten – mit all den Türken, die das Land bevölkern.

mehr